Korbjäger gibt Körben Korb

Andreas Wenzl verteidigt mit seinem Körper den Ball, jetzt hat er sein Spielgerät freiwillig abgegeben. Foto: Rudi Apprich
Andreas Wenzl verteidigt mit seinem Körper den Ball, jetzt hat er sein Spielgerät freiwillig abgegeben. Foto: Rudi Apprich
THOMAS FRIEDRICH 19.01.2013
Fünf Jahre lang lebte Andreas Wenzl nur für den Sport, gab mit 16 sein Bundesliga-Debüt für ratiopharm Ulm als damals jüngster Spieler aller Zeiten. Als 19-Jähriger beendet der Kuchener seine Basketball-Karriere.

Mit 16 Jahren hat Andreas Wenzl das Elternhaus in Kuchen verlassen und sich fortan voll auf seinen Sport konzentriert. "Basketball war mein Leben", sagt Wenzl. Als 19-Jähriger befindet er sich jetzt auf der Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Der alte hat seine Bedeutung für ihn verloren.

Nach dreimonatiger Verletzungspause fiel das Comeback auf dem Parkett im Dezember völlig anders aus als erwartet. Schon nach den ersten Trainingseinheiten merkte Wenzl, dass etwas fehlte: "Das Feuer für diesen Sport war weg." Das Knie fühlte sich "nicht mehr so an wie vor der Verletzung" und sein Arzt hatte ihn gewarnt, eine erneute Meniskusverletzung bedeute das endgültige Karriere-Ende.

Das hat Wenzl jetzt vorgezogen, um sich voll auf seine berufliche Zukunft zu konzentrieren. Hätte ihn eine Verletzung in einigen Jahren dazu gezwungen, wäre ihm mit Mitte zwanzig der Umstieg "noch schwerer" gefallen. Jetzt fühlt er sich mit der Fachhochschulreife in der Tasche noch jung genug für eine Berufsausbildung. Eine Richtung hat er noch nicht, er sucht derzeit eine Ausbildungsstelle "in allen möglichen Bereichen".

Thomas Stoll, Manager von Bundesligist ratiopharm Ulm bescheinigt dem 2,10 Meter langen Center aus Kuchen noch immer "ein riesiges Potenzial". Das liegt künftig brach, nach fünf Jahren totaler Fokussierung auf Basketball ist jetzt Schluss. 2007 wechselte Wenzl ins Ulmer Nachwuchsteam, zweimal wurde er in der Nachwuchsrunde NBBL ins Allstar-Team gewählt. Zwei Jahre lang lernte er an einem Ulmer Gymnasium und wohnte in einer WG mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Michael, ehe er im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Ulmer Reha-Center arbeitete. Anschließend lebte er drei Monate lang als Profi, bevor ihn der Außenmeniskus stoppte.

Wenzl räumt auf mit der Mär vom Traumberuf Leistungssportler. Nach dem Vormittagstraining brauchte er die drei Stunden Pause, um sich "vom ersten Training zu erholen". Nach der zweiten Übungseinheit "will man nur noch schlafen", erinnert sich der 19-Jährige. Er beschreibt das Profi-Leben als "viel härter als man denkt" - ohne den Knie-Fall hätte er es aber "sicher weitergeführt". Mit einem gesunden Außenmeniskus wäre das Feuer für Profi-Basketball so schnell nicht erloschen. So reichten nach dem Wiedereinstieg sechs Wochen intensiven Abwägens, um "schweren Herzens" die Entscheidung zum Aufhören zu treffen.

Sport gibts künftig nur noch in homöopathischer Dosierung und auf Freizeitniveau. Vor seiner Karriere schwamm Wenzl vier Jahre lang bei der TG Geislingen. Eine Rückkehr ins Becken könnte sich der Kuchener, der seit Dezember wieder bei den Eltern lebt, vorstellen. Zumal er Schwimmen im Vergleich zu Basketball als die "gelenkschonendere" Sportart erkennt.

Nachdem der einstige Korbjäger den Körben für immer einen Korb gegeben hat, spielt nur noch ein Wenzl Basketball. Andreas will seinen Bruder Michael, derzeit ausgeliehen an Zweitliga-Tabellenführer Göttingen, demnächst mal besuchen. Der Ältere verschwendet keinen Gedanken ans Karriereende, weil er einen unschätzbaren Vorteil besitzt, um den ihn Andreas beneidet. Michael Wenzl hat eine abgeschlossene Berufsausbildung und könnte sofort ins Berufsleben einsteigen. Falls eine Verletzung ihn dazu zwingt oder das Feuer für Basketball erlischt.

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