Hohenlohe Kopfschuss gegen die Revolution: Der Trittbrettfahrer

Hermann Souchon (hier im Jahr 1969) gilt heute als Mörder Rosa Luxemburgs - auch wenn er die Tat bis zu seinem Lebensende bestritt. Nach dem Krieg lebte er einige Jahre in Hohenlohe.
Hermann Souchon (hier im Jahr 1969) gilt heute als Mörder Rosa Luxemburgs - auch wenn er die Tat bis zu seinem Lebensende bestritt. Nach dem Krieg lebte er einige Jahre in Hohenlohe. © Foto: Fritz Fischer (dpa)
Hohenlohe / SEBASTIAN UNBEHAUEN 20.03.2015
Hermann Souchon ist der mutmaßliche Mörder von Rosa Luxemburg. Was bisher kaum bekannt war: Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in Hohenlohe.

Es ist der 15. Januar 1919, ein Schicksalstag deutscher Geschichte. Soldaten einer Berliner Bürgerwehr haben die Anführer der deutschen Kommunisten, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, aufgestöbert und an die Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD) ausgeliefert. Die GKSD, ein Großverband der preußischen Armee, will nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wie zahlreiche andere Freikorps ehemaliger Frontsoldaten für „Ordnung“ im Innern sorgen. Das Feindbild: die Revolution, die drohende Räterepublik nach russischem Vorbild. Und damit: Luxemburg und Liebknecht, die Verfechter des radikalen Wandels. Sie müssen weg, als Dienst an Volk und Vaterland sozusagen. Heute weiß man: Sie wurden ermordet. Und man weiß auch: Jener Marineoffizier, der Rosa Luxemburg mit großer Wahrscheinlichkeit den tödlichen Kopfschuss verpasste, hieß Hermann Wilhelm Souchon – und lebte mit seiner Familie nach dem Krieg bis 1959 im Hohenlohischen, zunächst auf Schloss Morstein bei Dünsbach, anschließend in Crailsheim.

Die Tat: Waldemar Pabst, erster Generalstabsoffizier der GKSD, war der Urheber des Mordkomplotts im Jahre 1919. Wie ein solches aussehen durfte es freilich nicht. Die Version für die Öffentlichkeit: Zunächst Liebknecht, dann Luxemburg sollten in offenen Wagen vom Eden-Hotel, dem Hauptquartier der GKSD, ins Zuchthaus nach Moabit überführt werden. Im Falle Liebknechts habe es eine Autopanne im Grunewald gegeben. Der Politiker habe zu flüchten versucht und sei deshalb erschossen worden. Im Falle Luxemburgs sei ein Mann aus einer wütenden Menschenmenge heraus aufs linke hintere Trittbrett des Wagens gesprungen und habe die Kommunistin erschossen.

In Wahrheit gab es weder Autopanne noch Menschenmenge. Die Schüsse jedoch gab es. Pabst hatte sie befohlen. Und Souchon hatte sich freiwillig gemeldet, Luxemburgs Todesurteil zu vollstrecken. Er also war der Trittbrettfahrer, wie Pabst 1966 gegenüber dem SDR-Filmemacher Dieter Ertel bestätigte, auch wenn er die Tat nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.

Der Prozess: Nach der Mordnacht waren Tarnen und Täuschen die Gebote der Stunde. Es gab zwar einen Prozess, allerdings vor einem Militärgericht eben jener Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die für die Hinrichtungen verantwortlich war. Pabst behielt die Fäden in der Hand, was von den starken Männern der Sozialdemokratie, Friedrich Ebert und Gustav Noske, zumindest geduldet wurde. Auch sie wollten eine sozialistische Revolution mit allen Mitteln verhindern und setzten in den Wirren der Nachkriegszeit auf die Unterstützung reaktionärer Kräfte.

Souchon wurde nur als Hinweisgeber zum Liebknecht-Transport befragt. Mit Zeugen des Luxemburg-Mordes, die ihn als Täter hätten identifizieren können, traf er deshalb nicht zusammen. Für diese Tat wurde stattdessen der Offizier Kurt Vogel verantwortlich gemacht und auch verurteilt. Allerdings holte man ihn kurz darauf aus dem Gefängnis und ermöglichte ihm die Flucht nach Holland.

Pabst hatte 1919 die Losung ausgegeben, dass die Wahrheit nie ans Licht kommen dürfe. Alle Beteiligten schworen lebenslange Verschwiegenheit. Pabst jedoch hielt sich Jahrzehnte später selbst nicht daran. In einem Spiegel-Interview sagte er 1962, er habe Luxemburg und Liebknecht „richten lassen“.

Der Film: Dieter Ertel bekam 1966 den Auftrag, den Fall Liebknecht/Luxemburg für den SDR in einer Semi-Dokumentation aufzubereiten. 1969 lief dieser Film zum 50. Jahrestag der Geschehnisse. Ertel hatte sich durch Berge von Gerichtsakten gekämpft, mehrmals mit Waldemar Pabst gesprochen – und präsentierte Souchon als Mörder Luxemburgs. Der jedoch blieb dabei, nicht der Schütze gewesen zu sein. Er klagte gegen die Ausstrahlung des Films und erwirkte, dass er mit dem Zusatz gesendet werden musste, es handle sich beim Inhalt „nicht um in allen Punkten gesicherte Tatsachenbehauptungen“.

Souchon und Hohenlohe: Hermann Wilhelm Souchon wurde 1894 geboren. Er war ein Neffe von Admiral Wilhelm Souchon, der als Befehlshaber der kaiserlichen Mittelmeerdivision Bekanntheit erlangte und 1918 das Amt des Gouverneurs von Kiel innehatte. Der Leutnant zur See Hermann Souchon weilte indes 1919 als Mitglied der Marine-Eskadron Pflugk-Harttung in Berlin. Eben diese beorderte Pabst am 15. Januar ins Eden-Hotel.

1920 floh Souchon nach Finnland, wo er als Bankkaufmann arbeitete. 1923 und 1925 wurde er bei kurzen Deutschland-Aufenthalten in Sachen Luxemburg vernommen und verstrickte sich dabei in Widersprüche, kam aber dennoch ungeschoren davon. Erst 1935 kehrte Souchon ganz in die Heimat zurück. Im Zweiten Weltkrieg brachte er es zum Oberst der Luftwaffe. Gegen Ende des Krieges, so wird es innerhalb seiner Familie kolportiert, soll er aus der NSDAP ausgetreten und deshalb an die Ostfront beordert worden sein. Von dort habe er geschrieben, der Krieg sei verloren, seine Frau Hedwig solle mit den beiden kleinen Kindern nach Süddeutschland fliehen. Die Familie lebte damals im heutigen Polen.

Eine Tante von Souchons gutem Freund Ottfried Fuchs, die Baronin von Crailsheim, lebte auf Schloss Morstein. Sie gewährte den Souchons – Hermann stieß dazu – Unterschlupf. Die Flüchtlinge wohnten in Räumen über der damals noch stehenden, später abgebrannten Morsteiner Schlosskirche. Bald sammelte sich die ganze Verwandtschaft im Hohenlohischen.

Hermann Souchon war nach dem Krieg Mitbegründer des „Christlichen Jugenddorfs“ in Stuttgart, das sich um Kriegswaisen kümmerte, arbeitete also für die Landeskirche. 1951 zog er mit seiner Familie nach Crailsheim, zunächst in ein Häuschen auf dem Hexenbuckel. Dann mieteten sie sich bei der Familie Schroth in der Karlstraße ein. Hedwig Souchon betrieb dort eine kleine Massagepraxis.

Helmut Schroth erinnert sich noch an die Mieter seiner Eltern. Hermann Souchon habe ausgesehen „wie ein Offizier“ – „kräftig“, „aufrecht“. Aber auch „ziemlich unnahbar“ sei er gewesen. Der Crailsheimer meint sich daran zu erinnern, dass bereits damals das Gerücht von der Beteiligung des Mannes am Luxemburg-Mord durchs Städtchen gegeistert sei.

Eine Nichte Souchons (Name der Redaktion bekannt) lebt bis heute in Crailsheim. „Er war eine Respektsperson“, erinnert sie sich. „Er hat etwas dargestellt. Und klug war er auch.“ Wirklich gemocht habe sie „Willo“, wie sie ihn nannten, freilich nicht. „Wenn er da war, hat er immer bestimmt.“ Soldatisch eben. Seine mögliche Täterschaft im Fall Luxemburg sei in der Familie nie thematisiert worden, zumindest nicht vor den Kindern. Die Souchons zogen 1959 nach Bad Godesberg. Dort starb Hermann Souchon 1982. Er schwieg bis zuletzt.

Alles zum Mordkomplott und seinem Nachspiel

Wirklich sehenswert, weil minutiös recherchiert, ist das dreistündige Fernsehspiel „Der Fall Liebknecht/Luxemburg“. Es thematisiert sowohl die Tat als auch den anschließenden Prozess. Die ARD strahlte den Streifen im Jahr 1969 in zwei Teilen aus. Die Autoren Dieter Ertel und Gustav Strübel brachten darin die Täterschaft Hermann Souchons erstmals einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis. Dieser wehrte sich vor Gericht – und erwirkte eine einstweilige Verfügung. Kurios: Die Nachkriegsjustiz berief sich dabei auf Akten des Militärgerichts von 1919. Der Film ist mittlerweile auf DVD erhältlich. Auch das Buch „Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung Rosa Luxemburgs“ von Klaus Gietinger, das erstmals 1995 erschien, beschäftigt sich eingehend mit den Geschehnissen von 1919. Dabei spielt auch deren Verarbeitung in der Nachkriegszeit eine große Rolle. Für den Autor steht fest: Souchon hat geschossen.

SEBU
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