Sara Werner hat mit 23 Jahren ihren Freund Martin (27), der wie sie eigentlich anders heißt, geheiratet. Heute sagt die Studentin des Bachelorstudiengangs Sozialwissenschaften: „Ich finde es einfach schön, wenn man sich in jungen Jahren so sicher mit dem Partner sein kann. Manche mögen das verantwortungslos finden, aber für uns war es das Richtige.“

Ein knappes Jahr nach der Hochzeit kam Sohn Leon zu Welt. Dabei sind junge Studenten mit Kind eher die Ausnahme: Der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge haben etwa 101?000 Studierende in Deutschland ein Kind, also nur fünf Prozent. Im Schnitt sind die Eltern dabei bereits 31 Jahre alt.

Sara Werner, heute 25, kennt diese Zahlen. „Ich glaube, ich wollte auch ein bisschen einen Gegenentwurf machen“, erklärt die Studentin. Weil es nicht automatisch besser sei, mit Anfang 30 ein Kind zu bekommen als mit Anfang 20. Einer der Gründe für diese Entscheidung sei gewesen, dass sie selbst junge Eltern habe. „Ich habe eine Erinnerung an eine sehr peppige Kindheit. Lustig, flexibel, einfach cool. Genau das wollte ich auch für mein Kind“, erzählt die junge Mutter strahlend.

Als sie ihren eigenen Eltern am Telefon von der Schwangerschaft erzählt habe, seien die jedoch erstmal sprachlos gewesen. „Sie haben in dem Moment einfach all das im Kopf gehabt, was auf uns zukommen würde. Auf unsere Partnerschaft, das Studium, die berufliche Zukunft.“ Natürlich habe auch sie selbst sich Sorgen gemacht. Sich gefragt, ob sie wirklich in der Lage sein würde, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um voll und ganz für das Kind da zu sein.

Heute wissen sie und ihre Eltern: Sie kann das. Nach Leons Geburt hat sie ein Semester ausgesetzt. Mittlerweile studiert sie weiter. „Das Studium bietet mir die nötige Flexibilität.“ Prüfungen könnten beispielsweise wiederholt, Fristen verschoben werden. Ihr Mann Martin hat unterdessen sein Abitur nachgeholt und beginnt im Wintersemester sein Studium der Wirtschaftsinformatik. Da beide Elternteile viel zu tun haben, spielt Zeitmanagement eine wichtige Rolle: „Der eine Partner kann arbeiten, wenn der andere das Kind hat. Und umgekehrt.“

„Wenn die Rahmenbedingungen passen und auch die Hochschule am Familienbewusstsein aller Beteiligten arbeitet, kann das Studium eine gute Zeit sein, um Kinder zu bekommen“, findet auch Beatrice Lidl vom Familienservice der Universität Augsburg. Sie und ihre Kollegin beraten Eltern rund um das Thema Studium mit Kind. Lidl kann dabei auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen: Mit ihrem Mann hat sie selbst bereits während des Studiums eine Familie gegründet.

Das Alter der Eltern spiele in der Beratung meist keine tragende Rolle. Es gebe Paare, die verunsichert seien, und andere, die „nur noch eine Bestätigung dessen brauchen, was sie eh schon wissen.“ Sara Werner gehört wohl zur zweiten Kategorie. Sie wirkt organisiert und ausgeglichen. Ihr Bachelorstudium schließt sie gerade ab. Nach acht statt sechs Semestern. Dabei hätte sie es nach eigenen Angaben auch in der Regelstudienzeit geschafft: „Das wäre nur nicht so schön gewesen.“

Von vielen wird die längere Studiendauer, zu der es mit Kind oft kommt, allerdings als Nachteil aufgefasst. 35 Prozent der Studierenden mit Kind unterbrechen ihr Studium mindestens einmal, häufig für mehrere Semester. Bei den Studenten ohne Kind sind es nur acht Prozent, und die Unterbrechungen fallen kürzer aus. Elf Prozent der Studierenden mit Kind sind außerdem alleinerziehend. „Das ist dann eine große Herausforderung“, erklärt Beatrice Lidl. Unterstützung von Seiten der Uni ist da sehr willkommen, vor allem wenn es um  Finanzen und die Kinderbetreuung geht. „Für Studierende mit Kind gibt es in der Regel ausreichende staatliche Unterstützungsmöglichkeiten“, sagt Lidl. In Augsburg gibt es auf dem Universitätsgelände eine Krabbelgruppe und eine Kinderkrippe. Der Familienservice organisiert außerdem an mehreren Tagen in der Woche eine zweistündige, kostenlose Kinderbetreuung im Spielzimmer, das sich in der Uni-Bibliothek befindet.

Sara und Martin Werner haben ihren Sohn in den ersten zwei Jahren zuhause betreut. Demnächst besucht er die Kinderkrippe. Auch finanziell gibt es keine Probleme: Bafög, Elterngeld, Betreuungsgeld und die Einkünfte aus Nebenjobs reichen der jungen Familie zum Leben. Trotzdem sei nicht alles einfach. „Es war sehr schwer für uns, eine Wohnung zu finden“, erzählt Sara Werner.

Doch all den Hindernissen zum Trotz sind Sara und Martin Werner  überzeugt, sich richtig entschieden zu haben: „Das, was wir dafür bekommen, ist einfach so wunderbar!“

Alter und Studienfach sind entscheidend

Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2013 zeigt: In Deutschland haben etwa 101?000 Studierende (5 Prozent) ein Kind. Die Hälfte der Eltern ist verheiratet, 11 Prozent sind alleinerziehend.

Die Zahlen unterscheiden sich stark im Hinblick auf das Alter: Weniger als 2 Prozent der bis zu 24-Jährigen Studenten haben ein Kind. Bei den über 30-Jährigen sind es bei den Männern 23 Prozent, bei den Frauen sogar 41 Prozent. Studenten unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von der Gesamtbevölkerung: Deutschlandweit sind Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt etwa 29 Jahre alt.

In Fächern, in denen die Mehrheit der Studierenden weiblich ist, ist der Anteil von Studierenden mit Kind besonders hoch. Hierzu zählen Sozialwissenschaften, Psychologie oder Medizin.