Ulm Inklusion braucht sehr viel Energie

So kann Inklusion aussehen: Zwei Lehrer in einer Klasse unterrichten behinderte und nicht behinderte Kinder. Foto: dpa
So kann Inklusion aussehen: Zwei Lehrer in einer Klasse unterrichten behinderte und nicht behinderte Kinder. Foto: dpa
UTE GALLBRONNER 21.06.2013
Inklusion muss funktionieren. Deutschland hat dies der internationalen Gemeinschaft versichert. Doch Eltern und Kinder erleben täglich, dass Theorie und Praxis noch sehr weit voneinander entfernt sind.

Inklusion haben sich nahezu alle Bildungspolitiker auf die Fahnen geschrieben. Behinderte und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen - auch voneinander. "Bis das richtig funktioniert, werden unsere Kinder nicht mehr in der Schule sein", sagt Kirsten Jakob. Trotzdem setzt sich der Verein "Inklusion in Ulm - Eltern für Inklusion" aktiv dafür ein, dass sich endlich etwas tut in der Region.

Die Gruppe hat sich dem landesweiten Netzwerk "Gemeinsam leben, gemeinsam lernen" angeschlossen. Es sind Eltern, vor allem Mütter, die Kinder mit verschiedenen Einschränkungen haben. Es sind Kinder mit Down Syndrom darunter, manche sitzen im Rollstuhl, andere haben Lern-Schwierigkeiten oder sind auffällig im Verhalten. Alle haben eines gemeinsam: Sie passen nicht in die üblichen Schubladen, und das macht Probleme, besonders in der Schule.

Natürlich hatten einige aufgrund der ähnlichen Einschränkungen schon Kontakt miteinander, doch eine große Gruppe war man nie. Als Mirjam Mahler dann für den Gesamtelternbeirat kandidierte, wurde sie von anderen betroffenen Eltern unterstützt. Der Kontakt war da, und relativ schnell wurde daraus eine neue Elterninitiative.

Ihr Ziel ist es, echte Inklusion zu schaffen: Sie wollen, dass alle Kinder auf die Schule gehen, auf die sie auch gingen, wenn sie nicht behindert wären. Sie sind sich bewusst, dass dies schwierig umzusetzen ist in einem Schulsystem, dass seit Jahrzehnten anders funktioniert. Dies könne nicht von heute auf morgen gehen. Doch ein wenig schneller könnte es schon voran gehen.

Momentan bedeutet Inklusion für viele Eltern Kampf. Besonders wenn das Kind verhaltensauffällig ist, etwa ein ausgeprägtes Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) hat. "Diese Kinder sind nicht dumm, aber sie verhalten sich nicht immer so, wie andere es von ihnen erwarten", erklärt eine Mutter.

Der Anteil der Schüler mit sozialen oder emotionalen Auffälligkeiten und Lernbehinderungen steigt ständig. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer, weil viele Eltern Hemmungen haben sich Hilfe zu suchen. "Ein Kind, das normal intelligent ist, nicht im Rolli sitzt und trotzdem nicht funktioniert, wie es soll, da geht doch jeder davon aus, dass die Erziehung versagt hat", sagt Kirsten Jakob. So einen wollen viele nicht in der Klasse. Er stört, bindet die Aufmerksamkeit der Lehrer, lenkt die anderen ab. Dazu kommt, dass auch die Lehrer Zwängen unterliegen. Sie müssen allen Kindern gerecht werden und Bildungspläne erfüllen. Die neue Gemeinschaftsschule macht den Eltern in diesem Punkt Hoffnung. Doch man müsse abwarten, wie es in der Praxis läuft.

Als Kirsten Jakobs Sohn Hans eingeschult wurde, besuchte er vier Jahre lang die Außenklasse der Gustav-Werner-Schule in Einsingen. Jetzt geht er an die Werkrealschule Herrlingen. "Es ist eine super engagierte Schule, die sich darauf einlässt", sagt Kirsten Jakob. Nur 13 Kinder sind in der Klasse. Das ist ein Glück. Die Eltern und Lehrer beider Schulen setzen sich regelmäßig zusammen und besprechen, was getan werden muss. "Auch die anderen Kinder profitieren davon, dass Hans in der Klasse ist", sagt Kirsten Jakob. Denn in seiner Klasse muss individuell gefördert werden: "Anders geht es nicht."

Hört sich nach optimaler Lösung an, nach gelungener Inklusion. Auf den ersten Blick. Kirsten Jakob findet, dass die Schule ziemlich allein gelassen wird: "Sie müssen sich die Stunden aus den Rippen schneiden." Ohne überdurchschnittliches Engagement aller Beteiligten wäre das wohl kaum zu machen. "Wer heute Inklusion will, der muss da ganz viel Energie rein stecken. Das können einfach auch nicht alle Eltern", sagt Kirsten Jakob.

Bei Hans war immer klar, dass er zusätzlichen Förderbedarf hat. Doch wenn es um Verhaltensprobleme geht, scheuen viele Eltern davor zurück, ihrem Kind dieses Etikett aufdrücken zu lassen. Denn was eigentlich den Kindern zusätzliche Unterstützung sichern soll, wird schnell zum Makel. "Ein Kind, das diesen Stempel hat, kann man rauswerfen und sagen: Es funktioniert nicht", sagt eine Mutter.

Zudem sind auf dem Weg durch die Instanzen viele Hemmschwellen zu überwinden. Besonders schwer wird es, wenn vorher brave Kinder in der Schule plötzlich völlig aus dem Ruder laufen, aus Überforderung und Hilflosigkeit Dinge tun, die sich niemand erklären kann. Nicht selten schämen sich die Eltern. Sie scheuen den Weg zum Jugendamt, zum Kinderarzt oder zur kinderpsychologischen Beratungsstelle. Die Mütter der Ulmer Gruppe kennen solche Schwellenängste und wollen helfen sie zu überwinden. Ebenso wie bei der Suche nach demjenigen, der sich zuständig fühlt.

Derzeit bleibt vielen Eltern nichts anderes übrig, als für sich und ihr Kind individuelle Lösungen zu suchen. Das kann dann schon mal so aussehen, dass ein Schüler nur den Unterricht beim vertrauten Klassenlehrer besucht. "Ich kann nicht jedem Lehrer, der eine Stunde in der Woche da ist, eine Gebrauchsanweisung für mein Kind mitgeben", sagt eine Mutter. Da mache es mehr Sinn, in diese Zeit Therapiestunden zu legen. Mit Inklusion hat das freilich nichts zu tun.

Rechte behinderter Menschen