Sondernach / Maria Bloching  Uhr
Landespolitiker loben den besonderen Einsatz der Sondernacher. Die Weichen für die Reaktivierung des Haltepunkts werden vor mehr als zehn Jahren an Christi Himmelfahrt gestellt.

Dass das kleine Dorf Sondernach mit rund 100 Einwohnern einen Bahnsteig und sogar einen Bahnhof hat, ist vor allem dem Gemeinschaftssinn und der Hartnäckigkeit der Bürger zu verdanken. Laut Bernd-Matthias Weckler von der Schwäbischen Alb-Bahn eine „gesunde Gemeinschaft mit einem gesunden Misstrauen“. Bei der Bahn waren und sind sich alle einig: Wäre dies nicht so, würden die Sondernacher wohl heute noch dem durchfahrenden Zug hinterhersehen, anstatt selbst Richtung Ulm oder Münsingen zu fahren.

Wie es vor mehr als zehn Jahren dazu kam, dass Sondernach einen Bahnhof hat, erfuhren am Mittwoch Karl Rombach, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Landtag samt 16 Mitgliedern, Verkehrsminister Winfried Hermann, Vertreter des Verkehrsministeriums sowie die Bürgermeister Ulrich Ruckh (Schelklingen) und Mike Münzing (Münsingen).

Die Geschichte des Bahnhofs

Zum ersten Mal wurde der unbesetzte Haltepunkt in Sondernach am 1. Oktober 1901 eröffnet. Dorfwirt Erich Rothenbacher sen. vom angrenzenden Gasthof Lamm übernahm den Fahrkartenverkauf an seinem Tresen. „Mit dem Zug wurden Milchkannen nach Schelklingen zur Molke transportiert, doch 1960 kam dann das Aus“, erzählte Bernd-Matthias Weckler.

Das Jahr 2008 sollte jedoch in die Bahnfahrtgeschichte eingehen: An Himmelfahrt war Weckler mit einem Zug in Richtung Münsingen unterwegs, wurde jedoch von Gastwirt Erich Rothenbacher und 30 Sondernacher Männern mit einer Bierkiste zum Halt und schließlich zur Mitnahme der ungebetenen Fahrgäste gezwungen. Das hatte ein Nachspiel. Am darauffolgenden Montag suchte Weckler das Gespräch. „Das Gehupe haben wir, aber einsteigen können wir nicht“, beschwerte sich Rothenbacher damals und sprach sich dafür aus, auf seinem Grundstück, das er 1969 der Bahn abgekauft hatte, einen Bahnsteig zu bauen. Gesagt, getan. Das ganze Dorf arbeitete Hand in Hand, das komplette Baumaterial wurde über die Schiene antransportiert. Nach einem halben Jahr war es geschafft: der Sondernacher Bahnsteig konnte eingeweiht werden.

Auch ihren Wunsch nach einem überdachten Bahnhof setzten die Bürger selber um. „Mit viel Liebe zur Sach’“, wie Weckler betonte, konnte das Schmuckstück 2011 fertiggestellt werden. Insgesamt 11 500 Euro kosteten Bahnsteig und Bahnhof, alles wurde selber aus den Erlösen von den extra ins Leben gerufenen Talrabenmärkten und Rehessen am Pfingstmontag finanziert.

Außerdem wurden unzählig viele Stunden Eigenleistungen erbracht. Unter anderem von Hans Späth – sein Lebtag ein Sondernacher: „Wir sind zur Bahn gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Doch das hat uns gefallen, deshalb haben wir alle mitgemacht.“ Als Maurer war Späths Einsatz insbesondere beim Bahnhof gefragt. Der Ulmer Peter Schäfer hat seine Kindheit in Sondernach verbracht, auch er packte kräftig mit an. „Züge haben mich schon immer fasziniert und Sondernach ist meine Heimat. Da war klar, dass ich helfe.“ Wer handwerklich nicht viel tun konnte, versorgte die Arbeiter mit Vesper und Most.

Der ganze Ort auf Reisen

Die Bahn ist den Sondernachern ans Herz gewachsen, das zeigte sich schon 2009. Damals ging der erste Sonderzug der Schwäbischen Alb-Bahn mit 500 Fahrgästen auf Reisen – mit Überlingen als Ziel. Sondernach reservierte sich einen Wagen mit 96 Plätzen: Der ganze Ort ging mit, nur einige wenige mussten zu Hause bleiben, falls es brennen sollte. „Es ist einfach toll. Man bringt Leute an der Strecke und im Zug zusammen und fährt gemeinsam fort“, erzählte Weckler.

Und wenn der Zug heute täglich auf seiner Linienfahrt durch Sondernach fährt, grüßt er die Einwohner mit einem ganz besonderen „Bip“: „Es sollen ja morgens nicht alle gleich aus dem Bett fallen. Sie sollen nur wissen, dass der Zug durch ist“, sagte Weckler lachend.

Für die Mitglieder des Verkehrsausschusses war der vorbildhafte Einsatz der Bürger Dank und Anerkennung wert: „Da sieht man, was eine Gemeinschaft bewirken kann, wenn sie zusammenhält und ein gemeinsames Ziel verfolgt“, lobte Karl Rombach. An Bahnsteig und Bahnhof zeige sich die Liebe zum Detail und das Herz für die Gesellschaft: „Solche Menschen und eine so gut funktionierende Gemeinschaft braucht das Land“.

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Sondernacher Männer bringen am Himmelfahrtstag 2008 den Zug zum Halten. Das hat ein Nachspiel – und ist der erste Schritt in Richtung Wiederinbetriebnahme des Zughalts.