Nach dem Zweiten Weltkrieg war es das erste Auto einiger Studenten und Familienväter: die Heinkel-Kabine. „Die einen sagen Knutschkugel, andere sagen Schlaglochsuchgerät“, sagt Stephan Mack schmunzelnd. Er ist Sprecher der „Schwabenheinkel“ und Ausrichter des 35. Heinkel-Treffens, das von Donnerstag bis gestern bei Deggingen stattgefunden hat. Fans aus ganz Deutschland kamen auf die Nordalb, um dabei zu sein. Ausfahrten, ein Geschicklichkeits-Rennen, Fachsimpeln, Geschichten erzählen und natürlich Geselligkeit waren Bestandteile des Treffens. „Es ist wie ein Familientreffen. Die Fahrzeuge wurden zum Teil über mehrere Generationen weitergereicht und immer top in Schuss gehalten. Die Resultate sprechen für sich“, sagt Mack.

Das Oldtimer-Treffen ist fester Bestandteil im Terminkalender des Heinkel-Clubs. Die Organisation des Treffens wechselt jährlich unter 20 Regionalclubs, einer davon sind die Schwabenheinkel. Die zog es mit der Veranstaltung auf das Gelände der „Kirche im Aufbruch“ bei Deggingen. Etwa 350 Teilnehmer kamen zum Treffen, Wohnmobile und Zelte spickten das Gelände. „Zum Glück passt das Wetter“, merkte Mack an: Regenschauer und Gewitter blieben am Wochenende aus.

Auf verwunderte Blicke von Passanten und Autofahrern stießen die Heinkel-Besitzer, als sie am Samstag eine längere Ausfahrt mit mehreren Fahrzeugen unternommen haben. Solche Reaktionen sind keine Seltenheit, erzählt Mack. „Auch wenn ich in meiner Kabine alleine fahre, die Menschen halten an, hupen oder winken. Das ist schon faszinierend.“

Ob auf drei oder ab Anfang der 1960er-Jahre auf vier Rädern eroberten die „Knutschkugeln“ die deutschen Straßen, erinnert sich Mack. Ende der Sechziger war’s das dann mit der Automobilproduktion – der Gründer Ernst Heinkel war verstorben, und eine dunkle Vergangenheit holte die Firma ein: Im Zweiten Weltkrieg hatte Heinkel 8000 KZ-Häftlinge für sich arbeiten lassen – damals noch als Flugzeughersteller oder besser gesagt als Zulieferer für die Wehrmacht.

Ende der 1960er-Jahren stoppte die Massenproduktion und viele Besitzer von Heinkel-Kabinen, Mopeds („Heinkel Perlen“) und auch Motorrädern ließen ihre Fahrzeuge verschrotten. Die Gefährte verschwanden nach und nach von den Straßen. Manche Oldtimer-Fans aber schlugen zu und kauften sich für relativ wenig Geld die übrig gebliebenen Gebraucht-Fahrzeuge. Die Nos­talgie sowie der Charme dieser Produkte macht es möglich, dass auch heute noch fahrtaugliche Heinkel-Fahrzeuge auf den Straßen zu sehen sind.

Stephan Mack besitzt seit seinem 17. Lebensjahr einen Heinkel-Roller – damals als praktisches Mittel gedacht, um schneller von A nach B zu kommen. Im Laufe der Jahre kaufte er zudem eine Heinkel-Kabine.

Kooperation unter Fahrern

Nach dem Stopp der Produktion entwickelte sich zwangsläufig eine Kooperation unter Heinkel-Fahrern. Ersatzteile mussten her und auch das Know-how, um die Gefährte bei technischen Störungen wieder zum Laufen zu bringen. „Heinkel-Fahrer sahen sich auf der Straße, hielten an und tauschten Adressen aus“, erinnert sich Mack. Es entstand eine Interessensgemeinschaft.

Wie allen Mitgliedern des Heinkel-Clubs gehen die Fahrzeuge auch Lutz Sproesser unter die Haut. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Er ließ sich eine Zeichnung seines Heinkel-Rollers „103 A0“ als Tattoo auf den ­Oberarm stechen. Sproesser ist Gründungsmitglied des Heinkel-Clubs Deutschland. Von 1984 bis 2004 war er zweiter Vorsitzender. Der Allgäuer ist heute noch Schwabenheinkel-Mitglied.

Als Student suchte er ein Fahrzeug, erzählt Sproesser. Für damals 140 Deutsche Mark kaufte er einen Heinkel-Roller – und hat ihn bis heute nicht verkauft. „Ich merkte schnell, dass diese Fahrzeuge etwas ganz Besonderes sind“, sagt Sproesser. Es sei ein nie endendes Projekt, das Fahrzeug in Schuss zu halten. Insbesondere weil die wenigsten Handwerker von Heinkel-Fahrzeugen heutzutage genügend Kenntnisse hätten, um Probleme zu beheben. „Man muss als Besitzer fast alles selbst reparieren. Es kann auch unterwegs immer passieren, dass ein Problem entsteht.“

Dass bei Ausfahrten genügend Ersatzteile zur Hand sind, dafür sorgt seit mehr als 30 Jahren der Heinkel-Club Deutschland. Anfang der 1980er-Jahre ging eine Hamburger Firma insolvent, die die Ersatzteilversorgung von Heinkel-Fahrzeugen übernommen hatte. Heinkel-Fahrer schlossen sich zusammen und kauften die Teile und Lieferantendaten auf. Die Ersatzteil-Lieferung läuft heute über eine GmbH, die dem Heinkel-Club gehört. Wie das Heinkel-Treffen wieder bestätigt hat, ist aus der einstigen Zweckgemeinschaft inzwischen eine große Familie entstanden.

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