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Autor: Lena Grundhuber, 24.12.2016

19 Exil-Autoren in einer Anthologie

Galal Alahmadi.  Foto: Mathias Bothor
Galal Alahmadi. Foto: Mathias Bothor Fotograf: Mathias Bothor

Der Winter ist da/und jetzt kann man sagen/die Tränen, die einem noch immer/in die Augen steigen,/sind Regentropfen und weiter nichts.“ Starke, schöne Zeilen sind das aus dem Gesang eines Geflüchteten, der an der türkischen Mittelmeerküste sitzt und ein Licht brennen lässt für die Menschen, die jede Nacht ertrinken im „Blutmeer“. Sätze aus der Klage eines Mannes, der in Deutschland gestrandet ist und bittere Bilanz zieht: „Wie es scheint, hat das Leben/Wichtigeres/zu tun/als unser Leben.“

 Aref Hamza ist Syrer, und er ist ein preisgekrönter Lyriker. Wer ihn jedoch in Buchholz in der Nordheide zwischen den Kriegsversehrten antrifft, wie er in seinem Langgedicht schreibt, kann davon wohl nichts ahnen. Das Exil kann einsam und stumm machen, für einen Dichter bedeutet es doppelte Verbannung, die aus der Heimat und die aus der Heimat der Sprache. Ohne Übersetzer werden seine Worte nicht lebendig, ohne Veröffentlichung wird das neue Land sie niemals hören.

Hamzas Worte jedoch sind inzwischen lebendig, sind hörbar geworden dank eines Buches aus dem Secession Verlag. „Weg sein – hier sein“ versammelt Gedichte und Erzählungen von 19 Exil-Autorinnen und -Autoren vornehmlich aus Syrien, aber auch aus dem Jemen und Iran.

 „Ich bin hier nichts“

Die Anthologie hat ein klar formuliertes Anliegen: „Sie soll die Stimme der Literatur hörbar machen, um überhaupt erst die Voraussetzung für eine ernsthafte ,Flüchtlingsdebatte‘ zu schaffen, die sich um Schicksale dreht und nicht um Obergrenzen“, schreibt Herausgeber Joachim von Zepelin. Sie will den Künstlern einen Platz geben im Diskurs dieser Gesellschaft, denn ihre Texte sind „Texte aus Deutschland“. Das ist nicht nur ein Untertitel, das ist eine Positionierung.

 Die literarischen Stücke kommen von Schriftstellern, Oppositionellen, Journalisten, die in ihren Heimatländern oft bereits anerkannte Intellektuelle, beliebte Autoren sind, zum Teil am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Leute jedenfalls, die es nicht gewohnt sind, auf Hilfe angewiesen zu sein. „Ich bin hier nichts, außer dass ich vor dem Tod gerettet wurde“, in diesen Satz fasst die junge syrische Autorin und Oppositionelle Lina Atfah die Kränkung, die das passive „gerettet werden“ eben auch bedeutet.

Da sei die Angst davor, auf sein Schicksal reduziert zu werden, in der Emigration nur noch als Bittsteller, als literarischer Zeuge für Migration und Flucht zu gelten, schreibt Sherko Fatah in einem knappen, aber erhellenden Vorwort über die heikle Dialektik der Eigen- und Fremdwahrnehmung als Fremder. Andererseits ist das Erlebte  – so wenig man es wollte – zum Teil der eigenen Biografie geworden. Manchmal seit Generationen, wie bei dem palästinensisch-syrischen Lyriker Raed Wahesh, dessen Großmutter es schon wusste: „Häuser sind für die Abwesenheit gebaut, wir sind der Ungewissheit ausgeliefert“ – eine einzige Fassbombe kann alles auslöschen, wofür ein Mensch sein Leben lang gearbeitet hat.

Eine Flucht, schreibt Fatah, sei mit der Ankunft nicht zuende: Mit jedem Freund, jedem Verwandten bleibt ein Stück Leben zurück. Die erzwungene Entfernung, das spürt man vielen der Texte an, verleiht den Erinnerungen ein drückend schweres Gewicht. Es kann der Löffel im Kaffeesatz sein, der die Gedanken der kurdischen Lyrikerin Widad Nabi aufrührt und nach Aleppo zu ihrem Bruder treibt.

Die Erinnerungen mögen ihre Träger beschweren, so einfach wegwerfen kann man sie darum nicht. Galal Alahmadi aus dem Jemen findet das schöne, offene Bild eines abgebrochenen Schlüssels, von dem er sich nicht trennen kann: „Aus Angst, mir bliebe dann eine Tür verschlossen, die ich doch noch öffnen könnte.“ Den syrischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Amer Matar überfallen die Schmerzen des Gedächtnisses wie Zahnschmerzen in der U-Bahn von Berlin, zuhause hängt er Zähler auf, die zeigen, wie viele Tage die Vermissten daheim schon fort sind.

Aus einem zerstörten Land

Vieles ist sehr nah an den eigenen traumatischen Erfahrungen, ist ein Nach-Worten-Suchen für Verlust und Verlorenheit. Einige Texte, allerdings nicht immer die literarisch stärksten, berichten aus jenem zerstörten Land, das man eigentlich nicht vermissen kann, schildern das Scheitern der Revolutionäre, die Verbrechen von Assad.

Der in Syrien populäre Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor Nihad Siris zeigt die Auswirkungen der politischen Katastrophe an einer kleinen, menschlichen, schrecklichen Geschichte. „Was Sami Rischi erlebte“ handelt von der zarten Annäherung eines pubertierenden Waisenjungen an eine junge Frau, bis diese von einer Granate getroffen wird. Der blinde Zufall vernichtet einen Körper und damit eine ganze Welt. Jeder Tod reißt auch ein Loch in das Netz, das die Menschen verbindet.

„Ein Flüchtling zu sein bedeutet/bei all deinen Wanderungen zu begreifen: /Deine Koffer werden nie ausreichen/egal wie groß sie auch immer sind“, schreibt der syrische Dichter und Dissident Yamen Hussein. Da hilft nur, den Koffer zu leeren und sich einzurichten an dem neuen Ort. Dafür aber muss Platz gemacht werden, dieses Buch ist ein Anfang.

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