Wildpflanzen Wildpflanzen: Das Gänseblümchen

Helga Schneller 15.04.2017
Das Gänseblümchen ist Heilpflanze des Jahres. Seine wohltuenden und kulinarischen Qualitäten sind aber wenig bekannt.

„Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich...“. Wer kennt es nicht, das beliebte Spiel mit den Blütenblättern des Gänseblümchens? Oft sind die niedlichen Wiesenblumen die ersten Pflanzen, mit denen schon Krabbelkinder hautnah und völlig gefahrlos in Berührung kommen.

Als Erwachsene schenken wir dem Gänseblümchen weit weniger Beachtung und stecken es oft genug in die Kategorie „Unkraut“. Doch die zarte Wildpflanze hat viel mehr zu bieten. Als Heilkraut und symbolhafte Frühlingsblume stand sie einst in hohem Ansehen. Seine volkstümlichen Namen bezeichnen das Gänseblümchen (Bellis perennis) liebevoll als „Tausendschön“ oder „Maßliebchen“. In Österreich mag man das „Angerbleamerl“ oder „Gansnagerl“, in der Schweiz das „Margritli“ oder „Mümmeli“. Die Christen sehen im Gänseblümchen ein Sinnbild für Reinheit und Bescheidenheit. Viele religiöse Gemälde zeigen die Gottesmutter Maria auf einem mit Gänseblümchen durchwirkten Grasteppich. Aus ihren Tränen soll der Legende nach das Gänseblümchen auch entsprungen sein. Der germanischen Liebesgöttin Freya und der Frühlingsgöttin Ostara war die Wiesenblume als Symbolpflanze geweiht, und Botticellis Gemälde „Geburt der Venus“ zeigt die Göttin mit einem bellis-bestickten Mantel.

Als eine der frühesten Wildpflanzen treibt das Gänseblümchen meist schon im ausgehenden Winter frisches Grün. Für hungrige Insekten ist der kleine Korbblütler mit seinem feinen, honigartigen Duft eine wichtige erste Nahrungsquelle. Zur Hauptblüte im April legen die Blümchen richtig los und haben den Lenz im Gefolge. Denn einer alten Weisheit nach ist der Frühling da, wenn zehn Gänseblümchenblüten unter einen Fuß passen. In kleinen Gruppen oder als flächendeckende Teppiche überziehen die Blüten Rasen und Wiese. Wo sich das Gänseblümchen mit anderen Wildpflanzen wie Ehrenpreis und Löwenzahn verbündet, entstehen fröhliche, bunt gesprenkelte Landschaften. Während sich die meisten Wiesenblumen im Lauf des Sommers verabschieden, blüht das Tausendschön bis zum Herbst vereinzelt weiter. Täglich wandern seine Blütenköpfe mit der Sonne von Ost nach West. Ist Regenwetter angesagt, legt das Gänseblümchen seine weißen Blütenblätter schützend um den Blütenkorb und bleibt geschlossen.

Robuste Blumen

In den Garten findet das Gänseblümchen von ganz allein. Auf jedem ungedüngten, humosen Boden in sonniger bis halbschattiger Lage platziert es seine Blattrosetten. Die robusten Wiesenblumen halten spielende Kinder aus und nehmen auch das Rasenmähen nicht übel, sofern sie nicht jede Woche unters Messer kommen.

Die Heilwirkungen der einheimischen Wildpflanze waren über Jahrhunderte bekannt, gerieten in jüngerer Zeit aber mehr und mehr in Vergessenheit. Mit der Wahl zur „Heilpflanze des Jahres 2017“ rückt die kleine Blume wieder mehr ins Bewusstsein. Im Mittelalter schätzte man das Gänseblümchen als hervorragendes Wundkraut. Manche alten Kräuterbücher schrieben der Pflanze zu, sogar „die zerbrochenen Hirnschalen“ zu heilen.

Gebräuchlich war das Gänseblümchen vor allem auch in der Kinderheilkunde. So empfahl der Schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle, dass man „eine Prise jeder Mischung Kindertee beifügen“ solle. Mit seinem Gehalt an Bitter- und Gerbstoffen, ätherischen Ölen, Inulin und Saponin wirkt das Gänseblümchen entzündungshemmend und wohltuend, zum Beispiel bei Erkältungen, Husten und Durchfall. Auch bei Hautausschlägen, Verletzungen und Menstruationsbeschwerden empfiehlt die Erfahrungsmedizin Umschläge oder Tee aus frischem und getrocknetem Gänseblümchenkraut.

Für eine vitalisierende Frühjahrskur sind die Wiesenblumen wie geschaffen. Sie reinigen das Blut, wirken sanft entwässernd und stärken Leber, Magen und Galle. Frisch gepflückt, bereichern Blätter und Blüten die Frühlingsküche. Das zart nussige Aroma der jungen, spatelförmigen Blätter, die sich rosettenartig auf dem Boden ausbreiten, passt gut zu Salaten und Kräuterquark. Als essbare Dekoration verleihen die Blüten – im Ganzen oder ausgezupft – Suppen, Gemüsegerichten oder dem Butterbrot frühlingshaften Pepp.

Und weil das Blümchen mit seiner sonnengelben Mitte einfach entzückend aussieht, macht es sich auch wunderbar auf dem Ostertisch. Dafür kann man ein paar Rosetten vorsichtig aus dem Rasen nehmen, in ein hübsches Gefäß eintopfen und mit Eiern, Federn oder leeren Schneckenhäusern schmücken. Später wandern die Gänseblümchen wieder zurück an ihren Platz im Freien.

Gänseblümchens Geschwister

Die gezüchteten Formen des Gänseblümchens, schlicht als Bellis oder Maßliebchen bekannt, zählen zu den beliebtesten Frühlingsblühern. Mal tragen sie ihre halbkugeligen Köpfchen in strahlendem Weiß, mal in dunklem Rot und in allen Rosa-Schattierungen. Es gibt sie halb- oder ganz gefüllt, mit Struwwelfrisur oder exakt angeordneten Strahlenblüten. Bellis lassen sich mit anderen Frühblühern wie Vergissmeinnicht, Stiefmütterchen und Zwiebelblumen bestens komponieren. Die niedlichen Blumen passen auch als Bordüre an den Rand des Blumenbeetes und fühlen sich in Kästen und Töpfen wohl. Heilwirkungen besitzen diese Zuchtformen nicht.