Der Habeck-Kult nervt ihn – und zwar ziemlich. Zum Beispiel dieses Illustrierten-Titelbild: Gesicht in Nahaufnahme, den Blick in die Ferne gerichtet, gefurchte Stirn, Dreitage-Bart, Lederjacke und die Frage: Unser nächster Kanzler? „Darum geht es doch gar nicht“, sagt er, als wir ihn nach der Begrüßung in der  Grünen-Bundesgeschäftsstelle in Berlin darauf ansprechen. „Aber“, so vermutet er richtig, „Sie werden mich ja auch gleich danach fragen.“ Der Grünen-Chef, der mit Annalena Baerbock die Partei führt, mag sich nicht davon überzeugen lassen, dass das nicht nur Journalisten interessieren könnte. Er redet am liebsten über Inhalte – nicht über Personen.

Herr Habeck, wie erleben Sie den rasanten Aufstieg der Grünen?

Wir bleiben konzentriert und bereiten uns gut auf alles vor, was da kommen kann. Die Entwicklung zeigt, wie dynamisch das politische System geworden ist. Es ist Spiegel einer neuen, großen gesellschaftlichen Dynamik, aus der heraus neue Impulse gesetzt werden –  für Vielfalt, Europa, Zusammenhalt, Wohnen und vor allem Klimaschutz. Im Grunde artikuliert sich eine neue Sehnsucht nach politischem Handeln.

Warum sind die Grünen dann trotz der Groko-Krise so zögerlich mit dem Ruf nach Neuwahlen?

Wir haben eine Regierung mit einem Sack voller Aufgaben. Die Krise anzuheizen und zu sagen, dass ohnehin alles den Bach hinuntergeht, wäre unangemessen und hämisch. Die SPD ist ja auch in dieses Regierungsbündnis gekommen, weil Union, FDP und Grüne nicht erfolgreich verhandelt haben. Politik ist kein Spiel. Auch nicht in der Opposition.

Warum tun Sie sich so schwer damit, deutlich zu sagen, dass die Grünen für die nächste Bundestagswahl einen Kanzlerkandidaten oder eine Kanzlerkandidatin brauchen?

Weil wir uns einfach bestimmten Ritualen in der Politik nicht unterwerfen wollen. Dazu gehört auch, dass wir die Grünen in den verschiedenen Funktionen, wie Annalena und ich, bewusst als Team verstehen. Der Kern unseres Erfolgs fußt darauf, dass wir gemeinsam handeln, uns unterstützen und uns auch auf Fehler hinweisen. Das ist keine inszenierte Harmonie, sondern eine gemeinsam entwickelte Stärke, die wir, solange es geht, fortsetzen wollen.

Die Bürger werden wissen wollen, wen Sie im Fall eines grünen Wahlsieges zum Kanzler bekommen.

Wir werden diese Frage rechtzeitig vor einer Wahl mit der Partei entscheiden. Im Moment haben wir aber keine Wahl.

Was würden Sie besser machen als Angela Merkel?

Es steht mir nicht zu und ich finde es unangemessen, der Kanzlerin Haltungsnoten zu geben. Klar hätte ich mir gewünscht, dass Angela Merkel ihre politischen Entscheidungen nachvollziehbarer kommuniziert. Vor allem aber hätten wir mehr Engagement in der Klimapolitik gebraucht und keine Hinhaltepolitik. Aber die Bundeskanzlerin hat über ein­einhalb Jahrzehnte die schwerste Last der Verantwortung getragen. Das steht erst einmal für sich als Leistung.

Erleben wir das Ende der Volksparteien?

Wir erleben die Konsequenz einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung. Noch nie gab es so viele verschiedene Lebensentwürfe, Wertvorstellungen, Milieus und Ideen gleichzeitig. Die Idee der Volksparteien war, dass Interessen, Milieus und politische Vertretung deckungsgleich sind. Und das ist eben nicht mehr möglich. Dadurch wird es anspruchsvoller, konstruktive Politik zu machen. Wir wollen in dieser pluralen Gesellschaft neue Bündnisse schmieden, sodass wir am Ende gute Entscheidungen treffen, die von der Mehrheit der Gesellschaft mitgetragen werden.

In der Opposition ist das politische Leben in der Regel leichter.

Nein, das sehe ich nicht so. Wer gestalten will, muss Verantwortung übernehmen. Wir tragen in den Ländern seit Jahren Verantwortung und regieren über den Bundesrat auch mit, schlagen der Bundesregierung alternative Wege zu ihrer Politik vor. Ich halte auch nichts von der Ansicht, dass man in der Regierung zwangsläufig zum Kompromissler oder gar Verräter der eigenen Ideale wird und deshalb an Zustimmung verliert. Winfried Kretschmann, die Grünen in Hessen und Bremen und auch meine eigene Regierungserfahrung beweisen das Gegenteil.

Ist Kretschmann ein Vorbild für Sie?

2011 hat er als Reaktion auf die Proteste gegen Stuttgart 21 den Begriff einer Politik des Gehörtwerdens geprägt und eine neue Form der Bürgerbeteiligung und des Dialogs etabliert. Das war sehr vorausschauend, und er bereitete damit den Weg für ein neues politisches Verständnis. Er steht wie kein Zweiter für die Ernsthaftigkeit der Politik. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass er ein eher konservativer Politiker ist.

Sehen Sie sich als Linken, der sich auch eine Vermögenssteuer vorstellen könnte?

Ja, ich sehe mich als linksliberalen, progressiven Politiker und halte auch eine Vermögenssteuer für richtig. Wir haben eine wachsende Ungleichheit in diesem Land, die nicht nur den sozialen Frieden gefährdet, sondern auch unseren Wohlstand. Davor hat sogar der IWF gewarnt, und der ist nun wirklich kein grüner Think-Tank.

Liegt Ihnen eine Koalition mit Rot-Rot also doch näher als ein Bündnis mit der Union?

Die Aufteilung der deutschen Gesellschaft in ein linkes und ein bürgerliches Lager, zwischen denen sich die Grünen entscheiden müssen, wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie ist eher Ausdruck einer Unfähigkeit, sich auf die neue, vielfältige Zeit einzulassen. Ökologische Fragen, kulturelle Fragen, europäische Fragen stehen quer zur Verteilungsfrage.

Trotzdem: Mit welchen Parteien haben Sie die größten Schnittmengen?

Die größten Gemeinsamkeiten haben wir wohl immer noch mit der SPD. Nur hilft das jetzt nicht weiter, weil die SPD zu schwach ist und wir von einer grün-roten Mehrheit weit entfernt sind.

Werden die Sozialdemokraten  noch gebraucht?

Eine Partei, die für Arbeiterinnen und Angestellte ihr Wort erhebt, hat in Deutschland eine wichtige Funktion. Insofern ja. Und für die Phasen, in denen die SPD das nicht kann, müssen andere Parteien das übernehmen.

Und das sind dann die Grünen?

Wir müssen in der Tat neue Verantwortung auch in Bereichen übernehmen, in denen wir uns bisher auf andere verlassen konnten.

Woran denken Sie?

An Sozialpolitik, innere Sicherheit, Außenpolitik, das Bewusstsein, die Verfassung zu schützen, die soziale Marktwirtschaft zu erneuern und manches mehr. Dafür sind wir damals nicht gegründet worden. Aber mittlerweile sind wir in diese Rolle hineingewachsen, wir haben wichtige Erfahrungen im Bund und in verschiedenen Landesregierungen gesammelt. Annalena Baerbock und ich haben in unseren ersten Reden gesagt: Wir wollen für die breite Gesellschaft Antworten liefern und Verantwortung übernehmen. Darauf haben wir hingearbeitet. Nun passiert es.

Die Wahlergebnisse und Umfragewerte für die Grünen zeigen immense Erwartungen. Empfinden Sie das als erdrückend?

Nein, nicht erdrückend. Anspornend, aufrüttelnd. Wir erleben im Moment eine Legitimationskrise des alten Machtdenkens. Unserer Überzeugung nach ist geteilte Macht doppelte Stärke, statt Macht auf eine Person oder eine Partei zu konzentrieren.

Was erwartet uns, wenn die Grünen maßgeblich an einer Bundesregierung beteiligt sind?

Wir sind keine Verwalter des Stillstands. Wer uns wählt, weiß und will, dass sich damit Gravierendes ändert. Aber anders als früher suchen wir einen Ansatz, der die Menschen nicht erziehen will.

Sondern?

Wir setzen auf eine Politik, die Systeme verändert, die Großen in die Pflicht nimmt, die Digitalkonzerne, die Agrarlobby oder die Energiewirtschaft. Lassen Sie mich das an einem Beispiel aus der Landwirtschaft erklären: Über das Düngerecht, das auch die Gülleausbringung regelt, lässt sich der Bestand an Tieren reduzieren, über eine Umsteuerung der Agrarzahlungen werden die Bauern gefördert, die weniger Tiere besser halten. Das läuft dann auf ein Ende der Intensivtierhaltung hinaus. Umweltschädliches Verhalten wird teurer, umweltfreundliches günstiger.

Manches davon wird das Leben vieler Menschen deutlich teurer machen.

Nicht das Leben. Einzelne Verhaltensweisen vielleicht ja. Plastiktüten sind ein jüngstes Beispiel. Aber ist unser Leben teurer geworden, weil Plastiktüten nicht mehr umsonst sind? Nein, denn wir packen  die Klamotten jetzt in einen Rucksack. Würden wir Tierschutz endlich ernst nehmen, wäre Fleisch keine Billigware mehr. Wissen Sie, dass jeder Europäer im Schnitt 170 kg produzierte Lebensmittel im Jahr wegschmeißt? Wir geben den Lebensmitteln wieder den Wert zurück. Die Menschen sind natürlich frei, sich unvernünftig zu verhalten, aber das System muss vernünftiger werden.

Worauf müsste sich die Autoindustrie einrichten?

Auf einen massiven Rollout der E-Mobilität und auf einen konsequenten, flächendeckenden Ausbau des Personennahverkehrs – mit dem Ziel, ab 2030 keine neuen Autos mit fossilen Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen.

Sie sind seit eineinhalb Jahren Grünen-Chef. Was fehlt Ihnen seither?

Als Handball-Fan die Nordtribüne bei der SG Flensburg-Handewitt – und natürlich, nicht schnell mal ans Meer fahren zu können.

Was nervt Sie am Habeck-Kult am meisten?

Der Habeck-Kult (lacht).

Wann steigen Sie wieder bei Twitter und Facebook ein – zur nächsten Wahl?

Sicher nicht. Der Ausstieg aus Twitter und Facebook hat mir große Ruhe und Konzentration gegeben, war der Abschied von einer bestimmten Art von Nervosität und Hektik. Ich wusste gar nicht, wie gut die Entscheidung für mich war, als ich sie traf. Das war ein großer Befreiungsschlag.

Welche Fehler dürfen die Grünen nicht machen, wenn ihr Höhenflug nicht enden soll?

Über die Grünen nachdenken.

Sie werden im September 50. Was empfinden Sie als größten Erfolg Ihres Lebens?

Mein Fahrtenschwimmabzeichen mit sechs Jahren. Ich glaube, stolzer war ich nie wieder.

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Schriftsteller und Vize-Ministerpräsident


Heute lebt Robert Habeck (49) in Flensburg, geboren wurde er in Lübeck. Nach Abitur und Zivildienst studierte er in Freiburg, Dänemark und Hamburg Philosophie, Germanistik und Philologie und erwarb den Doktor der Philosophie. Er heiratete die Schriftstellerin Andrea Paluch, mit der er vier Söhne hat. Das Ehepaar  veröffentlichte gemeinsam mehrere Bücher – darunter Kinderbücher und Romane.  2004 wurde er Grünen-Chef in Schleswig-Holstein, 2009 Landtagsabgeordneter. Von 2012 bis 2018 war er Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt sowie Vize-Ministerpräsident, zuletzt in einer Jamaika-Koalition.