Wiesensteig rehabilitiert seine Hexen

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Mord verjährt nicht. Und Politiker, in diesem Fall Kommunalpolitiker, dürfen in Ausnahmefällen auch rechtliche Urteile außer Kraft setzen. Dieser Auffassung sind jedenfalls die Stadt Wiesensteig und der Gemeinderat. Bei den „Morden“ handelt es sich um Verbrennungen von Hexen als Umsetzung der von weltlichen Richtern aus dem Mittelalter verhängten Urteile. Diesen „Opfern“ will Wiesensteig, aufgrund einer „ethischen Verpflichtung“ ihnen gegenüber, ihre Ehre zurückgeben.

Opfern die Ehre zurückgeben

Die Stadt und der Gemeinderat haben in der jüngsten Sitzung eine Resolution beschlossen, wonach die im Mittelalter in Wiesensteig verurteilten und verbrannten „Hexen und Zauberer“ rehabilitiert werden. Denn dort, in der kleinen Grafschaft Helfenstein, ereignete sich im 16. Jahrhundert die erste große Hexenverfolgung Deutschlands nach der Reformation.

1562 wurden die ersten sechs Frauen, die angeblich durch Hexerei einen Hagelsturm ausgelöst haben sollen, durch Ulrich von Helfenstein als Hexen hingerichtet. Im selben Jahr wurden 61 weitere Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Stolz verkündete man in einem Pamphlet von den „wahrhafftigen unnd erschreckliche Thatten und Handlungen der 63 Hexen unnd Unholden, so zu Wisenstaig mit dem Brandt gerichtet worden seindt“. Bis 1611 ging diese Hexenjagd. Von etwa 111 Frauen und einem Mann ist bekannt, dass sie in Wiesensteig verbrannt wurden.

„Nie sind die Opfer  rehabilitiert worden, sie gelten bis heute als schuldig im Sinne der Anklage.“ Diese Worte richtet Jörg Schaber,  damals Pfarrer der evangelischen Gemeinde, bereits 2015 an die Stadt und bat darum, mit einer öffentlichen Erklärung diese Verurteilten zu rehabilitieren. Damit würde deren Ehre wieder hergestellt und eine entsprechende Resolution diene dem „dauerhaften Gedenken an diese unschuldigen Opfer“.

Wiesensteig folgt nun, im Jubiläumsjahr der Reformation, dieser Empfehlung. Nicht unwesentlich dürfte die Tatsache sein, dass Wiesensteig protestantisch war, als die ersten Hexenprozesse dort stattfanden – und Luther forderte seinerzeit entschieden die Verfolgung von Hexen und Zauberern. Doch letztlich ist das einerlei, denn beide Kirchen haben zu jenen Zeiten Hexen verfolgt und die letzten Hexenprozesse in Wiesensteig erfolgten, als die Stadt wieder unter katholischer Ägide war.

Die Räte beschlossen nunmehr, ohne Einwendungen und Diskussion, diese Resolution. Die wird im Übrigen, Bürgermeister Gebhard Tritschler zufolge, auch von beiden Kirchengemeinden Wiesensteigs unterstützt. Damit reiht sich Wiesensteig ein in die Liste zahlreicher Städte und Kommunen deutschlandweit, die – zumeist auf Anregungen der Kirchen hin – Hexenopfer rehabilitierten.

Der Wortlaut der Resolution: „Die Rehabilitation der unschuldig gequälten und hingerichteten Opfer der Hexen- und Zaubererverfolgung in Wiesensteig während des 16. und 17. Jahrhunderts ist ein Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung.“ Wiesensteig sieht sich, wenn die Stadt auch nicht Rechtsnachfolgerin der damaligen Rechtssprecher sei, „angesichts der Opfer und deren Familien sowie der lokalen Geschichte ethisch zu dieser  Rehabilitation verpflichtet“.

In diesem Zusammenhang veranstalten die Stadt gemeinsam mit der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde am 10. März einen Vortrag über die Entstehung der Hexenverfolgung und deren geschichtliche Aufarbeitung. Am  12. März um zehn Uhr findet in der Stiftskirche ein ökumenischer Gottesdienst für die Opfer der Hexenverfolgung in der Grafschaft Helfenstein statt.

Sabine Graser-Kühnle

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