Dick und diskriminiert Was es mit Body Shaming auf sich hat

Berlin / Von Julia Naue, dpa 05.04.2018

Als Magda Albrecht ein Kind war - so um die fünf Jahre
alt - sagte ihr eine Ärztin: „Du bist zu dick, du musst mehr Sport
machen.“ Dabei war Albrecht ein sportliches Kind, erzählt sie. „Aber
eben ein dickes sportliches Kind.“

Auch ihre Klassenkameraden gaben ihr das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimme - und ärgerten sie. Oder um es deutlicher zu sagen: „Ich bin von Kindheit an diskriminiert worden.“ Lange Zeit suchte die heute 31-Jährige den Fehler bei sich. „Ich hab meinen Körper immer als den ultimativen Makel gesehen und das auch nicht hinterfragt.“

Magda Albrecht ist auch heute noch, was man gemeinhin als dick
bezeichnen würden. Für sie ist das kein Problem. Für viele andere
offenbar schon. Body Shaming nennt sich das, derzeit häufig ein
Schlagwort für das Phänomen. Es bedeutet, dass Menschen aufgrund
ihres Körpers - wörtlich - beschämt werden. Das trifft häufig Dicke.
Einer DAK-Studie zufolge finden 71 Prozent der Erwachsenen in
Deutschland Fettleibige unästhetisch, 38 Prozent denken das über
Dicke.

„Die Stigmatisierung von Übergewichtigen ist ein großes Problem“,
sagt Prof. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen
Adipositas-Gesellschaft. „Menschen, die diskriminiert werden,
beginnen sich selbst zu diskriminieren“, erklärt sie. Das führe dazu,
dass sie glauben, nicht glücklich sein zu können, solange sie dick
sind. Sie definieren sich dann fast ausschließlich über ihren Körper.

Dass ihr Gewicht immer ein Thema ist, musste etwa die Politikerin
Ricarda Lang erfahren. „Egal, wozu ich mich äußere - Lohngleichheit,
Kinderarmut oder Kohlekraft: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu
meinem Äußeren“, schrieb die Sprecherin der Grünen Jugend im Januar
im „Spiegel“-Jugendmagazin „ Bento “. „Warum nehmen sich diese Fremden raus, mir ungefragt Tipps zu geben? Ist es so schwer zu verstehen, dass es weder ihre Aufgabe noch ihr Recht ist, meinen Körper zu kommentieren?“, fragt sie. In den sozialen Netzwerken ist sie regelmäßig üblen Beleidigungen ausgesetzt.

Dicke müssen sich im Alltag mit Vorurteilen und Ausgrenzung
rumschlagen: Dass füllige Menschen Nachteile im Job haben, zeigt etwa
eine Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2012. Die
Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Personaler dickeren
Menschen fast nie einen Job mit hohem Prestige zutrauen. Für eine
Abteilungsleiterstelle wurden sie ebenfalls selten ausgewählt.
Besonders betroffen waren demnach Frauen von den Vorurteilen.

Auch Magda Albrecht ist sich sicher, dass es Frauen häufiger trifft,
„wenn man bei binären Geschlechteridentitäten bleibt“. Die Standards
mit Blick auf das Äußere seien bei Frauen einfach stärker gesetzt als
bei Männern. „Bei Männern wird so ein kleiner Bauch noch als sozial
legitim angesehen.“

Und diese Standards werden täglich vorgelebt - besonders auch in den
Medien: In der aktuellen Staffel „Germany's Next Topmodel“ schämen
sich dünne Mädchen für ihre Kurven - weil andere noch dünner sind.
Klatschzeitschriften analysieren die „Figurprobleme der Stars“ und
vermuten hinter jedem Extra-Kilo gleich eine Schwangerschaft oder
Depression.

Albrecht hat mittlerweile ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben,
damit will sie anderen auch helfen, sich in ihrem Körper wohl zu
fühlen. „Nicht der Körper ist verkehrt, sondern gesellschaftliche
Normen, die Körper in „gut“ und „schlecht, “schön„ und “hässlich„
einteilen“, betont sie.

Doch warum werden immer wieder gerade dicke Menschen diskriminiert?
Prof. Lotte Rose und Friedrich Schorb werfen einen wissenschaftlichen
Blick auf das Thema. In einem von ihnen veröffentlichten Buch über
„Fat Studies in Deutschland“ notieren sie, dass dicke Menschen zu
einer „gesellschaftlichen Belastung“ erklärt werden. Sie würden
bedrängt, ihr Körpergewicht zu ändern. „Diese Zugriffe erscheinen
legitim, fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber den betroffenen
Menschen“, schreiben sie. Doch sind sie das wirklich?

„Viele meinen, das Gewicht lasse sich leicht kontrollieren“, sagt
Prof. de Zwaan. Ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen gesünder
essen - dann wird das schon. Wer das nicht schafft, hat - scheinbar -
keine Selbstbeherrschung, ist selbst schuld und schwach. Doch ganz so
einfach ist das nicht. Warum jemand dick ist, kann ganz
unterschiedliche Gründe haben. Und: „Unsere Biologie sagt uns immer
noch: Wenn Essen da ist, bitte essen“, erklärt die Fachärztin für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Hannover.

Um abzunehmen, brauche es einen enormen Willen - und um das Gewicht
dann zu halten noch viel mehr. Wer seinen Körper mit viel
Selbstdisziplin trimmt, schaut vielleicht leichter auf andere herab,
die das nicht so können.

Natürlich können zu viele Kilos auch Gesundheitsrisiken bergen.
Deshalb - so de Zwaan - sei es als dicker Mensch zumindest sinnvoll,
nicht weiter zuzulegen. Aber sie fordert auch: „Die Menschen sollen
mit ihrem Körper zufrieden sein, auch wenn er nicht perfekt ist.“ Das
fällt besonders schwer, wenn andere sie auf ihr Gewicht reduzieren -
sie stigmatisieren.

Service: Magda Albrecht: Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben, ISBN: 978-3864930539

PM zur Studie Personaler/Übergewicht

Ricarda Lang bei Bento

Haley Morris-Cafiero The Watchers

NYT Yoga Pants

Magda Albrecht

Cambridge Dictionary Body Shaming