Baden-Württemberg und Bayern 2018 ist ein Rekord-Jahr für Zecken

Eine Zecke krabbelt über den Arm eines Mannes.
Eine Zecke krabbelt über den Arm eines Mannes. © Foto: Patrick Pleul
Region / Amrei Groß 05.07.2018
Diesen Sommer gibt es besonders viele Zecken und damit eine erhöhte Gefahr, an Hirnhautentzündung oder Borreliose zu erkranken. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) prognostizieren für Süddeutschland gar die höchste Zahl an Zecken in den letzten zehn Jahren.

Ob Sommerspaziergang durch Wald und Flur, Picknick im Park oder Grillen mit Freunden im eigenen Garten: In diesem Sommer kann jede dieser Aktivitäten unangenehme Folgen haben. Denn auf Büschen, Sträuchern und Gräsern lauern Zecken – so viele wie in den letzten zehn Jahren nicht. Kommt ein geeigneter Wirt vorbei, etwa ein Mensch, ein Hund oder ein Reh, lassen sie sich abstreifen und klammern sich an Kleidung, Haut, Haaren oder Fell fest.

Baden-Württemberg und Bayern sind Risikogebiete

Schmerzhaft ist ein Zeckenstich in den allermeisten Fällen nicht: Der Speichel der Zecke betäubt die Einstichstelle. Er überträgt aber auch Krankheitserreger wie das FSME-Virus, das eine Hirnhautentzündung auslöst. Besonders häufig sind entsprechende Fälle in Baden-Württemberg, Bayern sowie Südhessen. Diese Bundesländer gelten als FSME-Risikogebiete, für die das Robert-Koch-Institut eine schützende Impfung empfiehlt. Gegen die ebenfalls häufig übertragene Borreliose gibt es derzeit keinen Impfschutz, sie kann jedoch im Gegensatz zu FSME mit Antibiotika behandelt werden.

2018 droht ein Zecken-Rekordjahr

In diesem Jahr ist die Situation in Süddeutschland besonders gefährlich: „Wir werden die höchste Zahl an Zecken in den letzten zehn Jahren haben“, sagt Dr. Gerhard Dobler vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) in München in einer Pressemitteilung. Seit 2009 erforscht der Wissenschaftler mit seinem Team am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr die Ausbreitung und Aktivität des FSME-Viruses in Deutschland. Über einen Zeitraum von neun Jahren dokumentierten die Forscher die Zeckenzahlen in Süddeutschland. Auf Basis ihrer Daten entstand in Zusammenarbeit mit der Veterinärmedizinischen Universität in Wien ein Modell, das bereits im Winter Aussagen über die Zahl der Zecken im folgenden Sommer ermöglicht.

Komplexe Berechnung

In das Modell der Münchner und Wiener Forscher fließen verschiedene Faktoren ein. Ausschlaggebend ist zum einen die Menge der Bucheckern zwei Jahre vor dem entsprechenden Sommer – denn je mehr Bucheckern es gibt, desto mehr Wild- und Nagetiere haben Futter und können Zecken als Wirte dienen. Entsprechend steigt ihre Population an. Relevant sind auch die jährliche Durchschnittstemperatur sowie der Verlauf des Winters im Jahr vor dem Sommer, über den eine Aussage gemacht werden soll.

Die Zusammenhänge zwischen Bucheckern-Angebot und Temperaturen konnten Dobler und seine Kollegen bereits bestätigen. Für den Sommer 2017 hatten sie 187 Zecken pro 100 Quadratmeter vorhergesagt und 180 gefunden. Fast eine Punktlandung. Für 2018 wurde mit 443 Zecken je 100 Quadratmeter die höchste je gefundene Zeckenzahl vorausgesagt. Dobler weiß mittlerweile, dass sich auch diese Voraussage genau erfüllen wird: „Wir haben die höchste Zahl von Zecken, die wir seit Beginn der Untersuchungen gesammelt haben – gut für die Zecken, schlecht für uns.“

Nur wenige erkranken

In den FSME-Risikogebieten in Süddeutschland sind Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge nur wenige Zecken tatsächlich mit dem Virus infiziert. Im Mittel tragen 0,1 bis 5 Prozent der Zecken FSME-Viren in sich. Hieraus ein Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich abzuleiten, ist nicht möglich. Viele FSME-Infektionen verlaufen ohne sichtbare oder mit milden Symptomen.

Problematisch wird es, wenn es infolge der Infektion zu einer Entzündung von Gehirn, Hirnhäuten oder Rückenmark kommt – denn eine Therapie im klassischen Sinne gibt es nicht. Möglich ist lediglich eine Linderung einzelner Symptome. Nur 20 Prozent der Patienten, die von einem derart schweren Verlauf der Erkrankung betroffen sind, erholen sich vollständig. Über 50 Prozent behalten dauerhafte Schäden zurück. In einem Prozent der Fälle endet die Krankheit tödlich.

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut empfiehlt deshalb eine FSME-Impfung für Einwohner und Besucher von Risikogebieten, die aufgrund ihrer Wohnlage oder durch Freizeitaktivitäten im Grünen ein erhöhtes Risiko haben, von Zecken gestochen zu werden. Auch Personen, die durch ihren Beruf FSME-gefährdet sind, zum Beispiel Forstarbeiter, sollten für einen aktuellen Impfschutz sorgen.

Zecken-Mythen unter der Lupe

Rund um Zecken und Zeckenstiche ranken sich zahlreiche Mythen und Halbwahrheiten. Wir haben genau hingeschaut:

Zecken fallen von Bäumen

Ein Mythos! Zecken fallen weder von Bäumen noch können sie springen. Die meisten Zecken warten in einer Höhe von weniger als einem Meter, häufig sogar nur zwischen 10 und 50 Zentimetern über dem Boden, auf geeignete Wirte.

Zecken leben nur im Wald

Ein Mythos! Zecken kommen praktisch überall vor, wo es Pflanzen gibt, auch in Gärten oder Parks.

Zecken lassen sich mit Klebstoff oder Öl entfernen

Ein Mythos – und ein gefährlicher dazu. Eine Behandlung mit Klebstoff oder Öl reizt die Zecke und kann dazu führen, dass sie Speichel und somit mögliche Infektionserreger in die Wunde abgibt. Richtig entfernt wird eine Zecke mit Hilfe einer Pinzette oder eines speziellen Zeckenentfernungsinstruments nahe der Hautoberfläche. Dabei sollte das Tier nahe der Einstichstelle, niemals aber am vollgesogenen Körper, gegriffen werden und dann langsam und gerade aus der Haut gezogen werden. Nach der Entfernung der Zecke sollte die Wunde sorgfältig desinfiziert werden.

Wenn eine Zecke rechtzeitig entfernt wird, kann nichts passieren.

Das stimmt nur bedingt. Während Borreliose-Bakterien erst nach längerem Saugen – Experten sprechen von einem Zeitraum von 12 bis 24 Stunden – übertragen werden, erfolgt eine Übertragung von FSME-Viren unmittelbar mit dem Stich.

Waschen tötet Zecken ab

Auch diese Aussage kann nur eingeschränkt bestätigt werden. Selbst eine Maschinenwäsche bei 40 Grad schadet Zecken nicht unbedingt. Studien zeigen, dass die Hitzetoleranz der kleinen Plagegeister bei etwa 44 Grad Celsius liegt. Wer also auf Nummer sicher gehen möchte, muss seine Kleidung bei 60 Grad waschen oder im Wäschetrockner trocknen.

Zecken sind nur im Sommer aktiv

Ein Mythos! Zwar sind Zecken in der wärmeren Jahreshälfte von Frühjahr bis Herbst besonders aktiv. Entscheidend ist aber nicht die Jahreszeit, sondern die allgemeine Wetterlage. Am liebsten haben es Zecken warm und feucht. Bei niedrigeren Temperaturen überleben sie im schützenden Laub am Boden. Deshalb sind Zeckenstiche auch an milden, sonnigen Wintertagen denkbar.

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