Psychotherapie Im Gegenteil

München / Christoph Weymann 23.12.2017

Vor ein paar Jahren wurde der Journalist Christian Ankowitsch von Einschlafproblemen geplagt, bis er schließlich einen Tipp ausprobierte, der völlig absurd klang: „Versuchen Sie, unbedingt wach zu bleiben!“ Auch das gelang ihm nicht, weil er jedes Mal fast sofort eingeschlafen war. Ankowitsch war so perplex darüber, dass er das Phänomen in seinem Buch „Mach‘s falsch, und du machst es richtig“ gründlich beleuchtete. Darin geht er auch auf den therapeutischen Nutzen scheinbar kontraproduktiver Maßnahmen ein. So verweist er auf die „provokative Therapie“, die von dem US-Therapeuten Frank Farrelly entwickelt wurde und im deutschsprachigen Raum etwa von der Münchner Psychotherapeutin Eleonore Höfner praktiziert wird.

Farrelly begann damit, seine Klienten humorvoll zu piesacken und herauszufordern, nachdem er bei der Arbeit mit schizophrenen Patienten in den 1960er Jahren festgestellt hatte, dass diese kaum einen Anlass sahen, an einer Therapie mitzuwirken. De facto führten sie schließlich in der stationären Einrichtung ein bequemes Leben, während das Pflegepersonal gehalten war, die Patienten nie für ihr Verhalten verantwortlich zu machen.

Bei den so entstandenen Methoden geht es darum, den Ratsuchenden mit viel Humor so herauszufordern, dass er zur für ihn richtigen Lösung gelangt. Wenn etwa eine Frau ihren Mann schlechtmache, berichtete Höfner einmal, bestärke sie diese darin und übertreibe dabei so lange die Mängel des Mannes, bis die Klientin sich irgendwann an die guten Seiten ihres Gatten erinnere.

Als einer der Ersten hatte der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Viktor Frankl in den 1930er Jahren systematisch damit begonnen, seine Patienten mit scheinbar widersinnigen Anweisungen zu behandeln. Frankl bezeichnete diese Technik als „paradoxe Intention“ (in sich widersprüchliche Absicht). Die Klienten sollen sich dabei ihr Problem, das sie vermeiden wollen, bewusst herbeiwünschen. Wer also Angst davor hat, dass er Schweißausbrüche bekommt, soll versuchen, so stark zu schwitzen wie noch nie. Oder der Therapeut sagt „Jetzt tun Sie doch mal alles dafür, dass Sie so richtig viel Angst haben!“.

Im Idealfall ermöglichen solche Methoden die Erfahrung, dass es vor allem die Erwartungsangst ist, die ein eigentlich seltenes Symptom in einem Teufelskreis immer wieder verstärkt – und dass sie sich in den Griff bekommen lässt. Eine paradoxe Intention soll möglichst humoristisch vermittelt werden, geht es doch darum, dem Symptom auch mit Spott und Übertreibung seine Macht zu nehmen.

Eine Variante „paradoxer Interventionen“, die in den 70ern von der familientherapeutisch arbeitenden Mailänder Gruppe um die Psychiaterin Mara Selvini Palazzoli angewandt wurde, hatte es dagegen in sich. Der typische Rat an die Betroffenen, bitte nichts an der Familiensituation zu verändern, verbunden mit einem Lob für das psychisch kranke Kind, das mit seiner Störung die Familie zusammenhalte, könne wie eine „kommunikative Bombe“ wirken, sagt Arist von Schlippe, Co-Autor mehrerer Standardwerke zur systemischen Therapie. Denn die doppelbödige Botschaft „zerstört die Möglichkeit, dass die Beziehungskämpfe so weitergehen wie bisher“.

Die Beine hochlegen

Das „Mailänder Modell“ hat wichtige Elemente der systemischen Familientherapie entwickelt – die tendenziell kühle und autoritäre Kommunikation mit den ratsuchenden Familien war aber teilweise fragwürdig und wurde später geändert.

  Viele paradoxe Ansätze gehen auf Erkenntnisse der Forschergruppe im kalifornischen Palo Alto zurück, die durch Bücher von Paul Watzlawick bekannt wurden. So fand man dort seit den 1950er Jahren heraus, dass wiederholte, ungeeignete Lösungsversuche nach dem Motto „mehr Desselben“ nur dazu beitragen, ein Problem am Leben zu erhalten, während die richtige Lösung oft exakt im Gegenteil der versuchten besteht. So wie bei jenem jungen Paar, das vergeblich versuchte, die jedes Wochenende anreisenden, putzwütigen Eltern von ihrer verwöhnenden Hilfe abzuhalten – und schnell Ruhe hatte, als es den Rat befolgte, währenddessen die Beine hochzulegen und es sich mal richtig gemütlich zu machen.

Diese Tradition einer unorthodoxen Behandlung mithilfe paradoxer Elemente wird heute etwa von dem italienischen Psychotherapeuten Giorgio Nardone fortgeführt, der sich für jeden Klienten eine individuell abgestimmte Aufgabe überlegt, um den Teufelskreis der Störung zu durchbrechen. Dabei müssen die „Symptomträger“, also die Mitglieder eines Familiensystems, die möglicherweise aufgrund der Gesamtsituation an einer Störung leiden, anfangs manchmal indirekt beeinflusst werden, wie das oft bei Essstörungen der Fall ist.

So half Nardone auch einem bekannten Sportler mit starkem Leistungseinbruch, dessen betreuender Psychologe bei ihm Rat gesucht hatte. Nardone riet seinem Kollegen, dem Sportler zu signalisieren, seine beste Zeit sei wohl vorbei – weil er glaubte, dass dem Mann eine Herausforderung fehlte. „In den folgenden Wochen“, schreibt Nardone in einem Buch über seine Methoden, „konnte ich in Sportzeitungen immer wieder lesen, dass der fragliche Sportler beinahe wie von Geisterhand wieder sein früheres Leistungsniveau erreicht habe oder sich sogar selbst übertreffe.“

Buchtipps

Giorgio Nardone: Pirouetten im Supermarkt. Strategische Interventionen für Therapie und Selbsthilfe. Carl- Auer Verlag, 19,95 Euro.

 Christian Ankowitsch: Mach‘s falsch, und du machst es richtig. Die Kunst der paradoxen Lebensführung. Rowohlt, 9,99 Euro.

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