Versorgungsengpass Mangelware Ibuprofen: So ist die Situation in Ulm

Ibuprofen ist in den Ulmer Apotheken zumindest derzeit noch ausreichend verfügbar.
Ibuprofen ist in den Ulmer Apotheken zumindest derzeit noch ausreichend verfügbar. © Foto: Amrei Groß
Ulm / Amrei Groß 05.07.2018
Ibuprofen gehört zu den am häufigsten eingesetzten Arzneimitteln in Deutschland. Jetzt droht bei dem Schmerzmittel ein Engpass, der die bereits bisher bestehenden Lieferschwierigkeiten in den Schatten stellen könnte.

Mit 27 Millionen Verordnungen auf Rezept sowie 51 Millionen verkauften Packungen in der Selbstmedikation ist Ibuprofen das wichtigste Schmerzmittel in Deutschland. Insgesamt hat sich der Absatz in den vergangenen Jahren fast verdoppelt. Nun kommt es zu Lieferengpässen: Wegen technischer Probleme musste die Produktion des Wirkstoffs im Werk des deutschen BASF-Konzerns in Bishop im US-Bundesstaat Texas vorerst eingestellt werden. Wie lange der Ausfall dauert, ist noch unklar. Experten sprechen von „möglicherweise drei Monaten“. Das berichtet der Branchendienst APOTHEKE ADHOC.

Rohstofflieferanten produzieren am Anschlag

Das Problem: Nur sechs Fabriken stellen Ibuprofen für den gesamten Weltmarkt her. In welcher Größenordnung sich der Ausfall auf den deutschen Markt auswirkt, ist bislang nicht bekannt. Das Werk ist mit einer Kapazität von rund 5000 Tonnen pro Jahr einer der führenden Produzenten von Ibuprofen weltweit. Die anderen Rohstofflieferanten produzieren bereits am Anschlag und können den Ausfall nicht auffangen.

Je zwei Fabriken gibt es in China, Indien und in den USA. Fällt eine von ihnen aus, drohen Engpässe. Die ersten Pharmafirmen suchen bereits händeringend nach Zwischenhändlern, die ihnen noch Wirkstoff oder fertig produzierte Ware vermitteln können.

So ist die Situation in Ulm

Die Apotheken in Ulm fühlen sich für die kommenden Wochen dennoch gut gerüstet. „Wir haben alle Packungsgrößen und Dosierungen ausreichend auf Lager“, sagt Philipp Klemm von der Hirsch-Apotheke. „Vier bis sechs Wochen können wir problemlos überbrücken.“ Bislang seien nur einzelne Hersteller und einzelne Packungsgrößen nicht lieferbar.

Eine Aussage, die Barbara Itschert-Warth von der Mohren-Apotheke am Münsterplatz bestätigt. „Im freiverkäuflichen Bereich bis 400 Milligramm sind wir gut bevorratet“, erklärt sie. Im verschreibungspflichtigen Bereich fielen zwar einzelne Hersteller aus, das beunruhigt sie aber nicht: „Lieferengpässe gibt es immer wieder.“

„Wir sind gut versorgt“, sagt auch Timo Ried, der im Stadtgebiet sieben Apotheken betreibt. „Als sich ein Engpass abzeichnete, haben wir sofort reagiert.“ Seine Lager sind gut gefüllt; „die nächsten drei bis vier Monate können wir problemlos alle unsere Filialen versorgen.“ Nachbestellungen seien derzeit aber in der Tat schwierig: „Von meinen 24 Anbietern können im Moment 23,5 nicht liefern.“

Problem ist nicht neu

Neu ist eine Situation wie diese für die Apotheken im Land nicht. „Wir haben das in den vergangenen zehn Jahren häufiger erlebt“, sagt Christoph Gulde, Vizepräsident des Landesapothekerverbands (LAV) Baden-Württemberg. „Apotheker in Deutschland verwalten einen regelrechten Mangel.“

Die Gründe seien vielfältig und in erster Linie hausgemacht: „Wir konzentrieren uns in der Wirkstoffproduktion auf zu wenige Anbieter, kaufen gezwungenermaßen billigst ein und haben Hersteller, die am Limit produzieren“, fasst er zusammen. „Wenn es irgendwo zu Problemen kommt, tritt ein Mangel ein.“ Nahezu die gesamte Wirkstoffproduktion finde in den USA und in Fernost statt – denn in Europa gelten hohe Anforderungen an Umweltschutz und Qualität, die die Herstellung verteuern würden.

Viele Arzneimittel sind nicht lieferbar

Dabei ist der aktuelle Ibuprofen-Engpass nur die Spitze des Eisbergs. „Ich habe eine Liste von 66 Arzneimitteln, die ich gerne am Lager hätte, die aber derzeit nicht von allen Herstellern lieferbar sind“, sagt Gulde. Darunter sei der Protonenpumpenhemmer Pantoprazol, der unter anderem bei Sodbrennen eingesetzt wird, aber auch das Breitband-Antibiotikum Amoxicillin.

Für den Kunden ist das kein Problem, da in der Regel stets Produkte anderer Hersteller verfügbar sind. Wohl aber für den Apotheker: „Die Krankenkassen erwarten, dass ich die Produkte ihrer Rabattpartner verkaufe.“ Seien diese nicht verfügbar, könne auf weitere günstige Anbieter zurückgegriffen werden. Das bedeute aber einen erhöhten bürokratischen Aufwand. Fielen auch diese Hersteller aus, müssten andere, teurere Alternativen gesucht werden. „Je länger so etwas geht, desto unangenehmer wird es“, weiß Gulde.

„Macht keinen Sinn, Hamsterkäufe zu tätigen“

In Sachen Ibuprofen ist derzeit vor allem die Dosierung mit 600 mg stark vergriffen. „Stand heute kann ich sie nur von einem Hersteller beziehen.“ 22 andere Quellen seien versiegt. Von Hamsterkäufen rät Gulde, der im Stuttgarter Stadtbezirk Weilimdorf selbst eine Apotheke betreibt, dennoch ab: „Das macht keinen Sinn.“ Weder für Apotheker, die damit unter Umständen eine bundesweite Versorgung gefährden könnten, noch für Kunden. „Derzeit gibt es genügend Alternativen in anderen Dosierungen.“

Zu starker Fokus auf Preis

Der Landesapothekerverband stehe mit den Ärzten in Baden-Württemberg in Kontakt; spitze sich die Situation weiter zu, würden eben andere Dosierungen verordnet, die noch problemlos zu beziehen seien. Traurig ist für den Vizepräsidenten, „dass wir diese Problematik überhaupt haben“. Derzeit liege der Fokus nicht auf Qualität und Versorgungssicherheit, sondern einzig auf billigsten Preisen.

Mit entsprechenden Folgen. Aus Guldes Sicht wäre es wünschenswert, wieder eine Wirkstoffproduktion in Europa zu etablieren – mit gemeinsamen Standards in Sachen Umweltschutz, Qualität und Preis. „Ich glaube nicht, dass das einen riesigen Preisanstieg zu Folge hätte“, sagt er.

BASF will ab 2021 in Ludwigshafen produzieren

Weil die Nachfrage nach dem Schmerzmittel seit Jahren steigt, haben die Lieferanten ihre Kapazitäten deutlich hochgefahren. BASF will in Ludwigshafen sogar eine neue Produktionsstrecke bauen, diese soll jedoch erst 2021 in Betrieb gehen.

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