Gesundheit Harn- und Stuhlinkontinenz: Was man tun kann

Hoffentlich ist eine Toilette in der Nähe – ständiger Druck kann die Lebensqualität stark einschränken.
Hoffentlich ist eine Toilette in der Nähe – ständiger Druck kann die Lebensqualität stark einschränken. © Foto: Foto: SpeedKingz/Shutterstock.com
Ulm / Iris Humpenöder 08.12.2018
Harn- und Stuhlinkontinenz schränken die Lebensqualität stark ein. Ärzte sagen, was man als Betroffene(r) tun kann.

Bin ich froh, dass Sie diese Aktion machen“, sagte eine Anruferin. Das Thema „Inkontinenz“ plagt viele. Unsere drei Telefonleitungen waren dauerbelegt – und die, die durchkamen, dankbar, endlich  über ihre Probleme reden zu können.

Ich bin 62, habe einen starken und häufigen Harndrang und Schwierigkeiten, das Wasser zu halten. Was raten Sie?

Vermutlich haben Sie eine überaktive, eine so genannte Reizblase. Die Blase ist ein Hohlmuskel, der in der Füllphase möglichst lange entspannt sein sollte. Bei Ihnen zieht er sich häufig zusammen und löst so den Harndrang aus. Ihr Haus- oder Frauenarzt kann Ihnen ein Medikament aus der Klasse der Anticholinergika verschreiben, das den Blasmuskel beruhigt. Zuvor sollte aber noch abgeklärt werden, wie gut sich die Blase entleert. Das hat Einfluss auf die Art des Medikaments, das Sie brauchen.

Stimmt es, dass Übergewicht ein Risikofaktor für die Reizblase ist?

In einer Studie haben Betroffene 15 Kilo abgenommen und bei 50 Prozent von ihnen sind damit auch die Blasenprobleme verschwunden. Eine Reizblase kann aber auch psychosomatisch bedingt sein.

Mir wurde die Gebärmutter entfernt. Darf ich jetzt tatsächlich nur noch bis zu fünf Kilo heben?

Nach der Operation sollten Sie sich etwa sechs Wochen lang schonen. Doch lebenslange Schonung ist längst keine Vorgabe mehr. Und die Fünf-Kilo-Regel auch nicht.

Nach einer Magen-Darm-Grippe habe ich seit einigen Wochen Darmbeschwerden und immer wieder Durchfall. Was tun?

Eine so genannte Ma­gen-Darm-Grippe ist meist die Folge einer Infektion mit Viren und wird symptomatisch behandelt. Bleiben die Beschwerden aber bestehen, müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden. Eventuell ist hierfür eine Darmspiegelung nötig. Auch Nahrungsunverträglichkeiten können die Ursache sein.

Ich habe ein heikles Problem: Ich verliere Stuhl, ohne es zu bemerken, zum Beispiel beim Wandern.

Man nennt das „sensible oder sensorische Inkontinenz“. Die Ursache dafür ist, dass sich die sensible Schleimhaut nach außen stülpt. So kann der Stuhlgang am ansonsten sensiblen Bereich nicht vorbei. Das beginnt oft mit Hämorrhoiden und geht bis zum Enddarmvorfall. Lassen Sie sich zum Proktologen überweisen. Findet der nichts, ist ein Neurologe gefragt.

Manchmal habe ich Verstopfung, dann schaffe ich es wiederum kaum noch auf die Toilette. Dort brauche ich dann Stunden und habe das Gefühl, der Darm wird nie richtig leer. Ich kann darüber aber mit nie­mandem reden, es ist mir sehr peinlich.

Das muss es nicht sein. Es gibt keine Krankheit, über die man nicht reden kann. Ihr Problem könnte das so genannte Stuhlgangsstottern sein. Hierbei stülpt sich der Darm in sich selbst. Für diese Diagnose braucht es spezielle Untersuchungen, unter anderem ein Kernspin.

Ich bin 55 und war noch nie beim Urologen. Meine Frau drängt mich aber dazu, zumal ich nachts häufig auf die Toilette muss.

Zwischen 50 und 60 Jahren ist ein Besuch beim Urologen durchaus ratsam. Oft vergrößert sich die Prostata gutartig, was dann medikamentös gut behandelbar ist. Aber auch die Krebsvorsorge ist wichtig.

Ich hatte Prostatakrebs und wurde vor ein paar Monaten operiert. Was kann ich gegen die Inkontinenz tun?

Bei den neueren OP-Verfahren kommt es weit weniger zu dauer­hafter Inkontinenz als früher. Es ist wichtig, ein Jahr lang intensives Beckenbodentraining zu machen. Sollte dann keine Besserung der Inkontinenz erzielt werden, stehen operative Verfahren zur Debatte.

Meine Blase hat sich gesenkt. Reicht Beckenbodentraining aus?

Wenn die Senkung nicht zu ausgeprägt ist, lässt sich die Blase durch Beckenbodentraining zumindest stabilisieren. Wenn das Bindegewebe stark gedehnt oder gerissen ist, wird Beckenbodentraining nicht ausreichen.

Ich vertrage die Medikamente gegen meine Reizblase nicht. Gibt es Alternativen?

Man kann beispielsweise Botox in die Blase spritzen. Dadurch entspannt sich die Muskulatur und die Harnblase kann mehr Urin über einen längeren Zeitraum speichern.

Ich habe mehrere Operationen im Beckenbereich hinter mir, teils bin ich inkontinent, teils habe ich Verstopfung, aber immer starke Schmerzen beim Stuhlgang. Ich kann das Haus praktisch nicht mehr verlassen.

Sollten alle Therapieoptionen ausgeschöpft sein, muss in solch extremen Fällen auch über die Anlage eines künstlichen Darmausgangs nachgedacht werden – zumindest vorübergehend, um einfach mal zur Ruhe zu kommen. Mit einem künstlichen Darmausgang kann man am öffentlichen Leben wieder teilnehmen. Es gibt auch Selbsthilfegruppen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch wenn es radikal klingt – manchmal ist es die bessere Lösung, vor der man keine Angst haben muss.

Ich habe eine Blasensenkung. Muss die Gebärmutter entfernt werden?

Das hat man früher gemacht. Wenn die Gebärmutter gesund ist, wird sie heute normalerweise mit Fäden oder Kunststoffbändern fixiert. Das kann durch die Scheide oder bei jüngeren Frauen mittels einer Bauchspiegelung gemacht werden.

Ich bin beim Sport nur „verpackt“ unterwegs. Meine Kasse bietet Beckenbodengymnastik-Präventionskurse an. Ist das sinnvoll?

Sinnvoll ist Beckenbodengymnastik als vorbeugende oder therapeutische Maßnahme. Effektiver als Gruppenunterricht ist jedoch die Anleitung durch eine spezialisierte Physiotherapeutin. Das Rezept kann Ihr Hausarzt oder Frauenarzt ausstellen.  Vermutlich haben Sie eine Belastungsinkontinenz, also eine Schwäche der Harnröhre.

Was kann man außer der Gymnastik dagegen tun?

Es gibt Spezialtampons und Gummiringe, aber auch eine kleinere Operation, bei der ein Kunststoffbändchen U-förmig um die Harnröhre gelegt wird. Diese Methode hat übrigens eine 85-prozentige Erfolgsquote.

Ich lebe mit Windeln, habe schon alle möglichen Therapien hinter mir, kann aber den Urin einfach nicht mehr halten.

Es gibt noch die Möglichkeit, einen Blasenschrittmacher im Gesäßbereich einzusetzen. Das wird aber nicht an jeder Klinik gemacht. Fragen Sie Ihren behandelnden Arzt danach.

Ich habe eine Reizblase und außerdem Stuhlinkontinenz. Die Medikamente dagegen vertrage ich nicht, mir wird schwindlig und mein Mund ist ständig ausgetrocknet. Gibt es Alternativen?

Eine Reizstromtherapie kann durch unterschiedliche Frequenzen beide Probleme bessern. Das Gerät muss Ihnen Ihr Arzt verschreiben und Sie bekommen es mit nach Hause. Die Therapie ist nebenwirkungsfrei.

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Spezialisierte Zentren

Am Telefon waren der Viszeralchirurg Christian Bialas (Weißenhorn), der Urologe Karl von Dobschütz (Ulm) sowie der Gynäkologe Andreas Reich. Sie arbeiten im Kontinenz- und Beckenbodenzentrum der Kreisspitalstiftung Weißenhorn zusammen. Solche spezialisierten Zentren gibt es an vielen Kliniken.

Wer sich im Internet informieren möchte oder einen Therapeuten sucht, kann auf folgenden Seiten fündig werden: www.kontinenz-
gesellschaft.de; www.agub.de (Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und rekonstruktive Beckenbodenchirurgie); www.ag-ggup.de (Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie-Geburtshilfe-Urologie-Proktologie); www.urologen
portal.de (Deutsche Gesellschaft für Urologie); www.koloproktologie.org (Dt. Gesellschaft für Koloproktologie). ih

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