"Plötzlich hörte ich Maschinenpistolen auf der Straße knattern", las Pfarrer Bernhard Schmid vor, "meine Mutter und ich rannten schnell vom dritten Stock in den Keller." Lebhaft erinnerte sich Kardinal Walter Kasper an den Fliegerangriff der amerikanischen Luftwaffe am 19. April 1945 auf Wäschenbeuren. Weil er bei der ökumenischen Gedenkfeier in der St. Johanneskirche nicht dabei sein konnte, las Pfarrer Schmid einen eigens aufgesetzten Bericht Kaspers vor. Die rund 100 Anwesenden in der Kirche lauschten interessiert.

Walter Kaspers Vater war Oberlehrer in Wäschenbeuren. Deswegen wohnte der Zwölfjährige 1945 mit seiner Mutter im alten Schulhaus. Der Vater war zu der Zeit bereits in Kriegsgefangenschaft. Am späten Nachmittag habe der Angriff stattgefunden. "Ich kann immer noch das Schreien der Erst- und Zweitklässler hören, die in den Keller des Schulhauses stürmten." Kurz darauf seien deren Eltern vom Feld gekommen, um nach ihren Kindern zu suchen. Kasper erinnerte sich, dass im Schulhaus auch Soldaten einquartiert waren. Als die amerikanischen Truppen sich näherten, habe sich der Offizier ergeben.

Die restlichen Soldaten seien über eine Hintertreppe geflohen. Die Alliierten hätten die Menschen im Schulkeller angewiesen, versteckt zu bleiben. Erst am nächsten Morgen sei ihnen klar geworden, was geschehen war. Zwei Drittel von Wäschenbeuren lagen in Trümmern. "Ins Herz getroffen", umschrieb Bürgermeister Karl Vesenmaier die Zerstörung bei der anschließenden Gedenkfeier in der vollbesetzten Bürenhalle. Mit der Veranstaltung solle besonders die jüngere Generation an diese "kollektive Katastrophe" erinnert werden.

Landrat Edgar Wolff bedauerte in seinem Grußwort, dass die Welt aus diesen Kriegen scheinbar nichts gelernt habe. Immer noch gebe es überall Konflikte und Kriege. "Am meisten leidet immer die Zivilbevölkerung", sagte Wolff. In Wäschenbeuren verloren fünf Menschen beim Luftangriff ihr Leben, zahlreiche weitere waren auf einen Schlag obdachlos. Eine entscheidende Rolle in der weiteren Ortsgeschichte habe Walter Schleicher gespielt, betonte Vesenmaier. Von 1947 bis 1952 war der erste Nachkriegsbürgermeister die treibende Kraft hinter dem Wiederaufbau.

Diesen thematisierte eine Ausstellung im hinteren Teil der Bürenhalle, die sich aus der Foto- und Materialsammlung von Ortshistoriker Peter Schührer speiste. Auf den 68 Fotos ließen sich die Zerstörungen und deren Beseitigung gut nachvollziehen. Darunter befand sich auch ein Foto vom jungen Walter Schleicher.

Mit 93 Jahren war der frühere Schultes am Nachmittag zusammen mit seiner Frau in die Halle gekommen, genau wie 21 weitere Zeitzeugen. Sie kommen im Dokumentarfilm "April 1945" zur Sprache, der im Anschluss an die Reden gezeigt wurde. Als die Gruppe sich danach auf der Bühne versammelte, erhielt sie lange Beifall.