Die Bombe platzte um zehn nach neun. „Ich werde der AfD-Fraktion im Bundestag nicht angehören“, sagt Frauke Petry. Die Parteivorsitzende kündigt an, weitere Fragen im Foyer zu beantworten, steht auf und geht. Etwas mehr als 15 Stunden nach Schließung der Wahllokale hat sich die Vorsitzende der drittstärksten Partei im 19. Deutschen Bundestag und direkt gewählte Abgeordnete von ihrer Fraktion abgespalten. Schon wieder ein Negativ-Novum in der Geschichte der Bundesrepublik.
Zurück im großen Saal der Bundespressekonferenz bleiben der zweite Parteivorsitzende Jörg Meuthen, das AfD-Spitzenduo Ale­xander Gauland und Alice Weidel – und Dutzende Journalisten, vor denen sich die überrumpelte Führungsriege erklären muss. Der Schritt sei nicht abgesprochen gewesen, sagt Meuthen. Petry hat ihren Parteifreunden blutige Steaks um den Hals gebunden und sie dann ins prall gefüllte Haifischbecken geworfen. So sieht Rache aus. Petry möchte nun als „Einzel­abgeordnete“ im Plenarsaal sitzen, um dort eine „Realpolitik im guten Sinne einer konservativen Politik“ zu machen.
Es ist der Höhepunkt eines sich seit Monaten zuspitzenden Streits um die Ausrichtung der Partei, der sich so zusammenfassen lässt: Petry wollte die Partei in die Mitte rücken, die anderen nicht. Sie wolle 2021 Regierungsverantwortung übernehmen, sagt Petry, doch die AfD habe sich in der jüngsten Vergangenheit zu einer „anarchischen“ Partei entwickelt, die so nur Opposition könne.
Wenige Stunden zuvor hatte Petry Gauland im ARD-Morgenmagazin noch „eine Rhetorik, die der Bürger als nicht konstruktiv empfindet“ vorgeworfen. Nach dem Abgang Petrys dauert es eine gute halbe Stunde, bis der 76-Jährige zu dieser Rhetorik zurückfindet. „Die AfD ist ein gäriger Haufen, und jetzt ist halt eine obergärig geworden“, sagt er. Alice Weidel sagt erst mal lange gar nichts und entscheidet sich dann für eine gemäßigte Kritik: „Ich hätte mir gewünscht, dass Frau Petry mit mir oder Herrn Gauland ein persönliches Gespräch sucht.“ Stattdessen habe sie sich in den vergangenen Monaten entschlossen, nicht mehr an gemeinsamen Treffen und Konferenzen teilzunehmen, sagt Meuthen.
Spannend wird nun, ob Petry Mitstreiter hat. Zwei Mutmaßungen standen bislang im Raum. Die eine lautet: Die sächsischen AfD-Abgeordneten spalten sich ab. Die andere: Die Nordrhein-Westfalen, Heimatverband von Petrys Ehemann Marcus Pretzell, machen mit. Beides scheint nicht der Fall zu sein.
„Das steht überhaupt nicht zur Disposition für uns“, sagt Siegbert Droese, einer der neuen Bundestagsabgeordneten der sächsischen AfD. „Ich kenne in Sachsen niemanden, der sich Petry anschließen möchte.“ Selbst Petrys eigener Kreisverband scheint stinksauer zu sein. Er selbst habe mit Petry nicht sprechen können, „es hat sich leider nicht ergeben“, dabei hätte es viel Klärungsbedarf gegeben, sagt Droese.
Petry hat zwar angekündigt, nicht der AfD-Bundestagsfraktion anzugehören, vom Parteivorsitz ist sie allerdings nicht zurückgetreten. Alice Weidel reagierte am Nachmittag ebenso empört wie gestelzt: „Nach dem jüngsten Eklat von Frauke Petry, der an Verantwortungslosigkeit kaum zu überbieten war, fordere ich sie hiermit auf, ihren Sprecherposten niederzulegen und die Partei zu verlassen, um nicht weiteren Schaden zu verursachen.“ Petry reagiert zunächst nicht.
Generell gilt in der AfD: Alle waren überrascht, alle sind irritiert vom Vorgehen ihrer Parteichefin. „Diese Art der Eskalation finde ich ein bisschen befremdlich“, sagt Martin Renner, Listenplatz eins in NRW. Der Schock sitzt tief, muss aber bis Mittwoch verdaut sein. Dann will man sich als Fraktion zusammenfinden und mit der Arbeit beginnen – etwa festlegen, wer den Fraktionsvorsitz übernimmt. Gauland würde sich dafür anbieten, zusammen mit Weidel. „Wenn die Fraktion uns den Auftrag gibt, wollen wir das beide gemeinsam machen.“