Innen- vor Außenentwicklung Flächen schaffen, wo Flächen fehlen

Joachim Schlegel bereut den Umzug ins Friedel-Areal nicht. Trotz enger Bebauung gibt es dort auch Grünflächen und einen Spielplatz. Der Ruheständler genießt zudem, dass er kein eigenes Auto mehr braucht.
Joachim Schlegel bereut den Umzug ins Friedel-Areal nicht. Trotz enger Bebauung gibt es dort auch Grünflächen und einen Spielplatz. Der Ruheständler genießt zudem, dass er kein eigenes Auto mehr braucht. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Barbara Wollny 04.06.2018

Ob er so leben möchte, das müsse jeder für sich abwägen, sagt Joachim Schlegel. Der Architekt im Ruhestand hat die Frage für sich bejaht – und ist in das rote Haus des Friedel-Areals gezogen, ein Wohnquartier an der Mercedesstraße in direkter Nachbarschaft des Cannstatter Wasens. Davor lebte Schlegel mit Frau und Kindern im Einfamilienhaus mit Garten am ruhigen Stadtrand. Als die Kinder aus dem Haus waren, zog es das Ehepaar in zentrale Lage. Größer könnte der Kontrast kaum sein. Doch die Schlegels gingen die Sache gründlich an,  besuchten das Quartier zu verschiedenen Tag- und Nachtzeiten, um das Leben und den Geräuschpegel rund um die Häuser kennenzulernen und erkundigten sich in der Nachbarschaft, wie es so sei, hier zu wohnen.

Platz ist gerade in Großstädten knapp und teuer. Doch trotz der Enge zieht es die Menschen in die Zentren. Wenn heute in der Stadt gebaut wird, dann fast immer wesentlich höher, enger und größer als zuvor und auch auf Flächen, die man früher nur für Industrie und Gewerbe geeignet hielt.

Mit Partylärm umgehen

„Gefordert ist für die optimale Flächennutzung große planerische und architektonische Fachkenntnis, gepaart mit viel Kreativität, um Flächen zu vervielfältigen, ohne sich in der Fläche auszuweiten“, sagt Markus Müller, Präsident der Landesarchitektenkammer. Das Friedel-Areal in Bad Cannstatt, benannt nach der bekannten Süßwarenfabrik, ist dafür ein typischer Vertreter. Das bunte „Ahoj“-Brausepulver wird längst woanders fabriziert. Auf dem Firmengelände von 1932, das lange Zeit als Künstlerquartier diente, entstanden zwischen 2010 und 2012 große Wohnblöcke. Nur deren bunte Farbgestaltung erinnert noch an die frühere Bestimmung. Zusätzlich wurde im Innenhof ein neuer Zwischenbau und ein weiteres siebengeschossiges Wohngebäude errichtet. Es gibt begrünte Innenhöfe, einen Kinderspielplatz, Wasser- und Ruhezonen. Die Friedel-Lofts beherbergen neben 43 Wohnungen auch Büros und Künstlerateliers.

„Ich hatte schon vor dem Umbau mein Atelier hier“, sagt der Künstler Choung Guk Lee. „Arbeitsräume in der Stadt zu finden, ist extrem schwierig, deshalb bin ich glücklich, dass ich und meine Kollegen hier weiter arbeiten können, auch wenn sich der Stil verändert hat und es weniger kontaktfreudig zugeht wie vor der Sanierung.“

Wer auf dem Areal lebt, muss mit Partylärm und viel Verkehr umgehen können. Die Nähe zu Wasen, Wilhelma und Bahnhof ist Fluch und Segen zugleich. Elke Weber, die eine Wohnung im obersten Stock bezogen hat, nimmt’s gelassen: „Nicht weiter schlimm“, sagt sie lapidar. „Man weiß ja vorab, was auf einen zukommt. Die Luft ist nicht gut, man riecht die Abgase. Und im Sommer würde man gern die Fenster aufmachen, aber das wäre zu laut.“ Dennoch würde sich die Mitarbeiterin eines Druckhauses in Zuffenhausen  wieder für ihre Wohnung entscheiden: „Meine Aussicht von hier oben ist toll, ich bin mittendrin in Stuttgart und kann quer durch den Schlossgarten und Rosensteinpark laufen, um meine Ziele in der Stadt erreichen.“

„Urbanes Bauen stellt Architekten und Planer vor andere Herausforderungen als Projekte auf der grünen Wiese“, sagt Gerd Hansen von der Stuttgarter Archy Nova Projektentwicklung GmbH, die das Areal geplant hat. Das Friedel-Areal liege in einer rauen Umgebung mit vielbefahrenen Straßen, Verkehr, Lärm, Einblicken von benachbarten Gebäuden.  Zur Lösung der klimatechnischen Probleme wurden keine teuren und energieaufwendigen Klimaanlagen eingebaut, sondern ökologische Lösungen gefunden. Dazu zählen Schallschutzfenster mit mechanischer Lüftung und Ventile in der Außenwand. Mit dem Konzept der adiabaten Kühlung wird die hereinströmende Luft durch die Verdunstung von Wasser ohne zusätzlichen Strombedarf gekühlt. Begrünte Fassaden und Dächer – die Begrünung von Flachdächern ist inzwischen in Stuttgart Vorschrift – tragen im Sommer zur Verschattung der Häuser bei.

Schön und ökologisch zu bauen, reicht jedoch nicht aus für gutes Wohnen. Über die eigenen vier Wände hinaus muss auch das Umfeld attraktive Lebensqualität bieten. Wenn schon so eng aufeinander, sollte auch die Architektur das Kennenlernen ermöglichen und Gemeinschaft initiieren. „Bauen heute hat einen anderen Schwerpunkt als Individualität. Man braucht eine Identifikation mit seinem Zuhause. Diese kann durch gemeinsame Grün- und Freiflächen, ein gemeinschaftlich genutztes Gästezimmer oder einen Carsharing- Platz wie im Friedel-Areal entstehen“, beschreibt Hansen die geänderten gesellschaftlichen Wohnwünsche.

Enger Kontakt zu Nachbarn

Joachim Schlegel sagt: „Ich habe gemerkt, ich brauche kein eigenes Auto mehr, seitdem wir hier so zentral wohnen. Es ist toll, zu Fuß oder mit Fahrrad durch die Stadt zu kommen.“ Auch einsam sei man nicht. „Durch die Begegnungsmöglichkeiten rund ums Haus lernt man sich rasch kennen. Aber man muss schon überzeugter Stadtbewohner sein, um sich hier zu Hause zu fühlen.“

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Umnutzung liegt im Trend

Flächennutzung Innen- vor Außenentwicklung – über dieses Prinzip wird in Stuttgart angesichts der anhaltenden Krise auf dem Wohnungsmarkt viel gestritten, doch die Stadt setzt darauf. „Wir schaffen auf vorhandenen Flächen neue Wohnungen und sichern so gleichzeitig Freiflächen für Stadtklima, Erholung und Landwirtschaft“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Beispiele für Konversionsflächen sind das Olgaareal, auf dem 220 Wohnungen entstehen. Das Schochareal ist mit 150, das Bürgerhospital mit 600 und der Neckarpark mit 825 geplanten Wohneinheiten in der Entwicklung. bw

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