Natur Feuchtbiotop: Der Quell des Lebens

Gingen / THOMAS HEHN 16.04.2016
Die Frösche sind da! Im Wasserbiotop auf dem Grünenberg bei Gingen spielt sich Natur oft im Verborgenen ab. Naturschützer Markus Kückenwaitzweiß zeigt bei einem Rundgang den Quell des Lebens.

Viele Leute kommen zu ihm und sagen: "Da ist doch gar nichts!" - "Sie haben nur nichts gesehen", sagt Markus Kückenwaitz. Der Vorsitzende des Geislinger Bund Naturschutz Alb-Neckar (BNAN) weiß: Natur spielt sich oft im Verborgenen ab - und kann trotzdem spektakulär sein. Auch heute Morgen ist erst mal nix zu sehen: Die Frösche sind da - "aber das merkt man meist erst, wenn sie ins Wasser hüpfen". Kückenwaitz hat recht: Während wir behutsam am Ufer entlangpirschen, macht es hier mal "Plops" und dort mal "Platsch". Bis die Kamera ausgerichtet ist, sind nur noch ein paar sich kräuselnde Ringe auf dem Wasser zu sehen.

"Nur Geduld", beruhigt der Naturschützer. "Da sitzen noch genügend im Gras und sonnen sich." Kückenwaitz behält recht: Den ersten Frosch entdeckt er aber im Teich: Nur die zwei große Augen ragen versteckt zwischen Schilfrohren aus dem Wasser und beobachten den Beobachter. Das Tier hat Mitleid und hält so lange still, bis die erste Fotoserie im Kasten ist.

Markus Kückenwaitz weiß, dass die Natur nicht auf den Menschen wartet, sondern der Mensch sich nach der Natur richten muss. Oder zumindest sollte. So ist vor rund 35 Jahren das Wasserbiotop auf dem Grünenberg bei Gingen entstanden. Als ein Vereinsmitglied des BNAN im Gewann "Turm" an der ehemaligen Lehmgrube einer alten Ziegelei vorbeimarschierte, waren Frösche, Kröten, Ringelnatter und Co. schon da. Allerdings drohte der kleine Tümpel zu verlanden. Und so griffen die Naturschützer zum Spaten. "Das war die Zeit der Teichgrabungen", erinnert sich Kückenwaitz. Und so schlug auch auf dem Grünenberg die Geburtsstunde des "Amphibienschutzgebietes Turm", wie es seit vergangenem Jahr auf einer großen von der Gemeinde Gingen gestifteten Infotafel steht. Die Anfänge in den 80er Jahren waren weniger komfortabel. So erkannten die Teichgräber am Grünenberg, dass man mit dem Spaten nicht weit kommt und auch ziemlich schnell tief im Wasser stand. Ein Bagger wurde zu Hilfe gerufen.

Nach inzwischen drei großen Pflegemaßnahmen erstreckt sich heute inmitten blühender Wiesen ein "Vorzeigebiotop, wie es im Kreis nur wenige gibt", sagt Kückenwaitz nicht ohne Stolz: Auf einer Fläche von 100 auf 50 Metern tummeln sich zwischen Schilf, behaarter Karde und Wasserschlauch vielerlei Insekten, darunter allein 30 Libellenarten. Auch die seltene Wespenspinne hat sich hier angesiedelt.

Für Amphibien ist der große Teich ein immer wiederkehrender Quell des Lebens. Jedes Frühjahr wandern Frösche, Kröten und Molche in Heerscharen aus einem Umkreis von bis zu zwei Kilometern zu dem Teich, um sich dort zu paaren. Wie die Tiere den Teich aus dieser Entfernung finden, ist selbst Kückenwaitz ein Rätsel. Die Naturschützer wissen dafür, dass sich jede Art am Ziel ihren eigenen Schlupfwinkel sucht. Der Teichfrosch bevorzugt flache Ufergewässer, um abzulaichen. "Je flacher das Wasser, desto weniger Fressfeinde gibt es. Außerdem ist es hier wärmer", erläutert Kückenwaitz. Die seltene Gelbunke mag es besonders warm: Ihr reicht schon eine tiefe, schmale Wagenspur auf einem Waldweg für ihre Nachkommen.

Dass flache Gewässer schneller austrocknen, hat die Natur bei beiden Arten berücksichtigt: Frösche begegnen dieser Gefahr mit einer hohen Populationsrate. "Da kann ruhig mal ein Teil vom Froschlaich am Ufer austrocknen. Es bleibt immer noch genügend übrig", sagt der Naturexperte und zeigt auf die dunklen Wolken im Wasser, die sich auf den zweiten Blick als wild wuselndes Durcheinander von zigtausende von Kaulquappen entpuppen. Die Gelbunke gleicht die Gefahr für den Nachwuchs mit ihrem Alter aus: Während Frosch und Kröte maximal drei bis vier Jahre alt werden, wird die Gelb-unke bis zu 15 Jahre alt: "Da kann der Laich in der Wagenspur ruhig fünfmal austrocknen. Dann klappt es eben beim sechsten Mal."

Da auch schmale Wagenspuren im Wald immer seltener werden, wollen die Naturschützer am Grünenberg der besonders gefährdeten Amphibienart jetzt unter die Arme greifen: Im Herbst soll am Rand des Biotops ein Flachgewässer angelegt und damit der Unke das Bett bereitet werden. Beim BNAN ist man gespannt, ob die Unke das Angebot annimmt. Dann hätte das Biotop eine weitere Attraktion.

Keine so spektakulären Exoten wie in der Stuttgarter Wilhelma. Dafür hat die Natur in unserer Region kleine, aber nicht weniger sehenswerte Wunder bereit. Man muss sie nur sehen wollen.

Info: Wer das Biotop des BNAN auf dem Grünenberg entdecken (und keinen Schaden anrichten) will, sollte das im Rahmen einer Führung tun. Weitere Infos gibt es bei Markus Kückenwaitz unter (07331) 6 59 42.

Zurück zur Startseite