Einzelhandel Ende einer Ära

Jung, kreativ und hip: Die Fluxushändler vereint auf einem Abschiedsbild.
Jung, kreativ und hip: Die Fluxushändler vereint auf einem Abschiedsbild. © Foto: Benedikt Banovic
Stuttgart / Von Caroline Holowiecki 02.06.2018

Zufrieden, erschöpft, traurig – Hannes Steim scheint alles zu sein. Zufrieden über seine Leistung, erschöpft vor Anstrengung und traurig, dass alles bald vorbei ist. Der 39-Jährige ist der Projektleiter des Fluxus, der alternativen Mall in der Stuttgarter Stadtmitte. Bevor er sich Ende 2014 der Calwer Passage angenommen hatte, hatte sie brachgelegen. Nun beherbergt sie eines der innovativsten Einkaufs-, Gastro- und Eventkonzepte in der Stadt und zieht massenhaft Leute an. Kneipen, Schuhmanufaktur, Weingut, Boutiquen: Die Mieter waren und sind bunt gemixt, die Läden kleinteilig und inhabergeführt. Mittags gibt’s Kaffee, an Wochenenden Partys bis in die Nacht.

Doch bald ist Schluss. Endgültig, nach mehreren Verlängerungen. Der Komplex gehört der Piëch-Holding, und sie will grundlegend umbauen. Auch nach der Neugestaltung soll unter anderem wieder Einzelhandel einziehen, die denkmalgeschützte Passage wird sogar verlängert, aber fürs Fluxus war’s das. Ein Ende mit Ansage. „Es wäre nicht fair zu behaupten, es kommt aus heiterem Himmel“, stellt Hannes Steim klar. Ursprünglich war die Zwischenlösung auf drei Monate angelegt gewesen. Letztlich sind dreieinhalb Jahre daraus geworden. Der Macher zeigt sich dankbar. Sowohl bei der Auswahl der Mieter als auch bei Veranstaltungen habe er stets freie Hand gehabt. Auch Stadt und Bezirksbeirat seien ihm wohlgesinnt – trotz anfänglicher Lärmbeschwerden. Dabei sei er zum Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind. „Ich hatte wegen einer Pop-up-Fläche angefragt. Ein Konzept für die ganze Passage habe ich in einer zweiten Mail hinterhergeschickt“, erinnert er sich.

Von den rund 50 Shops, die es auf den 17 Flächen gab, sind die Hälfte Neugründungen gewesen. Mieten unter Ortsniveau, kurze Vertragslaufzeiten und das Ausbleiben von Courtagen haben’s möglich gemacht. Einer der Durchstarter war Florian Kentner mit seiner Holzmöblerei. „Für mich war das super zum Austesten. Für Gründer ist es schwierig, gleich einen Fünf-Jahres-Vertrag abzuschließen.“ Er lobt, „dass jemand so was mal wagt“. So sieht es auch Hannes Steim. „Eigentlich war das eine Oma-Passage“, sagt er und meint frühere Läden, die ab den 70ern auf eine gut betuchte Klientel gezielt hatten.

Heute gilt die Passage als trendy, bestätigt Christine Gutmann, die den Schmuck- und Dekoladen Kugelrund führt. Viele Kunden kämen gezielt von außerhalb. Nach dieser Erfahrung macht die einstige Kunsthandwerkermarkt-Verkäuferin schon bald einen neuen Laden auf. „Es hat sich so sehr ausgezahlt, dass ich mich traue“, sagt sie.

Die Stammkunden bedauern das Aus. „Das Fluxus hat sich als Treffpunkt manifestiert“, sagt die Stuttgarterin Kathrin Zimmermann (27), während sie ihrem Mitbewohner Stephan Wesch (26) einen Kaffee im Holzapfel trinkt. Dass in der Passage keine Ketten seien und „man weiß, wer die Inhaber sind“, hebt der als Vorteil hervor. Das Fluxus vermissen wird auch Linda Weber (34) aus Stuttgart. Der Mix habe „sehr viel Charme“, dementsprechend hofft sie, dass nach dem Umbau auch wieder individuelle Läden einziehen werden, „von Hochpreisigem haben wir genug“.

Während die Gastrobetriebe am Fluxus-Platz, Cape Collins oder Tatti, am 14. Juli ihre Abschiedsparty feiern, ist in der Passage schon am 30. Juni Schluss. Hannes Steim macht sich keine Illusionen: „Das Fluxus wird es nicht mehr geben.“ Lage, Architektur, Größe – das werde man so nicht mehr finden. Aber er hegt auch Hoffnung, dass sich etwas ändert an der Shopping-Kultur. „Es hat sich gezeigt, dass in Stuttgart viele eine Sehnsucht haben nach Aufenthaltsqualität, nach Individualität, nach Improvisation.“ Er lächelt. „Nach einer Alternative zur Königstraße.“

Für wen geht’s wo weiter?

Neuanfang Manche Mieter haben neue Bleiben gefunden, andere suchen noch. Pois, ein Laden mit fairem Obst und Gemüse, wird ab 31. August in der Rotebühlstraße in der Boutique Twentytwo zu finden sein. Lala Healty Living und Superjuju tun sich in der Eberhardstraße zusammen, weitere Fluxus-Läden stoßen eventuell dazu. Der Schmuckladen Kugelrund eröffnet am 3. Juli in der Calwer Straße, die Holzmöblerei im November in der Kleinen Königstraße. Die Waffelmanufaktur Blub geht in den Königsbau, Local House ins Gerber-Pop-up Imperia. Herr Kächele mit seinen Maultaschen zieht es in die Schulstraße. Wo die Bars Tatti und Cape Collins weitermachen, ist noch unklar.

Ende Aufhören wird die Boutique Là pour là, die Fluxus-Macher Hannes Steim zusammen mit einer Freundin betreibt. Beide wollen die Auszeit nutzen, um sich neu aufzustellen. Auch der Vintageladen Obscür wird erst mal ruhen. car

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