Ich mache das auch, um Abenteuer zu erleben und um rauszukommen aus der Routine“, beschreibt Susanne Lemke ihre Motivation, warum sie auf dem Hospitalschiff „Africa Mercy“ mitgeholfen hat. Neun Wochen lang. In ihrem Urlaub und ehrenamtlich.

Sie blickt zurück auf eine intensive Zeit mit einigen Herausforderungen an Bord des Schiffes, das momentan bei Kamerun, ein Land am Golf von Guinea in Zentralafrika, vor Anker liegt. „Man hat vor allem keine Privatsphäre, weil man in einer Sechsmannkabine untergebracht ist“, erzählt sie. Gewohnt ist sie es mittlerweile, denn es war bereits ihr vierter Einsatz auf dem Schiff. Auch, dass sie nur einmal am Tag für zwei Minuten duschen kann.

Wenn sie nicht gerade Afrikaner auf einem Schiff versorgt, dann arbeitet sie als Intensivkrankenschwester im Haller Diak. Da sie nicht verheiratet ist und keine Kinder hat, „kann ich abzwitschern, wann ich will“, erklärt Lemke.

Enges Verhältnis zu Patienten

Auch wenn auf der „Africa Mercy“ in den OP-Sälen und bei der Behandlung westliche Standards gelten, ist das bei den Patienten nicht so. „Man hat ein ganz enges Verhältnis zu den Patienten. Es läuft eigentlich immer Musik oder jemand trommelt“, zählt sie ein paar der Unterschiede auf. Ebenso gilt es dort, andere Krankheiten zu behandeln als in Deutschland. Viele Afrikaner leiden unter der Krankheit Noma, bei der Bakterien das Gesicht zerfressen. Die Ursachen dafür sei vor allem Unterernährung.

Bildergalerie Medizinische Behandlung unter Deck

Besonders nahe geht Susanne Lemke aber das Schicksal junger Frauen, die mit einer sogenannten Fistel auf das Schiff kommen. Ihr Problem: Inkontinenz. Die Ursache dafür ist häufig, dass diese jungen Frauen verheiratet werden und Kinder kriegen. Das obwohl sie selbst noch Kinder sind und die Babys nur mittels Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden können. „Die Mädchen liegen dann fünf Tage in den Wehen und das Kind stirbt“, erzählt Lemke. Anstatt dass ihnen geholfen wird, „schmeißen die Ehemänner die Frauen raus, weil sie dadurch inkontinent geworden sind“.

Behandelt werden auf dem Schiff zum Beispiel auch Tumore, „aber nur gutartige“, schränkt sie ein. Viele Patienten kommen mit entstellten Gesichtern auf das Schiff. „Zuerst schämen sie sich, ihre Tücher abzunehmen, mit denen sie sich verhüllen. Nach und nach fassen sie dann Vertrauen und merken, dass sie hier niemand ausgrenzt“, sagt Lemke. Einmal hatte sie eine Patientin, deren Kropf so groß war – sie deutet mit ihrer Handkante zur Brustmitte –, dass sie als Hexe verschrien war. „Sie hat jemanden verschluckt, der dann hängen geblieben ist“, gibt Lemke wieder, was ihr die Patientin erzählt hat.

Englisch und Französisch

Die Verständigung ist nicht immer einfach. Auf dem Schiff wird Englisch gesprochen und mit den Patienten oft Französisch. „Wir haben aber auch Dolmetscher an Bord, die die verschiedenen Dialekte übersetzen können.“ Für ihre Hilfe erfährt die Krankenschwester auch viel Dank von den Patienten. „Einmal hat mir eine Frau einen farbenfrohen Stoff geschenkt“, erinnert sie sich.

Von den Ländern selbst sieht Susanne Lemke bei ihren Einsätzen nicht viel. Alleine dürfe sie das Schiff nicht verlassen. Ob ihr da nicht die Decke auf den Kopf falle? „Nein, eigentlich nicht. Es ist auch nicht ganz so stressig, wie man es sich vielleicht vorstellen mag. Ich komme viel zum Lesen“, sagt sie schmunzelnd. Wobei sie das Fahrradfahren schon manchmal vermisse.

Nach so einem mehrwöchigen Einsatz ist sie dann doch ganz froh, wenn sie wieder nach Hause kommt. „Ich freue mich, meine Kollegen und Freunde wiederzusehen.“ Lange hält es Susanne Lemke aber nicht in Hall. Die Abenteuerlust hat sie schon wieder gepackt. Ihr nächster Einsatz wird im Februar und März 2019 wieder auf der „Africa Mercy“ sein, die dann beim westafrikanischen Staat Guinea vor Anker liegen wird.

Von Haiti über Somalia bis nach Kamerun


Susanne Lemke, geboren 1969 in Hall, hat 1988 ihre Ausbildung angefangen. Sie hat Krankenpflege gelernt, war drei Jahre auf der Neurologie und danach als Krankenschwester auf der Intensivstation im Diak, auf der sie bis heute arbeitet. Bereits vier Mal war sie auf der „Africa Mercy“. Ihr letzter Einsatz war von Dezember 2017 bis März 2018 in Kamerun. Davor war sie mit Hilfsorganisationen in Haiti, Somalia, Sudan und Rumänien. Sie ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. kv

Seit 1978 sind die Schiffe unterwegs


Mercy Ships ist eine Hilfsorganisation, die über das private Hospitalschiff „Africa Mercy“ verfügt. Zehn Monate lang liegt das Schiff an einem Hafen vor Anker. Die operative Hilfe ist auf Spezialchirurgie ausgerichtet. Ehrenamtliche Mitarbeiter aus mehr als 40 Ländern behandeln Gesichtstumore, Fehlbildungen und Entstellungen kostenlos auf dem Schiff. Seit 1978 betreibt die Organisation Hospitalschiffe. Weitere Infos im Internet unter www.mercyships.de.