Zeitzeuge Eher Befreiung als Besatzung

Der Sessel vor dem Fernseher ist Rainer Guths Lieblingsplatz in seiner Wohnung in der Zollhüttengasse. Dort schaut er sich gerne die Bilder seiner Reisen ans Nordkap oder nach Neuseeland an. In einer Kommode stehen rund zehn Fotoalben.
Der Sessel vor dem Fernseher ist Rainer Guths Lieblingsplatz in seiner Wohnung in der Zollhüttengasse. Dort schaut er sich gerne die Bilder seiner Reisen ans Nordkap oder nach Neuseeland an. In einer Kommode stehen rund zehn Fotoalben. © Foto: Verena Köger
Schwäbisch Hall / Verena Köger 02.06.2018
Rainer Guth ist zehn Jahre alt, als die Amerikaner 1945 in Hall einmarschieren. Er kann sich noch gut an diesen Tag erinnern. Angst hatte er nicht.

Von der Gelbinger Gasse aus hat der 10-jährige Rainer Guth am 17. April 1945 die Höhe oberhalb der Gottwollshäuser Steige genau im Blick. „Ich wollte alles sehen und war nicht mehr wegzukriegen“, schildert der heute 93-Jährige. Erst erkennt er nur bewaffnete Soldaten ohne Fahrzeuge. Das erste Haus, in das sie eindringen, ist das eines Musikprofessors. Dann rollen auch Panzer und Laster an. „So viele Fahrzeuge hatte ich vorher noch nie gesehen.“

Als die Amerikaner näher kommen, verschanzen sich er und seine Familie sowie alle anderen Bewohner der Gelbinger Gasse im Keller des Renaissancehäuschens. „Einer wollte die Soldaten mit einem Kleinkalibergewehr angreifen, aber die anderen haben ihn abgehalten. Wir wussten, dass sie uns nichts tun werden. Ich hatte keine Angst.“

Keine Zeit zum Verabschieden

In den folgenden Stunden durchsuchen die Amerikaner ein Haus nach dem anderen in Schwäbisch Hall. Sie werfen Uniformen der deutschen Wehrmacht weg und hängen Hitler-Bilder ab. „Die Männer des Wehrbezirkskommandos sind erst auf die Limpurg geflohen. Die Amerikaner fanden sie und führten sie ab.“ Auch das beobachtet Rainer Guth von der Gelbinger Gasse aus. Er kann sich noch erinnern, dass einer darum gebeten hat, sich von seiner Familie verabschieden zu können. Viel Zeit sei aber nicht geblieben.

Guths Familie kann bald wieder in ihr Haus. Es ist unberührt. „Darin wollten die Amerikaner nicht wohnen. Es war eiskalt, wir hatten kein Bad, keine Spülung“, sagt Guth. Die Amerikaner suchen sich vornehmere Unterkünfte, in denen sie sich niederlassen, zum Beispiel im Gräterweg und im Ziegeleiweg.

Als am 8. Mai im Radio verkündet wird, dass der Krieg vorbei ist, sagt ­Guths Mutter zu ihm: „Die Saubande sind wir los.“ Sie meinte damit das NS-Regime. Seine Mutter habe auch immer betont, dass die amerikanischen Truppen keine Besatzung, sondern eine Befreiung seien. Guth bestätigt das heute noch: „Sie waren großzügig.“

Einige Wochen, nachdem die Amerikaner in Hall einmarschierten, kehrt sein Onkel aus der Gefangenschaft zurück. Zwei Schwarze bringen ihn und ein paar andere mit einem Laster. Was für eine Überraschung für die Familie. „Mein Onkel hat die beiden Amerikaner gleich auf einen Schnaps eingeladen“, weiß Guth noch. Sie seien erst gegangen, als die Flasche leer war.

Gerne erinnert er sich an die Schulspeisung. Das war eine zusätzliche Mahlzeit für Schüler, die von dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Herbert Hoover ins Leben gerufen wurde. Guth besucht abwechselnd die Volksschule im Langen Graben und am Spitalbach. „Manchmal wurden wir Jungen zur Volksschule geschickt, um das Essen in Kannen nach unten zu bringen“, so Guth. Einmal sei es so glatt gewesen, dass sie ausrutschten und die Speisen den Säumarkt runtergerutscht sind. „Das gute Essen!“, bedauert Guth noch heute. Oft haben die Amerikaner auch von ihrem Essen etwas abgegeben.

Rauchen mit zehn Jahren

Carepakete erhielt seine Familie auch. Organisationen setzten sich nach dem Krieg dafür ein, dass Essenspakte nach Europa geschickt wurden. Guths Großmutter hatte Verwandtschaft in Amerika, die einige Päckchen an sie direkt adressierte. Darin waren oft auch Zigaretten, die Guth schon mit zehn Jahren rauchte. Das sei damals normal gewesen.

Nachdem Guth im Alter von 14 Jahren mit der Schule fertig ist, beginnt er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und arbeitet bei unterschiedlichen Haller Firmen. Viel bekommt er während dieser Zeit nicht mehr von den Besatzungstruppen im Solpark mit. Ab und zu sieht er ein paar Soldaten in der Stadt. Durch die Kolpingfamilie, der er mit 18 Jahren beitritt, lernt er einen Soldaten kennen. Dieser wird aber bald wieder abgezogen.

Er hört von Feierlichkeiten in den Dolan Barracks. Auf der Weilerwiese schaut er manchmal beim Football zu. Aus der Zeitung erfährt er dann 1993, dass die Amerikaner abgezogen sind.

Viele Prüfungen, Berufe und Lebensstationen

Rainer Guth ist 1935 in Stuttgart geboren. 1943 zieht er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Hall zu seinen Großeltern. Sein Vater stirbt in russischer Gefangenschaft.

Mit 14 Jahren beginnt Guth eine Lehre als Werkzeugmacher. Er arbeitet in verschiedenen Haller Firmen. 1957 heiratet er Annemarie Springer. Das kinderlose Ehepaar baut ein Haus im Rollhof.

1960 absolviert Guth die Meisterprüfung in Heilbronn, 1972 macht er den Techniker in Düsseldorf. Einige Zeit findet er keine Arbeit, bis ihn die Haller Stadtwerke als Bademeister im Schenkenseebad einstellen. Erst macht er den Grundschein, 1984 absolviert er die Schwimmmeisterprüfung in Duisburg. Ein Jahr später erleidet Guth einen Schlaganfall und wird frühzeitig pensioniert.

Als seine Frau vor mehr als zehn Jahren stirbt, verkauft Guth sein Haus und zieht in eine Eigentumswohnung in der Zollhüttengasse, wo er bis heute wohnt.

Als Witwer unternimmt er zunächst viele Reisen, zum Beispiel nach Neuseeland oder ans Nordkap. Heute kümmert sich vor allem um zugelaufene Katze. Gerade wohnt Peggy bei ihm. ena

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