Selbst wenn ich gradeaus kucke, bemerke ich, was hinter mir passiert. Das ist mein Talent“, sagt Egon Madsen. Das ist maßlos untertrieben. Der 75-Jährige hat viele Begabungen: tänzerische, pantomimische, schauspielerische. Das weiß jeder, der in den vergangenen 50 Jahren mal im Stuttgarter Ballett war – oder in den vergangenen im Theaterhaus, wo der gebürtige Däne als Don Q., Marcel Marceau und John Cranko auf der Bühne stand und noch immer regelmäßig vor ausverkauftem Haus in seinem eigenen Stück „Greyhounds“ auftritt – ein Stück über Tänzer und das Altern.
Das soll auch das Thema unseres Gesprächs an einem sonnigen Herbsttag auf der Terrasse des Theaterhaus-Restaurants am Pragsattel sein, wo Madsen spät zu Mittag isst: Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle – wie ein echter Schwabe. Das ist er ein Stück weit, da er in der baden-württembergischen Landeshauptstadt – seit ihn Ballettchef Cranko 1961 im Alter von 19 Jahren von Kopenhagen herholte – die längste Zeit seines Lebens zugebracht hat. Dazu trinkt er einen kleinen Sauvignon Blanc und Espresso – wie ein echter Italiener. Auch das ist Madsen: Seit 2007 lebt er mit seiner Frau, der ehemaligen Primaballerina Lucia Isenring, in einem alten Haus zwischen Olivenbäumen in Montemontanaro.

Protagonist des „Ballettwunders“

Neben Richard Cragun, Birgit Keil und Marcia Haydée  ist Egon Madsen eine der „Initialen R.B.M.E.“ und eines der Gesichter hinter dem „Stuttgarter Ballettwunder“. Ob kapriolenschlagend als Joker in Crankos „Jeu de cartes“ oder mit zuvor nicht gekannter Unergründlichkeit als Ewiger in Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“ tanzte sich Madsen bereits 1965 an die Weltspitze. Erst kurz vor Vollendung seines 40. Lebensjahrs verließ er nach 20 Jahren das Stuttgarter Ballett, wurde Direktor in Frankfurt, Stockholm und Florenz, um 1990 für sechs Jahre als Ballettmeister und stellvertretender Ballettdirektor zurückzukehren. Nach weiteren drei Jahren als Trainer und Vize-Chef in Leipzig betrat er 57-jährig erneut als Tänzer die Bühne. Beim Nederlands Dans Theater III, einer eigens für Tänzer über 40 gegründeten Compagnie des berühmten Den Haager Balletts.
Nach deren Auflösung holte ihn Eric Gauthier nach Stuttgart zurück. Seitdem reist er als freier Coach, Trainer und Tänzer um die Welt – mit zwei festen Standbeinen im deutschen Südwesten: bei Gauthier Dance und am Württembergischen Staatstheater.
Dass Egon Madsen bildlich gesprochen auch hinten Augen hat, kommt ihm gerade beim Coachen junger Tänzer zugute: „Wenn ich mich umdrehe und sage, das war falsch, fragen die ganz baff: Hä, wieso hast du das gesehen? – Na, ich seh’ alles! Ich spüre, da stimmt etwas nicht. – Das ist witzig, dann kriegen sie immer ’nen Schreck“, erzählt der schlanke Mann mit dem dichten, wellig-weißen Haar und den funkelnden Augen. „Ich glaube, das wird geschätzt“, fügt er ernster hinzu. Denn auf das Überraschungsmoment folge stets erhöhte Aufmerksamkeit.
So auch am Morgen dieses sonnigen Herbsttags, als er mit Adhonay Soares da Silva vom Staatsballett als Teil des Ballettabends „Cranko pur“ zum 90. Geburtstag des legendären Compagniechefs und Choreografen den Joker einstudierte. 1965 hatte John Cranko die anspruchsvolle, anstrengende Rolle für ihn geschaffen. Und da sein Haar zwar grau, aber „da oben noch alles überraschend gut in Schuss“ ist – dabei tippt er sich an die Schläfe – kann er die Originalschritte in seinem Kopf noch jederzeit abrufen.
Dazu schaut er aber auch auf die natürliche Bewegung des Tänzers. „Das bauen wir dann aus. Denn es darf ja auch wiederum keine Kopie werden von dem, wie ich es gemacht habe, oder wie John es gemacht hat.“ Man müsse den Jungen ihre Eigenheit lassen. Soares da Silva sei sehr jung, habe eine tolle Technik, und wende die auch an. Aber: „Was bedeutet das alles? Wie macht man einen Joker in Tanzschritten?“ Im Training und in Gesprächen versuche er, „die Lebenserfahrung zu vermitteln, die einem die Fähigkeit verleiht, eine Tiefe in die Rolle reinzubringen“.
Die Karriere eines Profitänzers beginnt sehr früh, meist schon als Knirps, bestimmt die ganze Jugend und endet nicht später als die eines Fußballprofis, zwischen 30 und 40 Jahren – ohne dass Tänzer allerdings zuvor ähnlich viel Geld verdienten. Auch wenn Madsen noch heute tanzt, er gehört zu den großen Ausnahmen. Nicht jeden wollen die Fans als Senioren noch über die Bühne schweben sehen – wie Haydée jüngst zu ihrem 80. als Amme in Crankos „Romeo und Julia“. Julia Krämer von den „Greyhounds“ etwa war mit 40 – als recht junge Frau – „in ihrem Beruf schon ausrangiert“. Spätestens mit 50 sei ein Tänzer nicht mehr der Gleiche, erklärt Madsen. Deshalb schauten Compagnien heute noch mehr als früher, dass die Joker und Onegins, die Odiles und Odettes keine unkündbaren Positionen erreichen. Das sei das Brutale an diesem Beruf. „Ein Traumberuf, der früh anfängt und früh aufhört.“
So ist die „zweite Karriere“, ein Studium oder eine zusätzliche  Ausbildung, unter Tänzern ein wichtiges Thema. Wie Madsen Ballettmeister werden, kann nicht jeder. „Man muss wissen, wie gehe ich mit den Tänzern um, wie spreche ich mit einem Tänzer, wie erreiche ich, dass er das Getanzte versteht?“ Dass sie ihn in Santiago de Chile, wo er Marcia Haydées Compagnie unterstützt, letztens nach fünf Wochen gar nicht mehr ziehen lassen wollten, zeigt, dass auch das eine seiner Stärken ist: „Die haben meine Garderobe abgesperrt!“, erzählt er kichernd. „Marcia sagte: ,Ruft Lucia an, sie soll nachkommen!’“ Als Berater schaue er mit anderen Augen hin als jemand, der immer mit der Compagnie trainiert. „Ich kann da alles sagen, denn ich gehe ja danach wieder weg.“ Einen festen Vertrag würde er deshalb nicht mehr annehmen. „In meinem Alter würde mir den auch keiner geben . . .“ Trotz manch’ unerwarteter Wendung blickt der 75-Jährige ohne Groll auf sein Leben zurück. Die Kündigung als Vize des Stuttgarter Balletts 1997 war ein Schock, aber „heute bin ich froh, wie alles gekommen ist, sonst wäre ich nicht so viel herumgekommen“.
Veränderung sieht er als Chance, obgleich sie einem zunächst Angst mache. Auch das vermittelt er jungen Tänzern wie Soares da Silva oder Anna Harms. Die Tänzerin in Gauthiers Company schätzt seinen „riesigen Erfahrungsschatz“. Er sage nie etwas Unnützes, sie sauge jede Kleinigkeit von ihm auf.

Lenski mit Karottenhaar?

Als jemand, der „irgendwie alles aufnimmt“, sieht sich auch Madsen. „Ich bin so ein innerlicher Computer, der alles beobachtet.“ Dabei kriege er die tollsten Sachen raus. „Manchmal denke ich, ich sollte das alles aufschreiben und ein Buch draus machen, weil wenn ich was erzähle, dann sterben die Leute oft vor Lachen.“ Das bestätigt diese Begegnung: Zu den vielen Talenten des Egon Madsen gehört auch das lebendige Erzählen.
Nur eine Lektion, die hat er seinen Schützlingen bisher vorenthalten – „vielleicht damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen“. Weshalb man sich die Haare besser nicht kurz schert, wenn man auf die Prinzenrolle abonniert ist. Egon Madsen hatte das einst, ganz Pragmatiker, vor einer Gastspielreise ins heiße Griechenland getan. Woraufhin ihm Cranko drohte, er müsse nun auch als Lenski im „Onegin“ die karottenfarbige Joker-Perücke tragen. „Der war da schon ein bisschen sauer“, sinniert er und lacht.
Ans Aufhören denke er sehr wohl ab und an. „In dem Moment, wo ich spüre, dass ich nicht mehr die gleiche Energie habe, oder dass ich von etwas nicht hundertprozentig überzeugt bin, bin ich weg“, sagt er. Aber bisher kam jedes Mal ein neues, begeisterndes Projekt dazwischen. Wie „Greyhounds“, für das er fünf renommierte Choreografen wie Marco Goecke und Eric Gauthier gewinnen, vier Tänzer zurück auf die Bühne holen und mit seinem Sohn als Bühnenbildner arbeiten konnte – „so ein Luxus!“.