Schwäbisch Hall Die Welt mit offenen Augen sehen

Dr. Gretel Schwarz kam am 1. März 1948 ans Diak. Sie führte von 1963 an die Praxis und die Belegabteilung für Zahn- und Oralchirurgie. Sie engagierte sich über ihren Beruf hinaus. So rief sie das Brückenfest in der Neumäuer Straße (Foto aus 2004) ins Leben.
Dr. Gretel Schwarz kam am 1. März 1948 ans Diak. Sie führte von 1963 an die Praxis und die Belegabteilung für Zahn- und Oralchirurgie. Sie engagierte sich über ihren Beruf hinaus. So rief sie das Brückenfest in der Neumäuer Straße (Foto aus 2004) ins Leben. © Foto: Archivfoto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Jürgen Stegmaier 01.06.2018
Zum Tod von Dr. Gretel Schwarz. Die Haller Zahnärztin und Kieferchirurgin ist in der zurückliegenden Woche 94-jährig gestorben. Sie galt als durchsetzungsstark, offen, hilfsbereit und bescheiden.

Gretel Schwarz war eine emanzipierte Frau – und das schon zu Zeiten, als man diesen Begriff noch nicht verwendet hat“, erzählt Dr. Karl Schwarz. Zusammen mit seinen drei Schwestern wird er seine Mutter am heutigen Freitag zu Grabe tragen. Die geachtete Zahnärztin und Oralchirurgin ist am vergangenen Freitag im Alter von 94 Jahren gestorben.

Dr. Gretel Schwarz übernahm 1963 die Leitung der Praxis sowie die Belegabteilung für Oralchirurgie am Haller Diakoniekrankenhaus von ihrem Mann, der plötzlichen gestorben war. Sie setzte sich in einem von Männern dominierten Metier durch. Das schätzt die Familie an der verstorbenen Mutter ganz besonders.

Gretel Schwarz hat oft nächtelang hart im Operationssaal gearbeitet, um Unfallopfer zu versorgen. „Sie hat dies mit Leib und Seele getan“, wie die Familie berichtet. Oder wie Pfarrer Gotthold Betsch  sich bei ihrer Verabschiedung ausdrückte: „Mit einer wahren Leidenschaft und mit der ganzen Herzhaftigkeit.“

Selbst nicht so wichtig nehmen

Engagiert war die gebürtige Backnangerin auch außerhalb ihres Berufs. So war sie Gründungsvorsitzende des Freundeskreises Sonnenhof, sie hat das Brückenfest an der Neumäuer  Straße ins Leben gerufen und Spenden für notleidende Menschen in der Ukraine zusammen mit dem Serviceclub Rotary organisiert. Diese Aufzählung ist lange nicht komplett. „Über die Anerkennung für ihr soziales Engagement hat sie sich immer sehr gefreut“, versichert ihr Sohn, „aber sie war ihr manchmal auch ein bisschen peinlich.“  Von Gretel Schwarz ist der Satz überliefert: „Nimm dich selbst nicht so wichtig.“

Hannes-Hinrich Heißmeyer legt seine Hände übereinander, drückt sie einige Male fest auf den Tisch und betont jedes Wort einzeln: „Ja, Gretel Schwarz war eine ganz außergewöhnliche Frau.“ Professor Dr. Heißmeyer war jahrzehntelang Kollege von Gretel Schwarz am Haller Diak. Der ehemalige ärztliche Direktor spricht darüber, wie sie mit ausgesprochener Hartnäckigkeit und sehr guten Leistungen erreicht hat, dass ihr auch offiziell die Leitung der zahn- und oralchirurgischen Abteilung, die sie nach dem Tod ihres Mannes und Vorgängers kommissarisch geführt hatte, übertragen wurde. Eigentlich hatte man nach einem Mann gesucht.

Komplizierte Kiefer- und Gesichtsknochenbrüche waren das Spezialgebiet der Zahnärztin, die in Tübingen studiert hatte. Die zahnärztliche Behandlung, insbesondere jugendlicher Behinderter, sei ihr ein großes Anliegen gewesen, erinnert sich Professor Heißmeyer. Auch habe sie ihre Patienten sehr aufmerksam beob­achtet. „Nicht selten entdeckte sie im Mund oder im Gesicht oder durch Beobachtung des Ganges Krankheiten aus anderen Fachgebieten. Sie rief dann nach dem Fachkollegen, ließ sich die Verdachtsdiagnose bestätigen und forderte dann gebieterisch den Fachkollegen zu einer unverzüglichen Behandlung auf“, so ihr ehemaliger Kollege und Freund.

Unter der Leitung von Dr. Gretel Schwarz erlangte die zahn- und oralchirurgische Abteilung des Diak einen Ruf, der weit über die Grenzen des Landkreises hinausging.

Hartnäckig, spontan, mutig

Hartnäckigkeit, merkt Hannes-Hinrich Heißmeyer an, habe Gretel Schwarz auch in anderen Lebenssituationen bewiesen. So stimmten ihre Eltern dem Berufswunsch, Zahnärztin zu werden, anfangs nicht zu. Energisch strebte sie später nach der Abteilungsleitung am Diak. Entschlossen kämpfte die Frau, die vier Kinder großgezogen hat, gegen eine mögliche Stilllegung ihrer Abteilung in den Achtzigerjahren.

Resolute Chefin, liebevolle Mutter sowie humorvolle und engagierte Helferin – so charakterisiert Dr. Karl Schwarz seine Mutter. „Sie war eine direkte Frau, hat nicht lange um den heißen Brei herumgeredet. Und wenn es sein musste, hat sie klargemacht, wer die Chefin ist.“ Diese Einordnung bestätigt nicht nur Hannes-Hinrich Heißmeyer: „Gretel Schwarz war mit einer gefürchteten Offenheit ausgestattet. Wer damit nicht umgehen konnte, hatte schlechte Karten.“ Bei ihrer Verabschiedung aus dem Diak bezeichnete sie Pfarrer Betsch als „tapfer, wetterfest, unverzagt und unermüdlich.“ Zu ihren Ecken und Kanten stand Gretel Schwarz, sie war fähig zur Selbstkritik.

Und sie war spontan. Das habe einst der Schulleiter am Backnanger Gymnasium erfahren müssen. Diesen hat die junge Gretel Feuchter, so ihr Mädchenname, vom Beckenrand des Schwimmbades ins Wasser gestoßen. Dafür gab es Ärger – nicht mit dem Schulleiter, aber mit den Eltern. Diese und viele andere Geschichten hat Gretel Schwarz gerne bei Sommerfesten auf ihrer Terrasse erzählt. „Die Nächte waren sehr lang und immer unterhaltsam, nicht zuletzt auch wegen der zahlreichen Anekdoten, die Gretel Schwarz aus ihrem langen Leben erzählen konnte. Leider sind Gretels Geschichten nie aufgeschrieben worden“, bedauert Professor Heißmeyer.

Wie hat Gretel Schwarz über den Tod gedacht? „Sie wollte nicht sterben“, ist sich ihr Sohn sicher. Ihr Wunsch war es, bis zu ihrer letzten Stunde in ihrem Haus in der Neumäuer Straße zu bleiben. So kam es. Bis zuletzt war Gretel Schwarz geistig voll auf der Höhe. „Sie hat uns den Abschied leicht gemacht“, sagt ihr Sohn. Auch Hannes-Hinrich Heißmeyer war zuletzt täglich bei ihr. „Sie hat ganz offen über ihren Tod gesprochen.“ Nur nicht an ihrem Todestag. Da habe sie geschlafen.

Zeitlebens interessierte sich Gretel Schwarz für politische und wirtschaftliche Themen. Neben ihrer Haller Heimatzeitung las sie auch die Frankfurter Allgemeine und andere Zeitungen. „Sie war immer liberal eingestellt und hat die Welt mit offenen Augen gesehen“, versichert ihr Sohn.

Den Bibelspruch in der Traueranzeige der Familie hat sie selbst ausgesucht. „Man muss ihn öfter lesen, um ihn richtig zu verstehen“, empfiehlt Karl Schwarz: „Ich bin darin guter Zuversicht, daß der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ (Philipper 1,6)

Info Die Trauerfeier beginnt am heutigen Freitag um 14 Uhr in der evangelischen Kirche St. Katharina (Schwäbisch Hall, Lange Straße).

Die gebürtige Backnangerin kam 1948 nach Hall

Gretel Schwarz kam am 2. März 1924 in Backnang zur Welt. Ihr Mädchenname war Feuchter. Nach dem Abi­tur studier­te sie Zahn­medizin in Tübingen.

Ans Haller Diakonie­-Krankenhaus kam sie 1948. Später heiratete sie ihren Chef, den Zahnmediziner Dr. Karl Schwarz. Als dieser 1963 überraschend starb, übernahm Gretel Schwarz von ihm die Praxis und die oralchirurgische Belegabteilung zunächst kommissarisch. In den Ruhestand ging sie Ende 1991. just

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