Uracher Stadtgeschichte(n) Die Brauerei vor dem Oberen Stadttor

Brauereigebäude und Gasthof mit großem Biergarten der Dampf-Brauerei Friedrich Wurster am Wilhelmsplatz um 1910.
Brauereigebäude und Gasthof mit großem Biergarten der Dampf-Brauerei Friedrich Wurster am Wilhelmsplatz um 1910. © Foto: Privat
Bad Urach / Walter Röhm 02.06.2018

Das Brauen von Bier hatte in Bad Urach eine lange Tradition. Diese wird vor allem durch das herrschaftliche Brauhaus geprägt, das Herzog Eberhard III. von Württemberg 1651 im ersten Obergeschoss des Alten Marstalls, den die Einheimischen wegen seiner Größe und Unförmigkeit „Marstallkasten“ nannten, einrichten ließ.

Damals, nur wenige Jahre nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, leitete der Herzog viele Maßnahmen ein, um die finanzielle und wirtschaftliche Kraft seines Landes zu stärken. So wollte er auch den darniederliegenden Weinanbau und Weinhandel wieder in Schwung bringen. Damit dies schneller gelang, verbot er kurzerhand das Bierbrauen und befreite so die Weinbauern vor einer unliebsamen Konkurrenz. Ausnahmen ließ er nur in den Städten Blaubeuren, Calw, Heidenheim und Urach zu. Dort durfte weiterhin Bier gesotten werden, allerdings in, heute würde man sagen, Staatsbetrieben.

Klagen über Bierqualität

Ab sofort mussten nun im Amt Urach alle Gast- und Schankwirte ihr Bier vom Pächter des herzoglichen Brauhauses beziehen. Insbesondere ab der Mitte des 18. Jahrhunderts häuften sich die Klagen über die Qualität des herrschaftlichen Bieres. Auch konnte das Brauhaus in den Jahren, wo die Apfel- und Traubenernte gering ausfiel und dadurch wenig Wein und Most produziert werden konnte, nie genügend Bier liefern. Im Jahre 1816 bat deshalb die Amtsversammlung das königliche Finanzministerium, man möge doch die Gründung von privaten Brauereien in den größeren Orten des Uracher Amtes zulassen. Die Amtsversammlung begründete ihren Antrag unter anderem damit, dass „viele Familien und insbesondere auch die Herren Pfarrer, welche vormals gewohnt gewesen, Wein zu trinken, um der enormen Weinpreise willen genötigt, sich an das Bier zu halten und umso übler daran seien, als solches um seiner schlechten Qualität wegen und weil es meistens sauer und nicht zu genießen, auch eben deswegen für die Gesamtheit nachteilig ist.“

Es bedurfte noch vieler Verhandlungen, bis im Juni 1825 die Königlich-Württembergische Finanzkammer mitteilte, seine Königliche Majestät hätten genehmigt, dass das Bannrecht der herrschaftlichen Brauerei aufgelöst und die Brauerei geschlossen würde. Die Amtskörperschaft möge doch nun die Überweisung der dafür angebotenen 800 Gulden schnellstens veranlassen.

Braurecht auch für Private

Das erkaufte Bann- und Braurecht wollte die Amtskörperschaft aber nicht selbst ausnützen. Sie war vielmehr bereit, dieses an Private weiterzugeben. Damit war der Weg für die Gründung privater Brauereien offen. Und dies umso mehr, als dann 1828 auch noch die engen Zunftregeln aufgehoben wurden. Der damalige Pächter des königlichen Brauhauses, Johannes Bichteler, hatte diese Entwicklung wohl vorausgesehen, denn er hatte schon 1822/23 zusammen mit seiner Wirtschaft „Am Berg“ gleich einen Raum zur Einrichtung einer Bierbrauerei und einen tiefen Keller bauen lassen. So war er als das Biermonopol 1825 fiel der erste Gastwirt in der Stadt, der sein eigenes Bier ausschenken konnte. Aber schon wenige Wochen später erhielt auch Waldhorn-Wirt Friedrich Schöll die Konzession zur Einrichtung einer Brauerei hinter seiner Gastwirtschaft am Marktplatz.

Eigenes Bier wollten bald auch andere Wirte ihren Gästen anbieten. So entstanden im Abstand von nur wenigen Jahren die Brauerei „Wilder Mann“ in der Pfählerstraße (1828), die Bier- und Branntweinbrennerei von Küfer Johannes Rau in der Altstadt (1833), die der Gastwirtschaft „Ochsen“ angeschlossene Brauerei an der Stuttgarter Straße (1839) und die „Schwanen-Bräu“ an der Münsinger Straße (1845).

Eine Brauerei hätte gerne auch der Bierbrauer Michael Knoll aus Ödenwaldstetten an sein Gasthaus am Marktplatz angebaut. Aber dazu reichte der Platz nicht aus. Er kaufte sich deshalb in den sogenannten Rahmgärten vor der südöstlichen Stadtmauer, ein Grundstück und erstellte 1840 darauf ein großes Gebäude, in das er eine Brauerei und eine Brennerei einbauen konnte.

Sieben Brauereien in der Stadt

Nun gab es in der Amtsstadt Urach mit ihren 3455 Einwohnern sieben Bierbrauereien, die allerdings fast ausschließlich für die angeschlossenen Wirtschaften, die Biergärten und den Gassenverkauf produzierten. Nur drei dieser Hausbrauereien ist es gelungen, nach und nach ihr Bier regional zu vermarkten: der Brauerei des Küfers Johannes Rau, die schon 1841 von dessen Schwiegersohn Carl Friedrich Olpp übernommen wurde, der Brauerei „Zum wilden Mann“, die später im Eigentum der Familie Quenzer stand, und der Dampf-Brauerei Friedrich Wurster am Wilhelmsplatz, die aus der Knoll’schen Brauerei hervorging.

Die Firmengeschichten der Brauereien Olpp und Quenzer, die bis 1991 und 2002 bestanden, sind hinreichend bekannt. Die der Dampf-Brauerei Friedrich Wurster kaum. Letztlich sind auch schon über 100 Jahre vergangen, seit Braumeister Friedrich Wurster letztmals Bier gebraut hat. Auch findet sich von den einstigen Brauereigebäuden keine Spuren mehr. An ihrer Stelle steht heute ein Wohn- und Verwaltungsgebäude, in dem unter anderem ein Teil des Finanzamtes untergebracht ist. Keimzelle der Dampf-Brauerei Wurster war die Brauerei des Bierbrauers Michael Knoll, die dieser von 1840 bis zu seinem Tode betrieb und die anschließend von Johannes Heinzelmann bis 1869 weitergeführt wurde. Danach ging das Brauereigebäude durch Kauf an den aus Sirchingen stammenden Bierbrauer Johannes Reichenecker über, der schon seit 1863 Eigentümer des 1847 von dem Bäcker Johann Georg Münzing erbauten Nachbarhauses war und darin eine Gastwirtschaft betrieb. Brauerei und Gastwirtschaft kamen so erstmals in eine Hand.

Von der Witwe des Bierbrauers Reichenecker erwarb 1887 der damals erst 23 Jahre alte, noch ledige Bierbrauer Friedrich Wurster aus Dettingen das Anwesen. Der sehr tüchtige Bierbrauer nahm sich viel vor. So wollte er zukünftig in seiner Brauerei nicht nur Bier für den Eigenbedarf produzieren, sondern auch zum Verkauf an andere Wirte in der Stadt und der näheren Umgebung.

Moderne Dampfbrauerei

Dies war aber in der kleinen ehemaligen Knoll’schen Brauerei nicht möglich. Er erstellte deshalb 1897 an deren Stelle einen Neubau, in den er eine höchst moderne Dampfbrauerei einbauen ließ. Bald wurde „Wurster-Bier“ in Stadt und Umland gerne getrunken. Im Februar 1913 verstarb Friedrich Wurster im Alter von 49 Jahren. Da seine beiden Söhne noch minderjährig waren, führte zunächst seine Witwe Hedwig den Betrieb weiter. Aber die folgende lange Kriegszeit und der Beginn der Inflation schränkten insbesondere den Braubetrieb erheblich ein. Als dann auch noch Sohn Friedrich im Februar 1917 einberufen wurde, musste der Brauereibetrieb vollständig eingestellt werden. Hedwig Wurster musste nun die Gastwirtschaft alleine weiterführen.

Auseinander im Zwist

Nach Beendigung des Weltkrieges planten die beiden Brüder Brauerei und Gastwirtschaft gemeinsam zu führen. Sie gründeten die Firma „Gebrüder Wurster, Offene Handelsgesellschaft zum Betrieb einer Bierbrauerei mit Gastwirtschaft“. Aber die grundverschiedenen Charaktere der beiden Brüder verhinderten letztlich eine gemeinsame Betriebsführung. Die Brauerei wurde geschlossen. Friedrich führte fortan die Gastwirtschaft erfolgreich alleine weiter. Sie besteht bis heute, wenn auch nicht mehr im Eigentum der Familie Wurster.

Die letzte der einst sieben Uracher Brauereien stellte 2002 ihre Produktion ein. An die Bierbrauertradition erinnert heute nur noch das „Uracher Kleinbrauhaus“, in dem zu besonderen Anlässen Spezialbiere gebraut werden.

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