Jelena Ressler hat selbst Migrationshintergrund. Mit 19 Jahren wanderte sie von Kasachstan aus und kam nach Deutschland. Hier studierte sie Soziale Arbeit, heute bietet sie in Münsingen und Trochtelfingen Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer an. Doch im Gegensatz zu jenen Menschen, die zu einem Gespräch zu ihr kommen, hatte sie einen großen Vorteil: Sie konnte bereits deutsch sprechen.

Bei den Zuwanderern aus EU-Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Ungarn oder Kroatien ist das zumeist nicht der Fall. Das macht eine Beratung umso schwerer. Bisher fand die Migrationsberatung im Landkreis Reutlingen über das DRK statt, allerdings konnte die Alb aufgrund der großen Nachfrage nicht abgedeckt werden. „Man muss vor Ort sein, um an die Menschen ranzukommen“, weiß Ina Kinkelin-Naegelsbach, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle, die mit Jelena Ressler seit Mai diese Stelle in Münsingen zu 40 Prozent und in Trochtelfingen bei „Rat und Tat“ zu 20 Prozent besetzen konnte.

Jelena Ressler geht aktiv auf die Leute zu, sie hat Verständnis für deren Lage, weiß wie sie ticken und wie sie sich fühlen. „Sie kommen als Fachkräfte wegen der Arbeit hierher und brauchen eine Möglichkeit, Sprachkurse zu besuchen“, erklärt sie. Ihr Leben dreht sich um die Arbeit, hier finden oft die einzigen zwischenmenschlichen Kontakte statt. „Sie sind in einer fremden Kultur, kennen die Sprache nicht, sind entwurzelt, einsam und leiden unter dem Heimatverlust, auch wenn dieser aus eigenen Stücken gewählt wurde“.

Insbesondere Handwerksbetriebe sind froh, Facharbeiter aus dem EU-Ausland zu finden und den Arbeitskräftemangel dadurch ausgleichen zu können. Die Übersetzung übernimmt ein Vorarbeiter, der beide Sprachen kann. „Doch im Alltag sind diese Menschen sich selbst überlassen. Daraus entstehen Konflikte, Schwierigkeiten, psychische Probleme, Alkoholabhängigkeit oder kriminelle Entgleisungen“, hat Jelena Ressler die Erfahrung gemacht.

Oft gibt es viele rechtliche Dinge zu klären, auch da kann sie helfen. Sie setzt sich mit der Not dieser Menschen auseinander, nutzt Netzwerke und bindet anderen Fachdienststellen ein. Unter anderem auch die „Schuldnerberatung für Geflüchtete“, die auch unter dem Dach der Diakonischen Bezirksstelle zu finden ist. Florian Hecht nimmt sich jenen an, die sich verzweifelt an ihn wenden. „Hauptsächlich junge Menschen unter 18 Jahren oder junge Erwachsene“, erzählt er.

Schuldnerfalle Nummer eins: das Handy. Oft werden Verträge über die Eltern abgeschlossen, doch die Rechnungen können dann nicht bezahlt werden. Hauptsächlich, weil das Geld fehlt, aber auch aufgrund mangelnder Kommunikation oder weil die Rechnungen nicht verstanden werden. Sind erst einmal höhere Beträge aufgelaufen oder wird die SIM-Karte gesperrt, suchen sich die Betroffenen Hilfe bei Florian Hecht.

„Meine Klientel besteht dann meistens auf Ratenzahlungen, doch das ist extrem schwierig, wenn jemand mit dem Existenzminimum von 424 Euro im Monat zurechtkommen muss. Dieses Geld ist zum Leben da, nicht zum Schulden abzahlen“. Er macht den Verschuldeten klar, dass eine Rückzahlung so gut wie unmöglich ist und dass sie nun mit diesen Schulden leben müssen, die später, sobald sie arbeiten, eingetrieben werden. „Ich muss regelrecht mit diesen Menschen verhandeln, die meisten schämen sich. Es geht immer darum, die bestmögliche Lösung zu finden, ohne dass sich jemand dazu verleiten lässt, weiter Schulden zu machen, weil bei ihm ja nichts zu holen ist. Denn das wäre dann Betrug“, berichtet Hecht.

Er bezeichnet Schulden als „Integrationshemmnis Nummer eins“. Anfangs sind diese nicht pfändungsfähig, doch Vollstreckungsbescheide verjähren erst nach 30 Jahren. „Ich mache ihnen klar, dass es oberstes Ziel sein muss, eine Arbeit zu finden und dann diese Schulden auszugleichen“. Dass geflüchtete Menschen überhaupt in die Schulden rutschen, hängt oft auch mit den Abrechnungen der Nebenkosten zusammen. Im ersten Jahr werden diese vom Jobcenter übernommen, im zweiten Jahr sind die Menschen selbst für Wasser, Strom und Abfall verantwortlich.

„Hier kommt das existenzielle Wohnproblem von Menschen mit wenig Geld zum Tragen. Sie kommen in alten Wohnungen mit Nachtspeicheröfen unter und können ihre Nebenkosten gar nicht überblicken“. Dann, am Ende des Jahres, kommt das böse Erwachen. Manchmal führen auch Straftaten wie illegale Einreisen zu Schulden.

Allein im Juni kamen 34 Menschen zu Florian Hecht in die Erstberatung, 14 Menschen nahmen eine Folgeberatung in Anspruch. Florian Hecht steht als studierter Betriebswirt und zertifizierter Migrations- und Integrationsberater eine 50-Prozent-Stelle für diese Schuldnerberatung zur Verfügung, weiterhin besetzt er zu 50 Prozent die Kontaktstelle für Flüchtlingsarbeit und bietet eine Sprechstunde in der Begegnungsstätte Germania an. Sein Dienst wird über ein Pilotprojekt abgewickelt, das drei Jahre lang über die ARD-Fernsehlotterie vom Deutschen Hilfswerk finanziert wird.