Lebensmittel Der Weg von der Quelle zum Hahn

Bronn / Sabine Franz 02.06.2018
Der Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg versorgt die Region seit 65 Jahren mit Trinkwasser. Die Aufbereitung ist ein mehrstufiger Prozess. Ein Besuch im Wasserwerk Bronn.

Wasser aufdrehen, Zahnputzbecher füllen, Mund ausspülen: In Deutschland verlässt sich jeder darauf, dass aus dem Hahn reines, keimfreies Trinkwasser fließt. Doch selbstverständlich ist das nicht. Verunreinigtes Wasser ist in manchen Ländern eine häufige Krankheitsursache. Sorgfältige Aufbereitung schützt davor.

Genau zehn Jahre liegt es zurück, dass der Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg (NOW) seine größte Trinkwasseraufbereitungsanlage in Bronn in Betrieb nahm. Es war das erste von mehreren Versorgungsprojekten mit moderner Konzeption, die Investitionskosten beliefen sich auf rund 26 Millionen Euro.

Die Anlage liegt zwischen Weikersheim und Niederstetten. Ihr Wasser liefert der Zweckverband unter anderem an die Gemeinden im nördlichen Landkreis Schwäbisch Hall. „Grenze ist ungefähr die Autobahn A6“, sagt Franz Schweizer, 68, der den Bau als Projektleiter begleitete. Die Versorgung des restlichen Einzugsgebietes läuft über andere NOW-Wasserwerke.

Die beteiligten Städte und Gemeinden müssen ihr Wasser nicht selber in kleinen Wasserwerken aufbereiten. Das geschieht in Bronn zentral und damit wirtschaftlicher. „Wir fördern momentan Rohwasser aus ungefähr 80 Quellen und Brunnen“, erzählt Franz Schweizer. Die NOW hat sie gepachtet, „sie gehören nach wie vor den Partnern“, ergänzt Patrick Helber, Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Teilweise liegt ihr Wasser im Härtebereich drei: „hart“.

Das Quellwasser durchfließt die Muschelkalkschicht der hiesigen Böden und nimmt dabei die Mineralien des Gesteins auf. Für die Gesundheit entsteht daraus keine Gefahr, aber Waschmaschine und Kaffeekocher verkalken schneller. „Durch die neue Art der Technik ist es möglich, die Härtegrade des Wassers zu reduzieren“, erklärt Franz Schweizer. Daher verlässt es Bronn im mittleren Härtebereich. Die Vermischung mit dem weicheren Bodenseewasser spielt dabei ebenfalls eine Rolle, sein Anteil liegt bei 15 Prozent. Im Schnitt durchlaufen die Anlage täglich bis zu zehn Millionen Liter Wasser.

Mikroplastik auch raus

Den Auftakt des mehrstufigen Aufbereitungsprozesses bildet die Ultrafiltration: Wer eines der weißen Filtermodule aufsägt, blickt auf Tausende von trinkhalmdünnen Membranen. Durch sie wird das Wasser gepresst. Die Membranen halten Partikel und Krankheitserreger zurück, bis zu einer Größe von 0,00001 Millimetern. Das Darmbakterium Escherichia coli ist etwa fünfzigmal so groß. Zum Vergleich: Ein normales Haar hat eine Stärke von etwa 0,05 Millimetern. „Auch Mikroplastik kriegen wir hier raus“, sagt Franz Schweizer.

Es folgt das sogenannte Carix-Verfahren zur Teilenthärtung. Das Wasser fließt durch riesige blaue Tanks, die mit einem Harzgranulat gefüllt sind, das feiner ist als Zucker. Kationen und Anionen sind schichtweise eingebaut. Dadurch bleiben Kalzium- und Magnesium-Ionen am Harz haften. Auch der Nitratgehalt sinkt.

Enthärtung und Entsäuerung

Während der Enthärtung reichert sich das Wasser mit Kohlensäure an. Bei der Entsäuerung rieselt das Wasser über kleine Kunststoffteilchen, wird belüftet, aufgespalten und entgast. Sonst würden die Leitungen korrodieren und aus der Duschbrause zu Hause rostiges Wasser spritzen. Als letzter Schritt folgt die UV-Desinfektion, um auszuschließen, dass durch eine kaputte Membran Mikroorganismen durchgerutscht sind.

„Vom Roh- bis zum Reinwasser dauert es etwa drei bis vier Stunden“, weiß Franz Schweizer. Es wird in Kammern gespeichert und von dort an die angeschlossenen Städte und Gemeinden abgegeben. „Pro Tag gibt es drei bis vier Hochphasen, zum Beispiel morgens um 6 Uhr, wenn die Leute duschen“, sagt Schweizer. In der Halbzeitpause wichtiger Fußballspiele leeren sich die Hochbehälter ebenfalls schneller.

Insgesamt hat sich der Wasserverbrauch in den vergangenen Jahren reduziert. Während 1970 jeder Deutsche pro Tag 150 Liter verbrauchte, „sind es aktuell etwa 121“, hat Patrick Helber recherchiert. „Das liegt an den Hausfrauen, die wassersparende Geräte kaufen“, sagt Franz Schweizer und lacht. „Es wird auch nicht mehr so viel gebadet, sondern eher geduscht.“ Die Industrie verwende für wassergekühlte Motoren nicht mehr Frisch-, sondern Umlaufwasser.

Spuren von Arzneimitteln

Immer wieder thematisieren die Medien im Trinkwasser enthaltene Arzneimittelrückstände, die durch menschliche und tierische Ausscheidungen in den Wasserkreislauf gelangen. Laut Franz Schweizer stammen sie vorwiegend aus Brunnen und Quellen, die nahe an Vorflutern liegen. „Wir haben hier Spuren von Arzneimitteln drin, aber sie liegen noch weit unter dem Grenzwert“, sagt er.

Aktivkohlefilter soll kommen

Im neuen Wasserwerk „Wart“ in Bad Mergentheim gibt es einen Aktivkohlefilter, der diese Rückstände entfernt. Je nachdem, wie der Wert ansteigt, soll es einen solchen Filter auch bald in Bronn geben. „In den nächsten fünf bis sechs Jahren kommen wir noch ohne aus“, schätzt Franz Schweizer.

Laut einem Infoblatt, in dem die NOW ihr Trinkwasser als Durstlöscher empfiehlt, sind die Grenzwerte stets so festgelegt, dass bei lebenslangem Genuss keine Gesundheitsstörungen zu befürchten sind. Dass diese Werte nicht überschritten werden, dafür sorgen Wasserwerke wie Bronn. So können die Menschen unbesorgt Zähne putzen – ein Kubikmeter Wasser reicht nach NOW-Angaben für 2500 Durchgänge.

Info Am Freitag, 22. Juni, findet ein Tag der offenen Tür im neuen Bad Mergentheimer Wasserwerk Wart statt, das seit Januar in Betrieb ist. Die Technik ist fast dieselbe wie in der Bronner Anlage. Von 13 bis 17 Uhr finden Führungen statt: www.now-wasser.de/das-unternehmen/tag-der-offenen-tuer.html

NOW in Zahlen

Die Hohenloher kämpften bis in die 1950er-Jahre mit Wasserknappheit. Im Schnitt gibt es in Baden-Württemberg ausreichend Wasser, es ist nur ungleich verteilt. Damals entschlossen sich Landtag und Landesregierung zu einem finanziellen Kraftakt und bahnten damit dem Aufbau einer gesicherten öffentlichen Trinkwasserversorgung den Weg. Vor 65 Jahren gründeten die damaligen Landkreise Crailsheim, Schwäbisch Hall, Künzelsau, Backnang, Öhringen und Bad Mergentheim den kommunalen Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg (NOW). Heute beliefert die NOW mit Sitz in Crailsheim 600 000 Einwohner in 100 Städten und Gemeinden mit rund 27 Millionen Kubikmeter Trinkwasser. Davon schöpft sie ein knappes Drittel aus heimischen Brunnen und Quellen. Den restlichen Bedarf deckt sie durch Fernwasser ab, überwiegend aus dem Bodensee und Donautal. Das im Netz der NOW verteilte Wasser muss nicht weiter aufbereitet werden und ist zum Trinken geeignet. Wer die Analysewerte einsehen will, hat hier die Möglichkeit dazu: now-wasser.de/trinkwasser/wasserqualitaet.html sab

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