Aufstieg Der Habenichts unter Pfeffersäcken

Den Klassenverbleib in Liga zwei im Visier, von links: Heiko Hepperle, Markus Lück, Anita Mangold, Tom Unger und Tobias Steiner.
Den Klassenverbleib in Liga zwei im Visier, von links: Heiko Hepperle, Markus Lück, Anita Mangold, Tom Unger und Tobias Steiner. © Foto: Thomas Madel
Wiesensteig / THOMAS FRIEDRICH 02.05.2015
Die Luftgewehr-Mannschaft des SV Wiesensteig schießt kommende Saison in der Zweiten Bundesliga. Nach dem unerwarteten Aufstieg will der ärmste Verein der Liga den Reichen eine lange Nase drehen.

Der Aufstieg war ein Betriebsunfall. Die Luftgewehrschützen des SV Wiesensteig sind wie jede Saison mit der Maßgabe in die drittklassige Württembergliga gestartet, möglichst nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Es lief wider Erwarten gut und "irgendwann haben wir Blut geleckt", erklärt Tobias Müller das Wunder aus dem Täle.

Als Vize-Meister erreichte der SVW zum zweiten Mal die Relegation, die er vor zwei Jahren als Fünfter beendet hatte. Diesmal wurden dank der Aufstockung der Ersten Liga vier statt bislang zwei Aufsteiger in Liga zwei ausgeschossen und die Wiesensteiger fuhren mit Entschlossenheit zum Showdown nach Pforzheim: "Wenn nicht jetzt, wann dann?", beschreibt Müller die Mentalität, mit der die Schützen aus dem Täle antraten. Der Vergrößerung von Liga eins hätte es gar nicht bedurft. Der SVW schloss die Relegation als Zweiter ab und widmet den Aufstieg Klaus Stiegler, dem vor eineinhalb Jahren verstorbenen Mitbegründer der Mannschaft.

Statt Klassenverbleib Aufstieg in Liga zwei, unverhofft stehen jetzt Tobias Müller (31), Michael Wörz (42), Tom Unger (35), Kai Linowski (36), Markus Lück (42), Anita Mangold (25) und Heiko Hepperle (41) für den größten Erfolg in der 108-jährigen Geschichte des Vereins. Schon in der Dritten Liga gehörte der SVW zu den armen Schluckern. Manche Konkurrenten holten sich zu den Wettkämpfen Verstärkung aus der Schweiz. So was können sich die Wiesensteiger nicht leisten, dafür fehlen die Sponsoren.

Eine Etage höher sind die Unterschiede noch krasser. Lück, der einst für Stuttgart und Brainkofen Zweitligaerfahrung sammelte, erinnert sich noch an die dortigen Gepflogenheiten: "Da wurden Ausländer zu den Wettkämpfen sogar eingeflogen".

Die Wiesensteiger haben schon Mühe, die Richtlinien des Verbandes zu erfüllen. Der Deutsche Schützenbund (DSB) schreibt für Zweitligisten einen Trainer vor, der eine Lizenz besitzt, sowie mindestens einen bezahlten Kampfrichter. Diese Saison gibt ein Trainer aus Göppingen für den SVW seinen Namen her und der Verein sucht unter seinen 180 Mitgliedern Willige, die sich zum Kampfrichter-Lehrgang schicken lassen.

Die Heimstätte taugt schon gar nicht für höhere Weihen. Wiesensteigs Anlage erfüllt nicht die Voraussetzungen des DSB für die Zweite Liga, daher dürfen die Schützen dort nur trainieren. Ihren Heimwettkampf tragen sie in Gruibingen aus. Am 12. Dezember kommen Fenken, Buch und Königsbach - jedes Team wohl im Vereinsbus. Die Wiesensteiger fahren zu ihren Auswärtswettkämpfen im eigenen Pkw. Immerhin sind eine Etage höher die Fahrten ins Saarland und nach Rheinland-Pfalz nicht wesentlich weiter als in der Württembergliga, wo die Wiesensteiger schon mal zweieinhalb Stunden Anfahrt zum Bodensee hatten.

Das interne Rotationsprinzip greift auch kommende Saison. Von den sechs Stammkräften plus Aushilfe Hepperle dürfen immer nur fünf schießen. Der jeweils schlechteste Schütze setzt dann im nächsten Wettkampf aus.

Kampflos geschlagen geben will sich der arme Aufsteiger den Großkopferten auf keinen Fall. "Normalerweise ist die Zweite Liga für uns ein einmaliges Erlebnis", räumt Unger realistisch ein - und schiebt kämpferisch hinterher: "Aber man weiß ja nie".

Eine Mannschaft steigt direkt ab, eine geht in die Relegation. Und zwei der Konkurrenten hat der SVW im Shootout in Pforzheim schon hinter sich gelassen. Warum nicht ein weiteres Mal? "Das Potenzial ist vorhanden, aber es muss alles passen", sagt Unger.

Die Wiesensteiger pflegen das Bild des sympathischen Habenichts gegen die Pfeffersäcke der Liga - vielleicht dreht der Arme den Reichen ja doch eine lange Nase.

Zurück zur Startseite