Ulm Der anonyme Patient

Blick ins Arztzimmer des DRK-Übernachtungsheims in der Frauenstraße. Die Medizinstudenten Katerina Mouratidou (rechts), Martin Textor und Silvia Hiemann (links im Spiegel) gehören zum Beratungsteam von Medinetz Ulm.
Blick ins Arztzimmer des DRK-Übernachtungsheims in der Frauenstraße. Die Medizinstudenten Katerina Mouratidou (rechts), Martin Textor und Silvia Hiemann (links im Spiegel) gehören zum Beratungsteam von Medinetz Ulm. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / BIRGIT EBERLE 17.01.2015
Flüchtlinge, Obdachlose und Migranten ohne Aufenthaltsstatus haben im Extremfall keinen Anspruch auf medizinische Versorgung. Dann hilft Medinetz Ulm: Studenten beraten und vermitteln an Ärzte weiter.

Für die meisten Menschen ist ein Arztbesuch Routine und abgerechnet wird über das Plastikkärtchen der Krankenkasse. Wer aus einem fremden Land nach Deutschland geflüchtet ist, kein Dach über dem Kopf hat und als Migrant keinen gesicherten Aufenthaltsstatus besitzt, steht oft ohne Anspruch auf medizinische Hilfe da. Deshalb haben Studentinnen und Studenten vor sechs Jahren Medinetz Ulm gegründet. Offizielle Sprechstunde ist jeden zweiten Donnerstag im DRK-Übernachtungsheim in der Frauenstraße 125 - wobei die Identität der Ratsuchenden anonym bleibt.

"Wir sind eine niedrigschwellige Anlaufstelle", sagt Katerina Mouratidou. Sie studiert im 9. Semester Humanmedizin. Die 25-Jährige ist seit fünf Jahren bei Medinetz aktiv und gehört zum rund ein Dutzend Mann und Frau starken "Personal", das die Sprechstunden im Übernachtungsheim abhält. Wobei immer ein Zweiterteam im Einsatz ist: ein erfahrender Medinetzler und einer, der noch nicht so lange mit von der Partie ist.

"Wir dürfen natürlich nicht behandeln. Wir beraten und vermitteln an Ärzte weiter, die mit Medinetz kooperieren. Sie arbeiten dann meist kostenlos für uns", sagt Martin Textor, der Medinetz seit vier Jahren verstärkt und im 7. Semester Mezin studiert. Um die verbleibenden Kosten zu decken, ist Medinetz auf Spenden angewiesen - zum Beispiel von der Aktion 100 000.

Martin Textor (23) sieht seinen Einsatz bei Medinetz als prima Vorbereitung für später. Dem pflichtet auch Kommilitonin Silvia Hiemann (30) bei. "Das ist für Medizinstudenten Praxis pur." Praxis unter erschwerten Bedingungen, denn die Patienten kommen etwa aus Afrika, Südamerika, Irak, Iran und Syrien. Sie sprechen oft kein Deutsch und kommen nicht immer mit Dolmetscher vorbei.

Wenn die Not groß ist und das Sprechzimmer weit, sind die Medinetz-Mitarbeiter flexibel. "Ich habe mich mit einer Familie auch schon mal in einer Bäckerei zur Beratung getroffen", erzählt Katerina Mouratidou. Mitten im Brotverkauf konnte sie einer schwangeren Italienerin, die mit Mann und Kind in eine ausweglose Lage geraten war, ärztliche Betreuung vermitteln.

Die drei Medizinstudenten machen ihre Arbeit gerne - nicht nur wegen des fachlichen Aspekts. Silvia Hiemann: "Man kann von den Menschen, die zu uns kommen, viel lernen. Sie holen einen, was Ansprüche angeht, so richtig auf den Boden zurück."

Medinetz Ulm: Studenten und Ärzte gesucht

Sprechzeiten Wer Hilfe beanspruchen möchte, kann sich die bei der Sprechstunde im DRK-Übernachtungsheim, Frauenstraße 125, Ulm, holen. Die nächste Beratung ist am 29. Januar, 18.30 Uhr bis 20 Uhr, danach im vierzehntägigen Rhythmus. In dringenden Fällen sind Medinetz-Mitarbeiter telefonisch unter 0151/ 549 406 49 erreichbar. Mehr Info zum Projekt: www.medinetz-ulm.de

Lust zur Mitarbeit? Medinetz mangelt es an Unterstützern aus Anfangssemestern - nicht nur der Human- oder Zahnmedizin, auch angehende Psychologen und Biologen sind willkommen. Ärzte, die zum Selbstkostenpreis behandeln (Laborkosten werden z.B. von Medinetz übernommen), sind ebenfalls gesucht. Fragen per E-Mail: medinetz@lists.uni-ulm.de

SWP

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