Interview Den Faust in sich selbst entdecken

Szenenfoto mit Thomas Hupfer als Faust. Für alle, die nicht bis zur Premiere warten können, steht die Generalprobe offen. Diese ist am Mittwoch, 6. Juni, um 20.30 Uhr im Kreuzgang. Karten gibt es nur an der Abendkasse für zehn Euro.
Szenenfoto mit Thomas Hupfer als Faust. Für alle, die nicht bis zur Premiere warten können, steht die Generalprobe offen. Diese ist am Mittwoch, 6. Juni, um 20.30 Uhr im Kreuzgang. Karten gibt es nur an der Abendkasse für zehn Euro. © Foto: Nicole Brühl
Feuchtwangen / Ralf Snurawa 02.06.2018

Im vergangenen Jahr fesselte der Schauspieler Thomas Hupfer das Publikum der Kreuzgangspiele in Feuchtwangen mit seiner Interpretation Martin Luthers. Dieses Jahr nimmt er sich mit Goethes „Faust“ eines Klassikers an. Ralf Snurawa hat mit ihm darüber gesprochen.

Wie sind Sie als Hauptdarsteller an diese Rolle herangegangen?

Thomas Hupfer: Ich habe viele Ins­zenierungen gesehen, habe das Stück natürlich gelesen und irgendwo auch schon mitgespielt. Man hat viele „Faust“-Bilder und­Vorgaben im Kopf. Das muss man erst einmal löschen und das Ganze frisch lesen.

Dann nähert man sich der Figur, liest, was da steht und fragt sich, was das für einen selbst heute bedeuten kann. Man möchte kein Museum daraus machen, was die Frage aufwirft: Wo dockt das aktuell im Hier und Jetzt an? Und: Was macht dieses Stück, diese Figur mit mir?

Und wer ist dieser Faust aus heutiger Sicht? Ein Mensch, der aller Dinge überdrüssig, gelangweilt ist und seine Seele verkauft, um etwas Neues erleben zu können?

Man hat immer so eine Ehrfurcht vor dem Stück und man denkt, das ist etwas ganz Heiliges. Aber für mich hat es mit jedem Menschen zu tun. Weil jeder Mensch, der schon eine Krise in seinem Leben zu bewältigen hatte, damit sofort etwas anfangen kann. Dass man sich irgendwann in seinem Leben die Frage stellt: Bis hierhin bin ich gekommen, aber was denn jetzt?

Ich habe kürzlich ein Radio-Feature gehört, in dem es um eine Gruppe sehr reicher und sehr gebildeter junger Menschen ging, die sich zu einem Salon trifft und Literatur verfasst, in der es um jene Langeweile geht, die einen nach einem Umbruch sehnen lässt. Diese Gruppe konnte für sich festhalten: Wenn wir jetzt im Jahr 1914 leben würden, wären wir die Ersten, die mit Freuden in den Ersten Weltkrieg ziehen würden, weil wir an einem Punkt sind, an dem man allem überdrüssig geworden ist, an dem man sogar den Abgrund herbeisehnt.

Man stellt also einen Zustand von Luxus, Wohlstand und Sicherheit grundsätzlich in Frage und fantasiert sich bei der Frage nach dem „Wie weiter?“ in die Extreme – was auch beängstigend ist. Und da treffen wir den Faust. Es ist, glaube ich, gleichgültig, ob der jetzt Philosophie, Juristerei und Theologie studiert hat. Er stellt sich auch die Frage: Aber jetzt wofür?

Im Grunde haben die meisten ihre Seele schon vorher verkauft …

Ich glaube, dass es um ein Gewahrwerden geht: Ich erkenne es, doch leider viel zu spät. Dann kommt die Sehnsucht nach dieser zweiten Chance auf. Dem Faust wird sie erfüllt. Mit dem Wissen, das man in einem höheren Alter hat, noch einmal in einen jungen Körper schlüpfen und die Weichenstellungen im Leben überdenken zu können, wer möchte das nicht? Goethes Faust ist zwar kein Sympathieträger, aber auf jeden Fall eine Identifikationsfigur für ganz viele Menschen.

Ist das des Pudels Kern oder noch etwas anderes?

Was man wissen muss: Goethe hat der „Faust“ sein Leben lang begleitet. Er hat immer wieder daran geschrieben - auch und gerade wenn - er sich in einer Krise befand. Im Laufe eines Lebens verändern sich die Sehnsüchte, die Wünsche. Oder auch: In welche Richtung geht Verführung? Wovon lässt man sich verführen? Dafür steht Mephisto. Es geht um das Ausleben von Egoismen, dass man sich das traut mit allen Konsequenzen, die das nach sich zieht für die Gesellschaft, für das Umfeld und für sich selbst auch. Da steckt des Pudels Kern.

Wie gesagt, man kann sich in der Figur des Faust erkennen und spiegeln. Mir geht da manches nahe, wenn ich das Stück lese. Ich schaue dabei aber nicht, was mache ich damit, sondern: Was macht das mit mir? Was löst das in mir aus?

Und wie geht die Erarbeitung von Figur und Stück dann weiter?

Man ist ja zum großen Glück nicht alleine. Und bei den Szenen wäre es fatal, wenn ich schon genau die Vorstellung hätte, wie sie ablaufen sollen. Man kommt zu den Proben zusammen und tauscht sich aus. Jeder bringt etwas ein. Es wäre schlimm, wenn man auf der Probe nicht mehr überrascht wird, nicht auch Neues entdecken würde.

Zu Beginn der Probenzeit sind allerdings schon 60 Prozent der Entscheidungen zum Stück getroffen. Das heißt nicht, dass nicht noch ganz viel geschehen kann. Regisseur und Intendant Johannes Kaetzler hatte bei der Konzeptionsvorstellung erläutert, was seine Gedanken zum „Faust“ sind. Dann folgte die Leseprobe und immer wieder davor und danach Rollengespräche mit den einzelnen Darstellern.

Und natürlich gibt es noch die großen Bilder: Wie stellt man sich eine Walpurgisnacht vor? Was geschieht wie in Auerbachs Keller? Da ist so viel Leben und Sinnlichkeit darin. Das bereitet wahnsinnig viel Spaß, sich damit auseinanderzusetzen.

Info Die Premiere von Johann Wolfgang von Goethes „Faust - der Tragödie erster Teil“ bei den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen ist am Donnerstag, 7. Juni, um 20.30 Uhr. Mehr Informationen über weitere Vorführungen sind im Internet unter www.kreuzgangspiele.de zu finden. Karten gibt es im HT-Shop in der Ludwigstraße unter der Telefonnummer 0 79 51 / 40 90.

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