„Ist das am Ende wichtig?“

Weitere 22,5 Jahre beträgt die statistische Lebenserwartung 65-jähriger deutscher Frauen. Dem Älterwerden und seiner Schönheit waren Frauen und Männer der Altersgruppe 50+  auf Schloss Tempelhof auf der Spur. Welche Angebote gibt es dort für sie?

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Die Natur gibt uns vor, was wir brauchen“, sagt Linda Jarosch. Der goldene Oktober legt einen milden Glanz über das Gelände des Tempelhofes. Die Herbstblätter leuchten in satten Rot- und Gelbtönen.

Die Schönheit der Jahreszeit korrespondiert in einer von allen Teilnehmern immer wieder beachteten Deutlichkeit mit dem Thema des Seminars. Die Autorin so kräftiger Titel wie: „Ab morgen trage ich Rot“ referiert an einem Sonntagvormittag über „Wandel und neue Freiheiten im Älterwerden“.

Die Farbe Rot steht für Wandel und Aufbruch, für die Entscheidung, etwas hinter sich zu lassen und Neues zu wagen. Denn Rot gilt wie keine andere Farbe als Symbol für Vitalität und Lebensfreude, für Leidenschaft und Mut, für intensives Leben.

Die positiven Seiten des Alters

In ihrem Workshop am kann jede Frau für sich herausfinden, was jetzt an Neuem für sie ansteht und „wohin ihre Energie und innere Weisheit sie führen wollen. Sie kann die Seiten in sich lebendig werden lassen, die ihr und der Gemeinschaft eine neue Farbe geben“, so Linda Jarosch. Ihre zahlreichen Beispiele schöpft die 1947 Geborene aus der eigenen, reichen Lebenserfahrung. Sie betont mit Nachdruck die oft übersehenen positiven Seiten des Alters. „Älter werden ist reifer werden, es ist eine Kunst, und Kunst hat immer mit Schönheit zu tun“, sagt sie. „Jeder kommt auf seine Weise an.“

Auf mehrere Aspekte dieses Weges und dessen Umstände im Kontext des Alterns und das Alter selbst geht sie – auf eine unaufdringliche Weise strukturiert – ein. „Man braucht keinen Vergleich mehr, muss sich nicht mehr rechtfertigen.“ Man dürfe bestimmte Rollen einfach ablegen, etwas lassen. Jeder habe die Freiheit zu wählen. Damit diese Freiheiten die Einzelnen und die Gemeinschaft stärken, bedarf es der Klarheit im Umgang miteinander und Begeisterung für das eigene Reiferwerden.

„Wir können den Jungen Mut machen“

Es gelte, die Ernte des eigenen Lebens zu würdigen. „Der Wert hängt nicht davon ab, ob man etwas tut oder nicht.“ Eine Frage ordnet und relativiert alles: „Ist das am Ende wichtig?“ Anna, eine der 21 Teilnehmerinnen des Kurses, findet das „sehr stärkend. Es ist eine große Vision von mir, eine andere Kultur des Älterwerdens mitzugestalten.“ Sie lebt in der Gemeinschaft Sulzbrunn in der Nähe von Kempten. In ihrer Altersgruppe ist sie die Einzige.

Sie meint: „Wir können den Jungen Mut machen.“ Sie möchte ihr Leben dort auch gerne mit zwei oder drei Älteren teilen. „Wie ist das mit der Gemeinschaft?“, interessiert sich auch Wilhelm im Männer-Workshop. Er ist einer der acht Männer beim Seminar. Guido erwartet „eine besondere Verbundenheit unter Männern. Eine Erdung für mich.“

„Warum bin ich hier? Was will ich hier?“

Thomas, der als Leiter des Männertreffs die Fragestellungen „Warum bin ich hier? Was will ich hier?“ gesetzt hat, ist neugierig, wie es anderen geht. „Loslassen davon, sich über Aufgaben und Wichtigkeiten zu definieren“, scheint ihm für Männer besonders schwierig.

Declan Kennedy, mit 82 der Methusalem des Seminars, ist Tanzlehrer im Nebenberuf. „Ich habe sogar an der Uni Tanz unterrichtet und war als Tänzer immer mit Frauen und wenig mit Männern zusammen.“ Deshalb hat er sich nach einer guten Männergruppe gesehnt: „Dieses Mal klappt es.“ Die Kreistänze des in Dublin geborenen Architekten wie der „Löwenzahntanz“, die den Montagabend ausfüllen, sind so beliebt, dass immer, wenn es heißt: „Wir haben noch ein paar Minuten“, alle nach Declan rufen und ein bisschen tanzen wollen.

Er lebt mit 120 Erwachsenen und 40 Kindern in dem 1986 gegründeten Ökodorf Steyerberg in Niedersachsen. „Die Älteren sind bei uns integriert, nicht getrennt“, erzählt er. Magret, mit der er über 50 Jahre verheiratet war, ist vor drei Jahren gestorben. Es sei wichtig, dass man sie nach ihren Wünschen fragt und diese erfüllt. Das nehme den Jüngeren die Ängste. „Unser Bürgermeister hat uns jetzt ein Grundstück angeboten für ökologisches Bauen. Wir müssen aber betreutes Wohnen anbieten.“

Die Chance, etwas zurückzugeben

Überlegungen zu ähnlichen Fragen gibt es auch in Kreßberg. Bürgermeister Robert Fischer und die Gemeinde könnten sich eventuell eine Kooperation bei einer Tagespflegeeinrichtung in Tempelhof vorstellen. „So etwas kann eine Gemeinschaft leisten“, stellt Agnes Schuster fest. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinschaft Tempelhof und trägt mit ihrer Erfahrung und ihrem Enthusiasmus wesentlich zum Gelingen des Seminars bei.

In Tempelhof gibt es einen Arzt, mehrere Heilpraktiker und zwei Krankenschwestern. Und: „Man hat da eine Chance, etwas zurückzugeben.“ Es können auch „alle Eltern herkommen, wenn sie alt sind“. Aber bisher war das noch nicht der Fall.

Marie-Luise Stiefel veranstaltet mit ihr zusammen auch aus diesen Gründen das Seminar: „Der Beitrag der Älteren könnte sich ändern. Es geht darum, undramatisch alt zu sein, einfach als Teil der Gemeinschaft, viel natürlicher, als es das jetzt oft ist.“

Susanne aus Jahnishausen in Sachsen sagt: „Mit dem Älterwerden befasse ich mich seit 25 Jahren.“ In ihrer Lebensgemeinschaft auf dem ehemaligen Rittergut aus dem Jahre 1786, das sieben Frauen zwischen 50 und 60 2002 ersteigert haben, hat man Erfahrungen mit Alter und Sterben. „Wir haben schon drei Menschen beim Sterben begleitet“, berichtet Marita Schneider, die zu den Gründerinnen dort gehört. „Die Jüngeren sagen, ihr seid vorangegangen. Wir können darauf aufbauen.“

Aber es gab auch schon Befürchtungen, dass zu viele Ältere da sind. Sie haben eine Planungsgruppe gegründet, die sich mit Fragen aus diesem Problemkreis befasst: Welche Verantwortung übernehmen wir? Braucht es Rückzugsbereiche für Ältere? Bezahlen wir eine Betreuungsperson? „Es ist ein sehr lebendiges Thema.“

Auch in Tempelhof beginnt das jetzt. „Wir berichten über das Seminar auf jeden Fall in der Gemeinschaft.“ Marie-Luise Stiefel meint: „Vielleicht im Sozialforum.“ „Wir sind eine relativ junge Gemeinschaft“, stellt Agnes Schuster fest.

Marie-Luise Stiefel steht wie viele immer noch unter dem starken Eindruck des Filmes „Rentner GmbH“ von Bertram Verhaag aus dem Jahr 2007, der am Sonntagabend gezeigt wurde. „Vielleicht gründen wir eine Altenfirma.“ Und schon ist sie wieder bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Neues-in-die-Welt-Bringen.

„Es ist alles erlebt und erfahren“

Von all dem ist auch Adalbert ganz fasziniert. Der Kirchberger, der nach Wald­tann in die Nähe des Tempelhofes ziehen will und schon in mehreren Wohngemeinschaften auf Bauernhöfen gelebt hat, ist beeindruckt. „Ganz toll“, sagt er. „So von innen. Es ist alles erlebt und erfahren.“ Ihm gefällt auch, dass Mitglieder in verschiedene Gemeinschaften Einblicke zu dem Tagungsthema geben.

Auch Ingelore von der Hofgemeinschaft Lübnitz in Brandenburg teilt ihre Erfahrungen mit den anderen. Sie ist dort die Älteste. Was passiert, wenn sie einmal abhängig wird, fragt sie sich. Wer hilft? „Ich habe mir zwei Menschen (von insgesamt knapp 40) ausgesucht“, berichtet sie. „Die sagten sofort: ja. Und ein Dritter hat sich auch noch gemeldet.“

Vielleicht gewinnt nicht nur das Älterwerden in Gemeinschaft an Schönheit.

Einblick in Konzepte des Umgangs mit dem
Älterwerden gibt es bei den Gemeinschaften:

Lebenstraum Jahnishausen
info@ltgj.de
Hofgemeinschaft Lübnitz
An-Yue@web.de
Lebensgarten Steyerberg
infopoint@lebensgarten.de
Gemeinschaft Sulzbrunn
Telefon 0 83 76 / 9 29 49 49
Schloss Tempelhof
info@schloss-tempelhof.de

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