Religion Christustag: Das Bibelwissen nimmt ab

Von links: Pfarrer Theo Uhr (Glocke), Andrea Bleher (Landessynodaler  Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“), Clemens Hägele (Leiter Albrecht-Bengel-Haus Tübingen), Wilbirg Rossrucker (Leiterin Hoffnungshaus) und Pfarrer Matthias Bilger (Westheim).
Von links: Pfarrer Theo Uhr (Glocke), Andrea Bleher (Landessynodaler Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“), Clemens Hägele (Leiter Albrecht-Bengel-Haus Tübingen), Wilbirg Rossrucker (Leiterin Hoffnungshaus) und Pfarrer Matthias Bilger (Westheim). © Foto: Matthias Imkampe
Jesus verbindet“ / Matthias Imkampe 02.06.2018
Ein abwechslungsreiches Programm bietet der Christustag in der Glocke in Hall. Der Umgang mit Homosexualität und der Glaube stehen im Mittelpunkt.

Jesus verbindet“ – Unter diesem Motto trafen sich an Fronleichnam Christen zum Christustag in der Glocke in Schwäbisch Hall. Veranstaltet von der landeskirchlichen Gruppierung „Lebendige Gemeinde“ an insgesamt 17 Orten im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Schwäbisch Hall hatte ein abwechslungsreiches Programm zu bieten: Formal mit dem Posaunenchor Bibersfeld, der Band Reasone aus Westheim in ein Gottesdienstformat eingebettet, gestaltete der Direktor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen, Dr. Clemens Hägele, die Bibelarbeit – man könnte auch sagen: die Predigt.

Verletzungen und Wunden heilen

Ausgehend von einem Abschnitt aus dem Johannesevangelium, fragte er, warum wir bei vielen alltäglichen Problemen einen Experten zu Rate ziehen würden, ausgerechnet aber beim Glauben, „jeder sein eigenes Gläub’le“ habe. Er beklagte, dass selbst unter den sogenannten „Frommen“ häufig das Bibelwissen abnehme, obwohl doch „dieses dicke Buch“ – also die Bibel, von uns Menschen niemals ausgelernt werde. Seine Kernaussage: „In und durch Jesus Christus bescheint Gottes Licht unsere Verletzungen und Wunden und macht sie heil.“

Nach einer Pause der Begegnung berichtete die Synodale Andrea Bleher aus der Arbeit der Landessynode.

Zum Thema „Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften“, wo die Einführung einer neuen Amtshandlung aufgrund von zwei fehlenden Stimmen die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht erreichte, fragte sie selbstkritisch: „Wie gehen wir mit homosexuellen Menschen um?“ und inwiefern man Schuld auf sich geladen habe, weil man Menschen ausgegrenzt habe. Weiter berichtete sie von dem abgeschlossenen Reformationsjubiläum und dass bei aller kritischen Reflexion doch bemerkenswert sei, dass Luther in der Öffentlichkeit medial sehr präsent war.

Die sicher höchste Aufmerksamkeit am Haller Christustag hatte die Leiterin des Hoffnungshauses in Stuttgart, Wilbirg Rossrucker. Der Hintergrund: Vor einiger Zeit bekamen die Apis (Altpietisten) ausgerechnet im Stuttgarter Rotlichtviertel ein Haus für dringend gesuchte Möglichkeiten zur Bildung von Wohngemeinschaften für junge Erwachsene zur Miete angeboten. Klar war: „Hier kann keine normale WG einziehen, aber vielleicht ruft uns Gott gerade in dieses Viertel!“

Schutzraum und Ruhe

Seit Juli 2016 ist nun das Hoffnungshaus an drei Tagen in der Woche geöffnet und bietet Prostituierten einen Schutzraum und einen Ort an, um zur Ruhe zu kommen. Beeindruckend, wie Wilbirg Rossrucker unaufgeregt und offen über ihre vielfältigen Erfahrungen mit den Besucherinnen des Hoffnungshauses erzählt, die „zu 100 Prozent traumatisiert sind“. Ihr und allen Mitarbeitern des Hoffnungshauses sei es wichtig, ausgehend vom christlichen Menschenbild jeder Besucherin in Respekt und Würde zu begegnen. Einen möglichen Einwand, wie man in diesem Milieu den christlichen Glauben vermitteln könne, beantwortete sie mit einem Papst-Franziskus-Zitat: „Sprich von deinem Glauben, manchmal auch mit Worten.“ Glaubwürdig und authentisch erzählte sie von vielen Verletzungsgeschichten, die der zahlreich erschienenen Gemeinde in der Glocke ganz anderen Lebenswirklichkeiten sehr nahe brachten.

Gelebter Glaube stellt sich auch großen Herausforderungen. „Jesus verbindet“ also zunächst einmal Menschen, die nicht unmittelbar etwas miteinander zu tun haben, aber er heilt auch zerbrochene und kaputte Lebensentwürfe. „Schön wäre es, wenn wir unser Haus schließen könnten, weil man uns nicht mehr braucht.“ So schloss Wilbirg Rossrucker.

In der unerlösten Welt wird das vermutlich noch eine Weile dauern und doch setzte der Haller Christustag Zeichen der Hoffnung, dass Gottes Liebe für diese Welt eine ganze Menge bewirken kann.

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