Ulm Ekel-Postkarten: Sprachwissenschaftler analysiert Text

Die Postkarten wurden im Ulmer Stadtgebiet verteilt.
Die Postkarten wurden im Ulmer Stadtgebiet verteilt. © Foto: swp
Ulm / Jana Zahner 10.01.2019
Derzeit werden in Ulm Postkarten mit den Bildern der in Marokko getöteten Studentinnen verteilt. Ein Experte für Rhetorik der Uni Tübingen hat sie sich für uns angesehen.

Seit dem Jahreswechsel werden in Ulmer Briefkästen immer wieder Postkarten eingeworfen, die Bilder der in Marokko ermordeten Studentinnen aus Norwegen und Dänemark zeigen. Der Einwurf gibt vor, ein Urlaubsgruß von Angela Merkel aus Marrakesch zu sein, wo am 10. Dezember der UN-Migrationspakt geschlossen wurde. Der Text macht sich in zynischer Weise über die ermordeten Mädchen lustig, von denen eine sich angeblich vor ihrem Tod bei Facebook gegen Islamophobie ausgesprochen haben soll.

Professor Dr. Dietmar Till ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. Er forscht unter anderem zum Thema populistische Sprache und Argumentation. Er hat für die SÜDWEST PRESSE den Text der Postkarte analysiert.

„Da steckt unglaublich viel Menschenverachtung drin“, sagt Till nach Betrachtung des Schriftstückes.

Für den Dozenten stellt der Inhalt der Postkarte Propaganda dar. Propaganda definiert der Sprachwissenschaftler als eine Form der Rhetorik, der es um die gezielte Manipulation des Angesprochenen geht. Anhand der angesprochenen Themen – UN-Migrationspakt, Islam, Terror und der abschätzig als „Mutti“ bezeichneten Bundeskanzlerin Angela Merkel – lasse sich der Verfasser dem rechten, beziehungsweise rechtspopulistischen Spektrum zuordnen.

Für Till hat die Erforschung der Argumentationsstrategien rechts- und linksextremistischer Propaganda einen wichtigen Nutzen: „Wenn man versteht, wie die Taktiken solcher Texte funktionieren, wird man immun gegen sie.“ Gerade angesichts der Möglichkeiten politischer Manipulation in den sozialen Netzwerken sei eine gesellschaftliche Aufklärung darüber nötig.

Die Postkarte als Mittel der politischen Beeinflussung hält er in der heutigen Zeit für ungewöhnlich. „Vielleicht greift man hier bewusst auf das alte Medium zurück, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine Karte im Briefkasten macht neugierig und wird nicht weggeklickt.“

Die Aufmachung des Flyers als Urlaubs-Postkarte von Angela Merkel mit der Anrede „Hallo Ihr Lieben!“ und der verspielten Handschrift solle niedrigschwellig und einladend auf den Leser wirken. Auf den ersten Blick werde der Text so nicht als politische Botschaft kenntlich.

Als Kontrast mit Schockwirkung wirkten dagegen die Bilder der beiden getöteten Studentinnen auf der Vorderseite. Die abstrakte Thematik des Migrationspaktes werde so mit einer eindeutigen negativen hochemotionalen Botschaft verknüpft. „Die Karte operiert gegen die Rationalität des Betrachters.“ Die schrecklichen Bilder blieben haften und schürten gezielt Angst. Dem Leser werde suggeriert: „Der Migrationspakt ist gefährlich für Deutschland und Merkel weiß es eigentlich selbst.“ Der Transport von Verschwörungstheorien, die Überschreitung von Anstandsgrenzen und das gezielte Ansprechen von Emotionen sieht Till als typische Argumentationsstrategien rechter Propaganda.

Die Polizei ermittelt zum Fall und bittet darum, erhaltene Karten unter der Nummer 0731-1880 zu melden.

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