Die Hechinger kannten sie als die Frau mit dem Chopper-Fahrrad. Immer trug sie einen Hut, eine dunkle Sonnenbrille und ganz viel metallischen Modeschmuck. Eine Zeitlang saß ein Äffchen auf ihrer Schultern, wenn sie durch die Stadt zog.

Gerne inszenierte sie sich als Rebellin

Gerne inszenierte sie sich als moderner Don Quijote, als Rebellin, die auch mal ins Rathaus stürmte und damit drohte, das Mobiliar zu zertrümmern. Ihren Anträgen auf behördliche Hilfe war solches Gehabe nicht zuträglich. Brigitte S., 64 Jahre alt, einstmals Betreiberin eines Nähstübchens in der Unterstadt, später zeitweise obdachlos, war ein Unikum, ein bunter Tupfer im Stadtbild, aber auch eine Frau, die nach diversen Schicksalsschlägen ganz an den untersten Rand der Gesellschaft gerutscht war.

Polizisten machen grausige Entdeckung

Jetzt ist sie tot. Oder schlimmer: Sie ist seit Wochen, vielleicht sogar schon seit Monaten tot – und keiner hat sie vermisst. Einer schließlich doch: Ihr Sohn, der seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter gehabt hatte, verständigte vergangene Woche die Polizei. Die Beamten suchten Brigitte S. an ihrer Wohn­adresse in einer städtischen Obdachlosenunterkunft in der Hechinger Steinäckersiedlung – und machten eine grausige Entdeckung: Sie fanden in der erbärmlichen Baracke eine Frauenleiche, die dem Augenschein nach schon seit sehr langer Zeit unbemerkt dort lag.

Jetzt ist die Wohnung amtlich versiegelt

Seither ist die Wohnung amtlich versiegelt. Es läuft, wie Dr. Philipp Wissmann, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hechingen, gegenüber der HZ bestätigte, ein „Todesermittlungsverfahren“. Das ist eine Routinehandlung bei einem Leichenfund dieser Art. Geklärt werden soll, ob Brigitte S. eines natürlichen Todes gestorben ist, ob sie sich vielleicht das Leben genommen hat, oder ob es sich womöglich um ein Tötungsdelikt handelt. Die polizeilichen Ermittlungen führt das Kriminalkommissariat Balingen. Christian Wörner, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen, gab am Dienstag auf Nachfrage einen Zwischenstand: „Bislang gibt es keine Hinweise auf eine Beteiligung Dritter.“ Im Klartext: Es ist – Stand jetzt – eher unwahrscheinlich, dass in der Steinäckersiedlung, unweit von Bahnlinie und Gaskessel, ein Verbrechen passiert ist.

Unschönes Schlaglicht auf Armut und Randständigkeit

Wie auch immer: Der leise Tod der Brigitte S. wirft ein unschönes Schlaglicht auf Armut und Randständigkeit in einer wohlhabenden hohenzollerischen Kleinstadt. Bezahlbarer Wohnraum ist in Hechingen knapp geworden. Das war in den vergangenen Monaten auch im Gemeinderat immer wieder ein Thema. Auch an Sozialwohnungen herrscht Mangelware. Dass die Baracken an der Bahnlinie, von denen eine der Brigitte S. als letzte Wohnstätte diente, nicht mehr als eine Notlösung sind, ist auch Bürgermeister Philipp Hahn bewusst. Von der HZ am Dienstag auf das Thema angesprochen, sagte der Rathaus­chef: „Mittelfristig werden wir die Baracken zweifellos abreißen.“ Wegen ihres baulichen Zustandes seien sie „auf Dauer nicht für die Unterbringung von Menschen geeignet“.
Brigitte S. empfand das auch so, als sie 2015 in der städtischen Obdachlosenwohnung einzog. „Ich kann hier doch nicht für den Rest meines Lebens bleiben“, sagte sie damals. Musste sie schließlich doch.

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