Staatsanwalt Philipp Wissmann sprach von einem „überfallartigen“ Angriff. Die Vorsitzende Richterin, Amtsgerichtsdirektorin Irene Schilling, stellte in der Urteilsbegründung fest, die Tat sei „in ihrer Dynamik wirklich erschütternd“ gewesen.

In Anbetracht dieser Einschätzung und der einschlägigen Vorstrafen des 21-jährigen Angeklagten fiel am Montag am Amtsgericht Hechingen das Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung dann aber doch recht glimpflich aus: acht Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Außerdem muss der 21-Jährige Schmerzensgeld an die Geschädigten bezahlen.

Angeklagter schweigt

Der Angeklagte schwieg, überließ seinem Anwalt, Daniel Mahler, das Wort und zeigte auch während der Urteilsverkündung keinerlei Regung, geschweige denn eine Geste der Entschuldigung in Richtung der drei jugendlichen Geschädigten.

Was war geschehen? Am Abend des 19. Oktober 2019 saßen die drei Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 16 Jahren in einem VW-Bus, hörten zum Zeitpunkt des Geschehens, wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellte, den Titel „Kein Plan“ von dem Rap-Duo „Loredana & Mero, warteten auf die Mutter eines Geschädigten, die sie vom Fußballtraining abgeholt hatte, und jetzt gegenüber des Parkplatzes noch etwas zum Essen einkaufte. Der Parkplatz in der Hechinger Unterstadt, auf dem der Van stand, befand sich direkt von dem Laden der Verlobten des Angeklagten.
Plötzlich müssen sich die Ereignisse überschlagen haben,  wie aus der Anklageschrift des Staatsanwalts hervorging: Ein weißer BMW sei vor den Bus gefahren, zwei Männer seien ausgestiegen. Einer der beiden Männer, der 21-jährige Angeklagte, habe gegen die Fensterscheibe geschlagen, anschließend die Schiebetür aufgerissen und mit der Begründung „Warum habt ihr meine Frau beleidigt?“ unvermittelt zugeschlagen. Einem der Jugendlichen habe er  einen Kopfstoß verpasst. Ein zweiter wäre fast von einem Faustschlag im Gesicht getroffen worden, wäre er nicht ausgewichen. Nur dem dritten Jugendlichen sei die Flucht aus dem Bus gelungen.

Angst und Schlafstörungen

Das Ergebnis der Attacke: Eine gebrochene Nase und anhaltende Nackenschmerzen als Folge des Kopfstoßes und eine leichte Gesichtsverletzung nach dem Faustschlag. Was aber schwerer wiegt als die körperlichen Schäden sind nach Angaben aller drei Geschädigten die psychischen Störungen. „Ich habe Angst, im Dunkeln auf die Straße zu gehen, und habe Schlafstörungen“, sagte der vom Kopfstoß betroffene 15-jährige Jugendliche. Ähnliche Symptome nannten auch die beiden anderen Jugendlichen. Einer der Geschädigten berichtete, dass der Begleiter des 21-Jährigen schlichtend eingegriffen habe. „Wenn der ihn nicht festgehalten hätte, wer weiß, was noch mehr hätte passieren können“, so der 16-Jährige.

Warum die Situation derart eskalierte, konnten sich die Jugendlichen nicht erklären. „Wir haben keine Frauen beleidigt“, kam unisono bei ihrer Zeugenvernehmung zum Ausdruck. Dem Protokoll nach hatte die  Verlobte des Angeklagten kurz vor dem Vorfall zusammen mit zwei anderen Frauen das Ladengeschäft verlassen.

Freiheitsstrafe auf Bewährung

Staatsanwalt Philipp Wissmann hatte keinen Zweifel an den Aussagen der drei Jugendlichen. Durch die Attacke, vor allem die psychischen Folgen, seien die drei Jugendlichen „in ihrer Lebensführung nachhaltig beeinflusst worden“. Der Angriff sei „überfallartig“ gewesen. Es gebe zwar keinen endgültigen Nachweis, ob eine oder mehrere Frauen durch die Jugendlichen beleidigt worden seien. Aber der Angeklagte hätte in keinem Fall auf die geschilderte Weise reagieren dürfen. „In Deutschland gibt es keine Selbstjustiz“, hob Wissmann in seinem Plädoyer hervor. Der Staatsanwalt plädierte wegen vorsätzlicher Körperverletzung sowie versuchter Körperverletzung auf eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf sechs Monate Bewährung, einen Antiaggressionskurs sowie eine Entschädigungszahlung an die Jugendlichen.

Selbst der Verteidiger stellte in seinem Plädoyer fest, dass die Tat des Angeklagten „grundsätzlich zu verurteilen“ sei. Allerdings bezweifelte er die Schwere der psychischen Folgen für die Geschädigten. Die Schilderungen seien zu „drastisch“. Außerdem plädierte er dafür, den 21-Jährigen nach dem Jugend- und nicht nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Für ihn sei sein Mandant „ein großes Kind“.
Nach einer dreieinhalbstündigen Verhandlung lautete das Urteil auf acht Monate Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Körperverletzung, und zwar nach dem Erwachsenenstrafrecht. Allerdings wurde die Strafe zu einer dreijährigen Bewährungszeit ausgesetzt. Zudem muss der Beschuldigte an einem Antigewaltkurs teilnehmen und eine Entschädigung an die drei Geschädigten in Höhe von 600 Euro bezahlen.

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