Kreis Göppingen Unwetter hält Rettungskräfte auf Trab

Kreis Göppingen / RUW/KRIB/SAS/ZEE 12.06.2018
Stundenlange Einsätze beschwerte ein Unwetter den Rettungskräften am Montagabend im Landkreis Göppingen. Der Regen überflutete Straßen und Keller.

Das Unwetter, das sich am Montag gegen 17 Uhr über dem Kreis Göppingen und der Region entwickelte, hielt die Feuerwehren auf Trab. Im Einsatz waren nach Angaben des Landratsamts insgesamt 20 Feuerwehren mit 89 Fahrzeugen und fast 600 ehrenamtlichen Feuerwehrangehörigen aus dem gesamten Landkreis. Bis 21 Uhr soll es nach Polizeiangaben bereits rund 30 Einsätze im Kreis Göppingen gegeben haben.

Leitstelle verstärkt

Aufgrund des hohen Einsatzaufkommens innerhalb kürzester Zeit, alarmierte der Kreisbrandmeister den Führungsstab des Landkreises Göppingen in die Hauptfeuerwache Göppingen. Dort wurde auch die Leitstelle von drei auf zehn Disponenten aufgestockt, um das erhöhte Notrufaufkommen zu bewältigen, so das Landratsamt.

Gegen 17.15 Uhr rückten die ersten Feuerwehren im Landkreis Göppingen wegen des Unwetters ins Obere Filstal aus. Im weiteren Verlauf zog das Unwetter über weite Teile des Landkreises. Besonders betroffen waren die Wehren im Schurwald und in den Bereichen Göppingen, Uhingen und Ebersbach mit den angrenzenden Gemeinden.

Keller laufen voll Wasser

Neben vollgelaufenen Kellern, Garagen und Tiefgaragen waren vielerorts die Entwässerungssysteme überlastet, so dass es immer wieder zu enthobenen Kanal- und Gullydeckeln, zu durch Unrat verstopften Abläufen und stellenweise zu bis zu 50 Zentimeter hoch überfluteten Straßen kam. Stellenweise drückte das Wasser aus den Abwasserkanälen in die Gebäude. Neben der unmittelbaren Gefahrenbekämpfung installierte die Feuerwehr teilweise vorbeugend stationäre Hochwasserschutzsysteme wie sogenannte Spundwände.

Bedroht von den teilweise sintflutartigen Wassermassen waren auch mehrere Heizöllagerräume. Hier drohte ein Aufschwemmen der Tanks. Das Austreten von Heizöl konnte durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehren vor Ort in allen Fällen erfolgreich verhindert werden, teilt das Landratsamt mit.

In einem Galvanikbetrieb in Salach konnte das Eindringen von Oberflächenwasser in ein säurehaltiges Eloxalbecken abgewehrt werden.

B 10 überflutet

Die B 10 war am Montagabend stellenweise überflutet und es gab Unfälle. Wegen des Starkregens verlor um 18.35 Uhr ein 27-jähriger Autofahrer in Fahrtrichtung Ulm zwischen den Anschlussstellen Göppingen Mitte (Berufschulzentrum) und Göppingen (Rieger) die Kontrolle über seinen Wagen, geriet gegen einen herausstehenden Kanaldeckel und krachte kurz nach dem Tunnel gegen die Betonwand. Der Fahrer wurde nicht verletzt, an dem Wagen entstand Totalschaden von 20.000 Euro. Die ersten Notrufe von der B 10 zwischen Reichenbach/Fils und Ebersbach gingen laut Polizeisprecher Uwe Krause dann gegen 18.41 Uhr ein. An der Anschlusstelle Ebersbach bildete sich in Fahrtrichtung Göppingen Hochwasser auf der rechten Fahrspur. Die Straßenmeisterei stellte Anzeigetafeln mit Tempo 80 auf und wies auf die Hochwassergefahr hin, der Verkehr wurde über die Standspur geleitet.

Bis 20 Uhr hatte sich das Wasser auf der Bundesstraße auch in die Gegenrichtung aufgestaut. Eine 25-jährige Autofahrerin geriet wegen des Wassers in Fahrtrichtung Stuttgart gegen 20.03 Uhr mit ihrem Wagen mehrfach rechts in die Leitplanke. Sie wurde nicht verletzt, es entstand ein Schaden am Auto von 2500 Euro. Ein 30-Jähriger geriet um 20.30 Uhr in Richtung Stuttgart bei Ebersbach wegen Aquaplaning in die Mittelleitplanke. An dem Wagen entstand Totalschaden von 13.000 Euro, so die Polizei.

Bäume stürzen um

Wegen des heftigen Gewitters fiel in Amstetten in vielen Gebäuden der Strom aus. Vereinzelt waren Bäume auf Mittelspannungsleitungen gestürzt. Laut Pressestelle des Albwerks waren vor allem der Bahnhof und das Dorf von den Stromausfällen betroffen. Gleiches gilt jedoch auch für die Orte rund um Amstetten. Mitarbeiter des Albwerks hatten mit Umschaltungen und Reparaturen des Stromnetzes in den Abendstunden bis 21 Uhr für Besserung gesorgt. In Gerstetten-Sontbergen war ab 23.30 Uhr ein Stromaggregat zum Einsatz gekommen.

So sah es am Geislinger Bahnhof aus:

Wassermassen im Schurwald

In Adelberg wurde der Außenbereich der Zachersmühle überflutet. Auch der Hofladen sei vollgelaufen, berichtet Inhaberin Angelika Holzer. Am Dienstagmorgen dauern die Aufräumarbeiten dort noch an. Alles sei sehr schnell gegangen. „Innerhalb von zehn Minuten war das Wasser da“, erzählt Holzer.

Ein Besucher wurde von dem Unwetter überrascht und hat die Wassermassen gefilmt:

In Wäschenbeuren gingen 18 Meldungen über vollgelaufene Keller bei der örtlichen Feuerwehr ein. Diese holte sich Hilfe vom Löschzug Maitis. Insgesamt waren in Wäschenbeuren fünf Fahrzeuge und 55 Personen im Einsatz.

Auch in Birenbach verzeichnet man Schäden. Im öffentlichen Bereich wurden hauptsächlich Wege unterspült. „Wir können noch keine Schadenssumme benennen. Wir haben das vorhin aufgenommen und müssen das einen Ingenieur schätzen lassen“, erklärt Bürgermeister Frank Ansorge. Weiterhin seien Einläufe und Verdohlungen teilweise extrem ausgespült und verstopft worden, was zum Übertreten des Wassers geführt habe. Die Säuberungs- und Räumarbeiten im Ort dauern am Dienstagmorgen noch an. Auch private Schäden habe es zahlreiche gegeben. „In erster Linie sind Gebäude, Keller und Garagen vollgelaufen. Auch die Landwirte haben Schäden zu verzeichnen“, berichtet Ansorge. Zudem wurden verschiedene Bäume durch Bruch beschädigt.

Zu Rund 30 Einsätzen musste die Feuerwehr in Wangen ausrücken. Von den Feldern am Pfarrberg drangen große Wassermassen in den Ort. Die Ortsmitte stand unter Wasser, ebenso eine Tiefgarage, der Eingangsbereich des Rathauses sowie das Untergeschoss des Feuerwehrhauses.

Auch in Rechberghausen wird die Lage am Montagabend als „dramatisch“ beschrieben. 17 Mal rückte die Wehr aus. „Nur dank des vorbildlichen Einsatzes unseres Bauhofes und vieler freiwilliger Helfer gelang es im Bereich „Unteren Mühle“ durch den Aufbau des Hochwasserschutzes Schlimmeres zu verhindern“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gemeinde.

Schwere Unwetter haben auch in der Innenstadt in Lorch für chaotische Verhältnisse gesorgt. Hauseingänge standen unter Wasser, zahlreiche Keller waren vollgelaufen. „Teilweise bis unter die Decke“, berichtet ein Anwohner. Stellenweise sei das Wasser während der heftigen, rund zweistündigen Schauer in der Ortsmitte auf etwa 40 Zentimeter angestiegen.

Auch auf den innerörtlichen Straßen herrschte aufgrund der Wassermassen das pure Chaos. Für Autos gab es kaum ein Durchkommen. Teilweise standen Fahrzeuge sogar einen halben Meter tief im Wasser. Außerdem war die B 29 in Richtung Schwäbisch Gmünd und Waldhausen nicht mehr befahrbar.

Überflutung im Unteren Filstal

„Land unter“ hieß es auch in Ebersbach in der Herdfeldstraße im Stadtteil Weiler. „Dort lief eine Straßensenke komplett voll“, berichtet der zweite stellvertretende Kommandant Peter Fritz. An 20 Stellen war die Wehr im Einsatz, vor allem viele Keller mussten ausgepumpt werden. Die Straße zwischen Roßwälden und Notzingen musste gesperrt werden, weil wegen der starken Regenfälle ein Acker auf die Straße abgerutscht war. Auch der städtische Bauhof musste beim Räumen helfen.

Glück hatte Uhingen, dort blieb das Hochwasser diesmal im Rahmen, berichtet Kommandant Erwin Frasch. Die 60 Einsatzkräfte hätten zwar auch Keller auspumpen müssen, doch oft konnten Vorsichtsmaßnahmen wie Dämme aus Sandsäcken das Schlimmste verhindern.

Der Sportplatz im Hermann-Traub-Stadion des VfB Reichenbach/Fils hatte sich am Abend um 22 Uhr in eine fast geschlossene Wasserfläche verwandelt. Wasser und brauner Schlamm standen an manchen Stellen über einen halben Meter hoch, berichtete Lothar Mahling, der Vorsitzende des VfB-Freundeskreises. Der Platz ist vorerst unbenutzbar, der Trainingsbetrieb bis auf weiteres abgesagt. Auch der Kunstrasenplatz erlitt Schäden, teilt der Verein mit.

Wassermassen aus dem oberhalb liegenden Schlatsee überfluteten gegen 19 Uhr zunächst einige Räume im Vereins- und Gaststättengebäude „Schlatstube“, das derzeit renoviert wird. „Die Freiwillige Feuerwehr war minutenschnell zur Stelle und sicherte den überlaufenden Ölheizungskeller“, zeigte sich Mahling erleichtert. „Vorstandsmitglieder halfen dabei, die Schäden an Haus und Kabinentrakt so gering wie möglich zu halten.“

Fische ins Stadion gespült

Machtlos war man allerdings gegen die Fluten, die drei Stunden später das noch am Mittag frisch gepflegte Spielfeld komplett bedeckten. Sogar Fische waren mit den Wassermassen unfreiwillig ins Stadion „umgesiedelt“ worden, sodass sich allein die Reiher über Beute freuen konnten, berichtet der Freundeskreis-Vorsitzende.

Völlig unklar sei derzeit, wann das Spielfeld und der Kunstrasenplatz wieder genutzt werden können, sagt Mahling. Zwar sei die Fußball-Saison der Frauen- und Männermannschaften am Sonntag beendet worden, nicht aber die der Jugendmannschaften.

Die übrige Gemeinde Reichenbach kam glimpflich davon: „Wir kennen unser Gebiet inzwischen sehr gut und konnten deshalb die neuralgischen Punkte rechtzeitig sichern“, verriet Andreas Nitsch von der Reichenbacher Feuerwehr. 

Der Nachbarort Hochdorf hatte mit besonders gewaltigen Wassermassen zu kämpfen. In einer Tiefgarage in der Bachstraße und in einigen Kellern stand das Wasser bis zur Decke, weshalb die dortige Wehr das THW um Unterstützung durch eine große Lenzpumpe bat. 600.000 Liter Wasser waren allein in die Tiefgarage geflossen, berichtet Kommandant Peter Schmid.

Strom abgeschaltet

Weil das Wasser so hoch in den Kellern stand, schaltete die Feuerwehr in rund einem Dutzend Häuser den Strom ab, um gefahrlos auspumpen zu können. Auch das Feuerwehrmagazin selbst war bedroht, konnte jedoch dank Folien, Sandsäcken und rechtzeitigem Pumpen vor der Überflutung bewahrt werden. Betroffen waren auch der Obeswiesenweg, die Hanglagen im Gebiet Hoylerbett und das Industriegebiet. Die Hochdorfer Wehr forderte Überlandhilfe an, sodass zu den 45 eigenen Einsatzkräften 75 Kameraden benachbarter Wehren kamen. 

Dramatische Lage in Kirchheim

Besonders dramatisch war die Lage auch in Kirchheim. Ein 81-jähriger Autofahrer blieb am Montag gegen 19.45 Uhr in einer Unterführung in der Hegelstraße im Hochwasser stecken. Er konnte sich nicht befreien und musste tatenlos zuschauen, wie das Wasser bis kurz unter die Fahrzeugdecke stieg. Im letzten Moment konnten ihn Polizeibeamte befreien, indem sie mit einem Nothammer eine Scheibe einschlugen. Der 81-Jährige blieb unverletzt, ein Beamter verletzte sich leicht. Auch zwei Unterführungen bei den Autobahnanschlusstellen Kirchheim-West und Kirchheim-Ost waren geflutet und es mussten mehrere Fahrzeuge geborgen werden.

Wasser in der Medius-Klinik

In der Kirchheimer Medius-Klinik lief am Abend Wasser in die Technikräume und in eine Tiefgarage. „Die Feuerwehr hat superschnell reagiert und war gegen 23 Uhr mit den Aufräumarbeiten schon fertig“, berichtet Pressesprecher Jan Schnack. Dennoch kam es zu einem Kurzschluss mit Stromausfall im Bereich der Küche, der bis zum Dienstagmorgen behoben war, sodass es zu keinen Auswirkungen im Krankenhausbetrieb gekommen sei.

Am Dienstagnachmittag hatte die Stadt Kirchheim noch keinen abschließenden Überblick über die Schäden. „Hier fielen 144 Liter Wasser pro Quadratmeter“, hat Pressesprecher Dennis Koep erfahren, „das sind schon tropische Dimensionen.“ Allein im Innenstadtbereich gab es 100 Einsatzstellen, die Wehren forderten Überlandhilfe und Unterstützung vom THW an und waren trotzdem bis morgens um 2.30 Uhr im Einsatz. Im Stadtteil Ötlingen wurden sogar am Dienstag noch Keller ausgepumpt.

Im Landkreis Göppingen zeichnete sich gegen 22 Uhr eine erste Entspannung der Unwetterlage ab. Die Feuerwehren waren jedoch zum Teil bis weit nach Mitternacht beim Abarbeiten der noch verbleibenden Einsatzstellen, erklärte das Landratsamt am Dienstag.

Weitere Unwetter erwartet

Laut des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sind auch noch bis Mittwochnacht mit schweren Unwettern im Landkreis Göppingen zu rechnen. Der DWD warnt vor heftigem Starkregen und stürmischen Böen um 75 km/h. Auch Hagel kann auftreten.

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