Es war ein warmer Septembertag, als sich auf einem Pferdehof außerhalb einer Kreisgemeinde der Vorfall ereignete, der einen 54-jährigen ledigen Mann jetzt auf die Anklagebank des Göppinger Amtsgerichts brachte. Als sexuellen Missbrauch von Kindern wertete der Staatsanwalt Michael Bischofberger die Tat, die er so beschrieb: Der Mann, der keinen Schulabschluss und keine Ausbildung hat und auf dem Pferdehof als Stallbursche aushalf, soll sich an jenem Tag einem damals neunjährigen Mädchen genähert haben. Das Mädchen trug sommerliche Kleidung und ruhte sich im Stroh aus.

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Sexuelle Berührungen auf Pferdehof

In der Hosentasche hatte der Mann zwei alte Kunststofffiguren. An den Figuren waren die männlichen beziehungsweise weiblichen Geschlechtsorgane so ausgebildet, dass man sie zusammenstecken konnte, so dass es  laut Staatsanwalt „dem vaginalen Geschlechtsverkehr nachempfunden ist“. Diese pornographischen Figuren führte der Mann dem Kind vor und sagte: „Du und ich, wir zwei“. Als das Mädchen daraufhin vorgab, zur Toilette zu müssen und davon ging, soll der Mann das Kind an Oberschenkel und Bauch berührt haben. Die Eltern, denen das Mädchen den Vorfall anschließend berichtete, stellten den 54-Jährigen zur Rede und gingen zur Polizei.

Verhandlung erst nach vier Jahren

Das besondere an dem Fall: Die Tat liegt fast vier Jahre zurück. Seither leben Täter und Opfer in der Ungewissheit, was daraus wird. Nun also kam es zur Verhandlung. Den langen Zeitraum bezeichnete der Richter Heiner Buchele als „rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung“, nahm dies aber auf seine Kappe. Zuerst verzögerte offenbar ein Glaubwürdigkeitsgutachten der Neunjährigen, das letztlich doch nicht zustande kam, die Prozesseröffnung. Dann seien immer wieder dringende Haftsachen dazwischen gekommen.
Vor Gericht stritt der Mann nun, vier Jahre später, die Vorwürfe zunächst ab. „Stimmt alles nicht“, sagte er leise. Die Figuren habe er nie gesehen, das Kind kenne er flüchtig. An einen Streit könne er sich nicht erinnern.

Zögerliches Geständnis im Gerichtssaal

Der Verteidiger des Angeklagten bat um eine Sitzungsunterbrechung, um auf seinen Mandanten einzuwirken. Danach schilderte der 54-Jährige, die Figuren seien ihm lediglich aus der Hosentasche gefallen. Das Mädchen habe sie sich geschnappt. Trotz Nachbohrens blieb er zunächst dabei. „Das klingt alles nicht sehr glaubwürdig“, fand Buchele. Er redete dem Angeklagten zu: „Es reißt ihnen heute niemand den Kopf runter.“ Sollten die Vorwürfe zutreffen und er sie gestehen, bliebe dem Teenager die Vernehmung vor Gericht erspart, mahnte der Richter. Nach einer weiteren Sitzungsunterbrechung und dem Hinweis des Verteidigers, dass sein Mandant „wahnsinnige Angst habe, die Sache auszusprechen“, nickte der Angeklagte auf erneute Nachfrage mit dem gesenkten Kopf. „Ja, es stimmt“.
Dem Opfer blieb die Vernehmung erspart. Die Mutter des Mädchens schilderte als Zeugin, dass ihre Tochter nach der Tat zunächst sehr ängstlich war und nicht mehr in den Stall gehen wollte. Mittlerweile wolle sie aber damit abschließen. Besondere Auffälligkeiten gebe es nicht mehr.

Geldstrafe am unteren Ende der Skala

Das habe sich in den Akten noch anders dargestellt, meinten Staatsanwalt und Richter. Doch die offenbar geringen Spätfolgen wertete das Gericht nun ebenso strafmildernd wie das unbescholtene Vorleben des Arbeiters. Staatsanwalt und Verteidiger sahen das Vergehen an der Untergrenze dessen, was noch strafbewehrt ist. Dennoch sieht das Gesetz mindestens eine dreimonatige Haftstrafe für sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Für diese Mindeststrafe plädierte der Staatsanwalt. Unter sechs Monaten kann eine Freiheitsstrafe aber unter bestimmten Voraussetzungen in eine Geldstrafe umgewandelt werden. Und so kam es auch. 90 Tagessätze zu je 50 Euro muss der Mann bezahlen. 30 Tagessätze gelten aber wegen der rechtsstaatswidrigen Verfahrensverzögerung als verbüßt.

Stuttgart/Göppingen