Göppingen / Kristina Betz  Uhr
Am 27. April kam es zu einer brutalen Schlägerei am Göppinger Bahnhof. Mehrere Männer schlugen auf ihr am Boden liegendes Opfer ein. Ein Helfer schildert, was passierte und weshalb es bis heute keinen Zeugenaufruf gab.

Der Zug ist voller Fußballfans und Wasenbesuchern, als Heiko S. (Name von der Redaktion geändert)* am 27. April von Stuttgart nach Göppingen fährt. An diesem Samstag fand das Heimspiel des VFB gegen Gladbach statt. Außerdem war es das Eröffnungswochenende des Wasen in Bad Canstatt. Heikeo S.´ Freunde sind bereits ausgestiegen, als er pünktlich um 23.09 Uhr am Göppinger Bahnhof einfährt. Bereits beim Aussteigen aus dem oberen Stock des Zuges hört er, wie jemand ruft „Lasst ihn in Ruhe“. Heiko S. ist alarmiert.

Männer schlagen auf am Boden liegendes Opfer ein

Als er auf den Bahnsteig tritt, hört er Gebrüll und bemerkt eine Schlägerei in der Nähe der Treppe zur Unterführung. „Mehrere Männer traten auf einen am Boden liegenden Mann ein“, schildert Heiko S. die, wie er selbst sagt, brutale Szene. Dieser habe gefährlich nahe am Gleisbett gelegen. „Ich dachte: Noch zwei kräftige Tritte und der fällt auf das Gleis“. Ohne viel nachzudenken sei er zu den Männern geeilt und habe einen der Täter von hinten an die Schulter gefasst. „Ich habe ihm gesagt, er soll den Mann in Ruhe lassen“, schildert Heiko S. Doch der Täter ging stattdessen auch auf den Helfer los. Drei bis vier Faustschläge trafen den 34-Jährigen im Gesicht. „Ich habe gemerkt: Ich kann hier nichts ausrichten“, erzählt er. Andere Zuggäste gingen einfach vorbei und die Täter ließen nicht von dem am Boden liegenden Opfer ab. Heiko S. rennt in Richtung Bahnhofshalle und nimmt sich ein Taxi nach Hause. Dort ruft er die Polizei und gibt den Fall als Zeuge zu Protokoll.

Zwei Männer haben am Samstagabend einen 15-jährigen Göppinger in einer Regionalbahn nach Geislingen geschlagen. Die beiden sollen jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt werden. Alle drei hatten Alkohol im Blut.

Beim Arzt lässt er sich erst am Montag untersuchen, er trägt zwei große Beulen im Nacken davon. Ein Schlag traf den 34-Jährigen am Kiefer, der noch zwei Wochen nach der Tat Schmerzen bereitete. Erneut zur Polizei geht Heiko S. erst später. Dort sichert man ihm zu, einen Zeugenaufruf zu starten. Der zuständige Polizist stuft die Ereignisse am Bahngleis als „presserelevant“ ein. Ein Häkchen im System, das die Beamten bei der Aufnahme der Anzeige setzen.

Polizei schickt keine Pressemitteilung

Doch eine Pressemitteilung der Polizei gab es nie. „Bisher ist in der Zeitung leider kein Artikel über den Vorfall erschienen“, schrieb der Helfer am Mittwoch in einer E-Mail an die NWZ. Ohne Zeugen, können die Täter kaum ermittelt werden, ist er sich sicher. Und Beobachter des Geschehens müsste es zu Hauf geben: „Es waren jede Menge Leute im Zug, die die Schlägerei gesehen haben müssen“, kann sich Heiko S. erinnern. Mindestens zwei Dutzend potenzielle Zeugen seien außerdem mit ihm an diesem Samstagabend am Bahnsteig ausgestiegen.

Dass Heiko S. erst am Donnerstag nach der Tat eine Anzeige wegen Körperverletzung aufgab, sei ein Hauptgrund, weshalb es bis heute keine Pressemitteilung der Polizei gab, gibt Holger Fink, von der Pressestelle der Polizei auf Nachfrage an. Die Erfahrung habe gezeigt, das Fälle, in denen eine Anzeige erst Tage nach der eigentlichen Tat, bei der Polizei aufgegeben werden, nicht mehr relevant für die Presse seien, so Fink. Zweifel an der Echtheit der Schilderungen Heiko S. gebe es jedoch keine, erklärt der Pressesprecher auf Nachfrage. Es seien weder Personalien der vermeintlichen Täter, noch weitere Anzeigen, zum Beispiel des Hauptopfers, bekannt, erklärt der Polizeisprecher. Und: „Die Ermittlungen haben nicht zum Erfolg geführt.“

Schlägerei am Bahnhof: Zeugen gesucht

Heiko S. liegt viel an der Klärung des Falls. Den Tatzeitraum beschreibt er auf 23.10 bis 23.15 Uhr. „Alles ist sehr schnell gegangen“, berichtet der 34-Jährige. Deshalb habe er auch die Täter nicht besonders gut erkennen können. Lediglich seinen Angreifer könne er grob beschreiben. Dieser habe eine schwarze Jacke sowie Jeans getragen und habe südländisch ausgesehen. Er schätzt die Männer auf Anfang zwanzig.

Heiko S. hofft nun, dass sich doch noch Zeugen oder der Hauptgeschädigte melden. Auch wenn er dem Opfer nicht helfen konnte, würde er wieder so handeln. „Ich würde vorher aber noch jemanden ansprechen, der direkt die Polizei rufen kann - dann hätte man sie vielleicht noch gekriegt“, sagt der Helfer.

* In einer früheren Version des Artikels wurde der volle Name des Helfers genannt. Auf seinen nachträglichen Wunsch wurde er anonymisiert und der Name von der Redaktion geändert.

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