Schwäbisch Hall / ELEONORE HEYDEL  Uhr
Ein 53-Jähriger, der vor zwei Jahren in Hall als Exhibitionist verurteilt wurde, hat vor dem Heilbronner Landgericht einen Erfolg erzielt. Seine Strafe ist vom Tisch.

Am 26. August 2010 verurteilte das Schwäbisch Haller Amtsgericht den deutlich vom Alkohol gezeichneten 53-jährigen Mann wegen einer exhibitionistischen Handlung zu vier Monaten Gefängnis ohne Bewährung.

Der Mann hatte sich wenige Wochen zuvor abends in Westheim nahe der Bundesstraße19 entblößt auf einer Holzbank gezeigt. Einer vorbeifahrenden Autofahrerin war der grauhaarige Mann mit den heruntergelassenen Hosen aufgefallen. "Erst habe ich gedacht, der erledigt dort sein Geschäft", sagte die Frau damals als Zeugin vor dem Haller Amtsgericht. Sie hatte damals die Polizei eingeschaltet.

Gegen das Urteil des Haller Amtsgerichtes legte der Angeklagte Berufung ein. Nach zweijähriger Wartezeit fand jetzt die Berufungsverhandlung vor dem Heilbronner Landgericht statt. Wieder ist die inzwischen 56-jährige Autofahrerin eine wichtige Zeugin. Sie erinnert sich genau an den Vorfall: "Ich war richtig geschockt!" Weil sie Sorge hatte, Kinder könnten den entblößten Mann sehen, informierte sie von zu Hause aus die Polizei.

Der Angeklagte selbst verweist damals wie heute auf ein Darmleiden, das ihn bewogen habe, seine Hosen herunterzuziehen: "Es drohte eine Durchfall-Attacke!" Eine genaue Erinnerung an den Vorfall aber habe er nicht - der Alkohol habe ihm die Sinne vernebelt und das Schamgefühl genommen. Als das Amtsgericht ihn im August 2010 verurteilte, standen die Karten des 53-Jährigen freilich schlecht. Er war nämlich wenige Monate zuvor schon zu einer mehr als einjährigen, zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Grund: Er hatte sich Nachbarskindern gegenüber entblößt gezeigt.

Der Rückfall auf der Bank bei der B 19 stempelte ihn vollends zum Sexualtäter ab. Die Monate August bis Oktober 2010 verbrachte er aufgrund eines Haftbefehls im Gefängnis in Untersuchungshaft.

Heute wirkt der Angeklagte äußerlich gepflegt und von seinem Auftreten her gefestigt. Eigene Willenskraft und staatliche wie kirchliche Helfer haben aus dem verwahrlosten Alkoholiker einen Mann gemacht, der gegenwärtig mit beiden Beinen im Leben steht. Er hat eine Alkoholtherapie durchgestanden und ist trocken. Er lebt unter dem Dach einer diakonischen Einrichtung und weiß sich sinnvoll zu beschäftigen - gegenwärtig stellt er eigene Gemälde aus.

Am Ende der dreistündigen Verhandlung vor dem Landgericht sprechen sich der Staatsanwalt, der Verteidiger und die dreiköpfige Kammer hinter verschlossenen Türen ab. Sie beschließen, das Verfahren einzustellen. Damit ist die viermonatige Haftstrafe des Haller Amtsgerichts vom Tisch.

Eine Entschädigung für die vollzogene Untersuchungshaft bekommt der 53-Jährige aber nicht. Im Gegenteil, der Aufenthalt im Gefängnis hat ihm möglicherweise die Augen geöffnet. Der Vorsitzende formuliert es so: "Die Hafterfahrung war für Sie wahrscheinlich hilfreich!"