Hallo, hier wird für Mobilität auf dem Fahrrad demonstriert“, rief Ar­no Ferchow den Fahrradtouristen am Straßenrand zu. „Reihen Sie sich ein!“ Ferchow saß am Mikrofon des roten Bullys, der sonst dem Volksfestzug voranfährt. Am Steuer befand sich Herbert Holl. Die beiden – und mit ihnen hundert Zweiradfahrer – brachten fast so etwas wie Volksfeststimmung in die Stadt.
Die angesprochenen Touristen reihten sich zwar nicht ein, aber sie blieben stehen, klatschten Beifall und staunten. Nicht ohne Grund: Denn am Sonntagvormittag wälzte sich ein Umzug durch die Stadt. 60 Fahrradfahrer, dazu 30 oder 40 Draisinen. Die Draisinenfahrer waren größtenteils mit weißem Hemd und schwarzer Weste erschienen. Bei den Fahrradfahrern gab es Sportdress, aber auch volksfestliche Lederhosen und Dirndl. „Ich habe ein E-Bike“, sagt Lisa Grieb. „Das kann man gut mit einem Dirndl fahren.“
Die Männer und Frauen auf der Draisine freilich fahren nicht, sie laufen. Denn es sei ja ein Laufrad, kein Fahrrad, erklärt einer der Teilnehmer kurz vor dem Start. Da hatten sich schon alle im Hof der Brauerei Engel versammelt, hatten sich in die Liste eingetragen, Hygieneunterweisungen erhalten. Doch der Draisinenfahrer war froh, dass er heuer überhaupt noch sein Laufzeug aus der Garage holen konnte: „Einmal im Jahr will die Draisine raus“, sagte er.

Demo soll Fahrradbegeisterung in der Stadt wecken

Sascha Hofmann hatte ebenfalls die Draisine dabei. Er kam extra aus Goldbach. „Die ersten Schmerzen gibt es schon“, sagte er und grinste. Draisinenlaufen ist anstrengend. Für die Oberschenkel, für die Arme, mit denen das unhandliche Gerät gelenkt werden muss, und vor allem für den Po, der mangels Federung jedes einzelne Schlagloch spürt. Doch trotz alledem war der elf-jährige Jan vor dem Start entspannt. Er fuhr die Strecke zwar zum ersten Mal mit der Draisine. Doch er wusste, dass es nicht auf die Geschwindigkeit ankommt.
Am Sonntag war vielmehr Spazierfahrer-Tempo angesagt. Denn es begann ja nicht das 48. Draisinenrennen. Es begann die erste Fahrraddemo an einem Volksfestsonntag. Aufgerufen dazu hatte Holl. Sein Ziel: die Fahrradbegeisterung in der Stadt wecken. „Der Enthusiasmus für das Bürger-Rad hat etwas nachgelassen“, bedauert er. Auch Ferchow machte am Mikrofon Werbung für diese Aktion: „Sie hat in den letzten Jahren viel geleistet, was zum Beispiel die Beschilderung angeht.“ Doch noch immer seien nicht alle Schwachstellen im Radwegenetz beseitigt. „Es werden dringend Helfer und Unterstützer gesucht“.
Nötig wäre es. Denn die Hauptlast des Verkehrs in Crailsheim besteht aus Autos, die innerhalb von Crailsheim herumfahren. „Bei Strecken bis fünf Kilometer sollte man gar nicht darüber nachdenken, ob man das Auto oder das Fahrrad nimmt“, sagte Holl. „Diese kurze Strecken sind mit dem Fahrrad gut zu machen. Wenn viele so denken würden, wären die Straßen entlastet.“

Eine ganz neue Erfahrung

Doch an diesem Vormittag war die Begeisterung fürs Zweirad groß: Unter Lachen und Klingeln fuhren die Demonstranten erst durch die Haller, dann durch die Bahnhofstraße – immer der Strecke des Volksfestumzugs nach. Dann die Wilhelmstraße hoch – und dort wurden sie sichtlich langsamer. Nicht etwa, weil die Muskeln schmerzten. Sondern weil gerufen, gewinkt und gebusselt werden musste. Denn am Straßenrand hatten sich Begeisterte versammelt, mit und ohne Volksfest-Outfit, die sich freuten, dass etwas los war in ihrer Stadt.
„Es war schön, dass es Zuschauer gab“, sagte auch Holl, als die Demo problemlos zu Ende gegangen war. Eine Frau fügte hinzu: „Dass ich mal Beifall fürs Fahrrradfahren bekomme – das ist auch eine ganz neue Erfahrung.“