Bietigheim-Bissingen / Susanne Yvette Walter

Die „Sands Family“ erzählt seit über 50 Jahren nicht nur von der Lebensfreude, der Ironie, dem heiteren und tieferen Miteinander der Menschen in ihrer Heimat Nordirland, sondern auch von alten Zeiten, die bis heute andauern sowie von Werte, wie Zusammenhalt und Freiheit. Sie tragen dies alles auf Gälisch und in einem herrlichen Gemisch aus Englisch und Deutsch in die Welt hinaus – am Freitagabend auch nach Bietigheim, wo kaum einer Gälisch spricht und trotzdem mitbekommt, um was es der Musikerfamilie aus Nordirland geht.

Mit Banjo, Fiddle, Madoline und Bodrhan kommt die „Sands Familiy“ in die Kelter, um gemeinsam mit ihren Fans das Leben zu feiern. Es pulsiert in irischen Rhythmen, es jauchzt und wird ganz still, als die Musiker näher ans Mikrophon treten und offen erzählen, was sie bedrückt: Die Politik im Land, soziale Ungerechtigkeit, Egoismus und Einzelkämpfertum. Die „Sands Familiy“, ein nordirisches Familienunternehmen in Sachen Musik, bleibt sich treu und steht seit über 50 Jahren gemeinsam auf den Bühnen der Welt, inspiriert auch durch amerikanische Folklore und gespickt mit viel Ironie.

Anne Sands heisst heute Anne Keane und ist eine Meisterin im selbstverständlichen Umgang mit dem Bodrhan. Allen gemeinsam ist ein Phänomen, das rar geworden ist in unserer Zeit: Die Sands Family nimmt sich Zeit in ihrer Musik. Hier werden Aussagen noch mit einem poesievollen Klangbett unterlegt. Hier ist Raum – auch für Lachtränen – vor allem wenn Tom Sands von Vater und Tochter erzählt, die allein in einem Schloss wohnen und das Mädchen mit 18 zum ersten mal einen jungen Mann vorbeireiten sieht. „Die singen aus einer Welt, die noch in Ordnung ist. Logisch, die Iren leben auf einer Insel. Was juckt die der Stress in Europa?“, bringt es Zuhörer Jürgen Kalmbach auf den Punkt. Bald springt der berühmte Funke über. „Bei dieser Musik kann man doch gar nicht ruhig sitzen bleiben. Das geht doch sofort in die Beine“, sagt Friederike Günther aus Bietigheim-Buch und lacht. Tom, Ben und Colum Sands improvisieren sogar über dem wohl berühmtesten Beethoven-Stoff, der die Lebensfreude verkörpert „Freude schöner Götterfunken“.

Es ist eine Rückbesinnung darauf, was wirklich zählt im Leben. Mit ihrer Folklore, die politische Züge trägt passt die „Sands Family“ hervorragend ins Bild der Kelter. Deshalb waren die Nordiren schön öfter hier und füllten, wie jetzt auch wieder, jedes Mal den Saal. In der Pause werden mitgebrachte Vinylplatten der Fans signiert.

Anne Keane besingt die Familie, die Kinder, wie sie klein waren und wie sie ausziehen als junge Erwachsene und wiederkommen mit schmutziger Wäsche und knurrendem Magen. Für Tom Sands ist das ein Anlass von seinen eigenen Kindertagen zu erzählen. Viel habe sich verändert in Nordirland in den letzten 30 Jahren. „Als ich Kind war, gab es noch keinen Strom und das Wasser haben wir am Brunnen geholt“, erzählt er im Mischmasch Deutsch-Englisch, und niemand trank dort Kaffee. Dabei war für Tom Sands eine gute Tasse Kaffee, ein Stück Käsekuchen und ein Mädchen dazu immer das Größte. „Bei uns heisst das Sex, Drugs and Rockn Roll“, erklärt ihm ein Zuhörer aus der fünften Reihe. In Anlehnung an den Gedanken des Miteinanders, fordert Tom Sands das Publikum auf, den Nebensitzer in den Arm zu nehmen. Da wird es in der Kelter warm ums Herz.

Es ist ein lyrischer Abend voller Poesie und dem Gefühl, dass es doch noch eine schöne friedvolle Welt gibt, um die es sich zu kämpfen lohnt – mit Waffen wie der Mandoline und der Gitarre.