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Im PKC: Die Familie Spatz wiedervereint in Freudental

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Spätzle, du faule Sau, reg dein Arsch und schaff au mal was“, das bekam Ernestine Spatz, Freudentaler Jüdin, am Mittag des 10. November 1938 zu hören, während sie die Scherben zusammenkehren musste, die die Nazis bei der Zerstörung der Synagoge hinterlassen hatten. Offenbar wurde sie laut Zeugenaussagen auch von drei Nazi-Frauen „schwer verprügelt“. In der Nacht vom 10.  auf den 11. November, um 12 Uhr nachts, wurde Ernestine Spatz von zwei Nazi-Schergen, die in ihr Haus in der Pforzheimer Straße 8 eingebrochen waren, überrascht. Die beiden, ein Freudentaler Bauer und der Lehrer, warfen eine Stinkbombe in ihr Bett. Das beweisen Dokumente in der Spruchkammer Vaihingen.

Die damals 70-Jährige lebte alleine in Freudental, ihr Sohn Moritz war nach dem Ersten Weltkrieg nach Guatemala ausgewandert, ihre Tochter Irma lebte in Schwäbisch Hall. Als Moritz Spatz mit seinem erst sechsjährigen Sohn Julio Irwin Mitte November 1938 zu Besuch aus Guatemala kam und den Zustand seiner Mutter und die Zustände in Nazi-Deutschland sah, unternahm er alles, um sie und seine Schwester mit nach Guatemala zu nehmen, was ihm unter Mühen gelang. 

Im Jahr 2013 kehrte Ernestine Spatz’ Urururenkel Juan Carlos Andrade Spatz in  ihren Heimatort zurück und nahm sogar die deutsche Staatsangehörigkeit wieder an. Der Kreis schließt sich. Der damals 28-Jährige trat den Rückweg nach Deutschland an, davor aber lag eine lange Suche seiner Familie nach ihren Wurzeln. Mittlerweile verteilt sich die Familie Spatz auf die USA, Spanien und Guatemala. Als ein Freund der amerikanischen Spatz, ein amerikanischer GI, in Deutschland Urlaub machte, bat ihn die Familie, doch einmal nach Freudental zu gehen und nach Spuren von Ernestine Spatz zu suchen. Die fand er im PKC, wo mittlerweile das Schicksal von allen Freudentaler Juden erforscht wurde.

„Die Nachfahren von Juden sind sehr emotional, was ihre Wurzeln betrifft“, sagt Barbara Schüßler, Leiterin Kultur des PKC. Sie bekommt oft Suchanfragen aus aller Welt nach Freudentaler Juden. „Und die Suche löst jede Menge aus“, sagt sie. Beispielsweise, dass Juan Carlos Andrade Spatz Deutscher wurde. Im Besitz seiner Familie war immer noch der Reisepass mit Nazistempel seiner Vorfahrin, der es ihr 1938 ermöglicht hatte, das Land zu verlassen. Dieser Reisepass ermöglichte es der Familie, den ehemaligen Wohnort von Ernestine Spatz zu finden. Außerdem ist der Nazipass ein Beweis für die deutsche Herkunft der Familie, die damit per Gesetz Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Juan Carlos Andrade Spatz hat seine Vorfahrin nie kennen gelernt, in seiner Familie jedoch wird ihre Geschichte von Generation zu Generation weiter getragen. Mittlerweile ist er Arzt in Berlin, auch sein Bruder lebt in Deutschland, im Saarland.

Und auch in Freudental löste die Suche einiges aus: Die Freudentaler Familie Hoffmann erinnerte sich an eine Vase in ihrem Besitz. Ernestine Spatz war eng mit der verstorbenen Großmutter Christina Hoffmann befreundet und schenkte ihr, als sie nach Guatemala ging, eine Vase. Als 2014 die Familie Spatz in Freudental weilte, brachten die Hoffmanns die Vase. Seither steht sie in der Ehemaligen Synagoge. Außerdem erzählten die Hoffmanns, dass Ernestine Spatz der Oma alle paar Monate Kaffee aus Guatemala schickte, der dann am Sonntag genossen wurde. Die Nachbarin machte darauf ihre Fenster sperrangelweit auf und rief: „Stine, mach’ dei Fenschter auf, damit ich wenigstens den guata Kaffee riecha koa.“

Die Suche der Familie Spatz führt im Oktober zu einer ganz besonderen Ausstellung: Die Tante von Juan Carlos Andrade Spatz, Evelyn, ist Künstlerin in den USA. Sie wird im Oktober ihre Werke, fast ausschließlich Bäume, unter dem Motto „Verwurzelt“ im PKC zeigen. „Die meisten Nachfahren von Freudentaler Juden fühlen sich immer noch mit Freudental verwurzelt. Für sie ist der Ort ihre Ursprungsheimat. Das drücken die Gemälde der Urenkeln aus“, sagt Barbara Schüßler.

Die Gemeinde Freudental richtet einen „Garten der Erinnerung“ beim Stutendenkmal ein. Dieser wird am letzten Oktoberwochenende eingeweiht. Die Idee der Initiative „Gedenken und Erinnern“ ist es, eine Form der Erinnerung zu schaffen für die jüdischen Mitbürger und ihre noch lebenden Nachkommen sowie die Freudentaler Bürger. Viele Juden sagten bei der Spruchkammer aus, als es um Wiedergutmachung ging, dass vor allem der Verlust ihres Obstgartens sehr schmerzvoll war. Deshalb werden im „Garten der Erinnerung“ nur Obstbäume gepflanzt, und jeder Nachfahre von Freudentaler Juden hat die Möglichkeit, dort einen Baum zu pflanzen. Es soll auch eine multimediale Informationsstele geben. Der Freudentaler Gemeinderat beschloss die Errichtung diesen Gartens.

Zur Eröffnung werden auch die Nachkommen von Freudentaler Juden eingeladen. Zugesagt haben schon die Familien Spatz aus den USA, Spanien und Guatemala, sowie die Familie Stein aus New York. Die Familien werden im PKC oder in Privathaushalten untergebracht. sz

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