Soll Karl Mays fiktiver, rund 140 Jahre alter Apachenhäuptling „Winnetou“ in die ewigen Jagdgründe verbannt werden? Dieser Tage ist eine Debatte entbrannt um den neuen Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ sowie um zwei Bücher, ein Sticker-Album und ein Puzzle, welches der auf Kinderbücher spezialisierte Ravensburger Verlag zum Film herausgebracht hatte. Denn: Nach Kritik aus dem Netz nahm der Verlag die Produkte wieder vom Markt. In einem Instagram-Post begründete das Unternehmen dies mit dem „Feedback der Nutzer, das gezeigt hat, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben“.

Kritik an „Winnetou“-Film und Büchern von Ravensburger

Hintergrund des Protestes sind der auf den Abenteuergeschichten des 1842 in der Nähe von Zwickau geborenen Autors Karl May fußende neue Kinderfilm und eben jene Kinderbücher des oberschwäbischen Verlags, welche manche als rassistisch-stereotyp und klischeebehaftet empfinden. Die Kritikerinnen und Kritiker äußern sich vor allem auf Social Media-Plattformen.
Diese Kritik ist nicht neu, auch nicht in den Medien: Schon lange stellen viele die Frage, ob ein Autor wie Karl May, der die Länder, über die er geschrieben hatte, nie besucht hatte, und der ein romantisierend und historisch falsches Bild der so genannten „Native Americans“ oder „First Nations“ in den USA und Kanada als „edle Wilde“ vermittelt, noch zeitgemäß ist.

Debatte um Verkaufsstopp von „Winnetou“-Büchern

Neu in der nun auch in den Medien und in der Politik entbrannten Debatte ist vor allem die Frage, ob es richtig ist, dass ein Verlag wie Ravensburger sich so unter Druck setzen lässt, dass er Bücher aufgrund der Kritik einer relativ kleinen Internet-Gruppe vom Markt nimmt.
Die Bandbreite der Meinungen reicht von Boulevard-Medien bis hin zu rennomierten Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Sendern. Eher simple Schlagzeilen wie „Winnetou verbieten? Völlig absurd“ („Bild“) wechseln sich ab mit der in Richtung Grundgesetz zielenden Frage „Ravensburger-Verlag cancelt Winnetou: Zensur oder nicht?“ der Berliner Zeitung. Der NDR schreibt zurückhaltend von einer „Hitzigen Debatte“ um den Rückzug des Ravensburger Verlags.

Umfrage zu „Winnetou“-Kinderbüchern: Rückzug richtig oder falsch?

Und was sagen die Bürger in Deutschland zum Thema? Das Meinungsforschungsinstitut YouGov führte eine repräsentative Umfrage zur Debatte zu den „Winnetou“-Kinderbüchern durch. Das Ergebnis der Befragung ist eindeutig: Zwei Drittel der Bundesbürger halten es für falsch, dass der Verlag die Bücher wegen Rassismus-Vorwürfen zurückgezogen hat.

Mehrheit gegen Verkaufsstopp von „Winnetou“

Die Ergebnisse im Detail:
  • 13 Prozent finden es richtig, dass der Verkauf gestoppt wurde.
  • 68 Prozent finden den Verkaufsstopp falsch.
  • 18 Prozent machten keine Angabe zu der Frage.
YouGov veröffentlichte am Mittwoch das Ergebnis der Befragung vom Dienstag.

Werden Winnetou-Filme noch gezeigt im Fernsehen?

Die ARD und ihre Anstalten strahlen laut „Bild" keine Winnetou-Filme mehr aus. Es würden keine Filme seit dem Auslaufen der Lizenzverträge mehr gezeigt, zitiert die Zeitung die ARD. Auch künftig seien keine Lizenzkäufe für Winnetou-Filme geplant. Der Bayerische Rundfunk BR erklärte demnach, dass er auch weiterhin "Filmklassiker" zeige. "Im Einzelfall wird bei allen Filmen stets geprüft, ob der jeweilige Film in unser Programm passt", sagte eine Sprecherin. Das ZDF hingegen besitze weiterhin "Ausstrahlungsrechte für diverse Karl-May-Filme, die in den nächsten Jahren zur Sendung kommen", so ein Sprecher.

Reaktionen auf Ravensburger-Rückzug: Was Politiker und Prominente sagen

Auch in der Politik und unter Prominenten wird die Entscheidung des Verlags und das Thema „Winnetou“ allgemein heiß diskutiert:
  • Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel kommentiert: „Als Kind habe ich Karl Mays Bücher geliebt, besonders #Winnetou“, twitterte der ehemalige SPD-Chef und Bundesaußenminister. Zum Rassisten habe ihn das nicht gemacht. „Und deshalb bleibt Winnetou im Bücherregal für meine Kinder. Und den Film schauen wir uns auch an.“
  • Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat die Zurückziehung der Winnetou-Bücher des Ravensburger Verlags wegen Rassismus-Vorwürfen kritisiert. „Kinderbücher von früher bedienen nun mal Klischees. Struwwelpeter ist schwarze Pädagogik pur. Sollen wir ihn deswegen verbieten?“, sagte sie in der „Heilbronner Stimme“ und dem „Südkurier“ (Freitag). Sie persönlich hätte es gut gefunden, wenn Ravensburger sich anders entschieden hätte und man die Bücher hätte lesen können.
    Sie habe weder die Bücher aus dem Ravensburger Verlag gelesen, noch den Film gesehen, sagte Schopper weiter. „Ich habe als Kind die alten Winnetou-Filme mit Pierre Brice geliebt, im Fasching war ich oft Nscho-tschi, die Schwester von Winnetou.“ Natürlich bediene Winnetou Klischees, weil das Leben der indigenen Bevölkerung heute nicht mehr so sei. „Aber wenn wir diesen Maßstab bei allen Märchen und Kinderbüchern anlegen, wohin soll das führen?“
  • Baden-Württembergs CDU-Landtagsfraktionschef Manuel Hagel hat kein Verständnis für die Entscheidung des Verlags: „Schade, aber auch absurd, dass sich Ravensburger von einer radikalen Minderheit derart gängeln lässt“, schrieb Hagel auf Twitter. Er lasse sich davon nicht beirren, sondern werde seinen beiden Söhnen die Winnetou-Bücher ins Regal stellen und sie zum Lesen anregen. Winnetou I sei eines der ersten Bücher gewesen, die er gelesen habe. „Ich war begeistert. Die Filme fand ich als Kind großartig. Sie haben zum Träumen und manchmal auch zum Lachen angeregt. Es ging um Freundschaft, Mut und um Fairness – über alle Schwierigkeiten hinweg.“
  • Bedauern äußerte Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke). "Ich finde die Entscheidung des Verlags nicht richtig, weil eine Debatte dadurch beendet wird, dass man sich zurückzieht", sagte Hoff dem MDR. "Wenn sich Betroffene in ihren Gefühlen verletzt fühlen, muss man reagieren", fügte der Linken-Politiker hinzu. In diesem Fall habe es Diskussionen in den Sozialen Medien gegeben. Das sei aber "viel zu oft keine adäquate Arena für eine wirkliche Debatte".
  • Im Sat.1-Frühstücksfernsehen kritisierte Moderator Jörg Pilawa die Entscheidung des oberschwäbischen Verlags und forderte, das Thema zu diskutieren. „Winnetou aus dem Regal zu nehmen, wäre völliger Blödsinn. Man muss heute kommentierte Ausgaben rausbringen, wo man eben aufklärt und erzählt, was los ist“, sagte er laut „Focus“.