Fiebersaft und Hustensaft sind vergriffen, immer häufiger können auch andere Medikamente nicht geliefert werden – Baden-Württemberg fordert vom Bund deshalb nun eine schnelle Reaktion auf die Engpässe von Arzneien für Kinder. Die Bundesregierung müsse nun „umgehend geeignete Abhilfemaßnahmen“ ergreifen, heißt es in einem Brief der Amtschefin des Gesundheitsministeriums, Leonie Dirks, an das Bundesgesundheitsministerium. Der Brief liegt der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart vor.
Bei einer Besprechung des baden-württembergischen Ministeriums mit den Gesundheitsämtern im Land sei die weitere Zuspitzung der Lage als „in Teilen dramatisch“ beschrieben worden, heißt es in dem Brief. Dirks kritisiert unter anderem eine Ungleichverteilung bestimmter Arzneimittel in Deutschland. Großhändlern sollten Vorgaben für eine Bevorratung gemacht werden, „die entsprechend des regionalen Bedarfs eine angemessene Versorgung sicherstellen“. Zudem sollten Maßnahmen geprüft werden, um „Hortungsbevorratungen“ zu unterbinden.

Nicht auf Erwachsenen-Medikamente ausweichen

Das Ministerium warnt gleichzeitig davor, auf Arzneimittel für Erwachsene auszuweichen, „da wir darin eine Gefahr von Überdosierungen durch die anwendenden Eltern sehen“. Apotheken müsse die Möglichkeit gegeben werden, im Bedarfsfall anstelle eines nicht verfügbaren Fertigarzneimittels selbst Arzneimittel herzustellen und diese unbürokratisch abzurechnen. Auch die Beschaffung dringend erforderlicher Medikamente aus dem Ausland sollte ermöglicht werden, ohne allerdings die Lage in den Herkunftsländern zu verschärfen.
Die Landesapothekerkammer sprach am Montag von einem „besorgniserregenden Versorgungsproblem“, insbesondere bei Kindern mit teilweiseschweren Atemwegsinfekten. „Es stehen weder fiebersenkende Fertigarzneimittel noch bestimmte Antibiotika in ausreichender Menge zur Verfügung.“ Der Aufwand sei kaum mehr zu bewältigen, „da im Schnitt bei jedem zweiten Rezept, das in den Apotheken vor Ort eingereicht wird, ein Problem mit der Lieferbarkeit zumindest bei einem der verschriebenen Medikamente besteht“. Als Grund nannte die Kammer die aktuelle Erkrankungswelle, die Corona-Pandemie sowie der Ukraine-Krieg und die damit einhergehende Energiekrise. Die globalen Produktionsstätten und Lieferketten würden durch die Krisen erheblich beeinträchtigt.

Lucha: „Keine Abstriche bei der Sicherheit“

Wenig hält die Landesregierung von der Idee von Nachbarschafts-Flohmärkten im Kampf gegen den Medikamenten-Mangel. Bei so sensiblen Produkten dürfe man keine Abstriche bei der Sicherheit machen, sagte Minister Manne Lucha (Grüne) am Montag der dpa. „Es ist ausschließlich den Apotheken vorbehalten, apothekenpflichtiger Arzneimittel ab- und weiterzugeben. Im privaten Bereich ist keine pharmazeutisch ordnungsgemäße Lagerung sichergestellt.“ Denkbar wäre aber eine digitale Austauschplattform zwischen den Apotheken, falls mancherorts Medikamente vorrätig sind, die anderswo gebraucht würden, schlug Lucha vor.
Die Bundesärztekammer hatte am Montag erläutert, angesichts der aktuellen Infektionswelle sollten sich Menschen im Familien- und Freundeskreis mit nicht-verschreibungspflichtigen, originalverpackten Arzneimitteln aushelfen. „Ein solcher Vorschlag ist fahrlässig, verantwortungslos und heilberuflich nicht zu vertreten! Ich bin wirklich absolut entsetzt“, reagierte Tatjana Zambo, Präsidentin des Landesapothekerverbands, auf den Vorschlag. Der Präsident der Landesapothekerkammer, Martin Braun, sagte, der Vorschlag könne nicht ernst gemeint sein.