Ein Gespenst geht um in Baden-Württemberg. Vielleicht ist es auch Ihnen schon begegnet – in der Fußgängerzone, auf dem Wochenmarkt, oder als Appell in irgendeiner Whatsapp-Gruppe. Oder es spukt Ihnen als Mutter oder Vater schulpflichtiger Kinder sowieso schon seit Jahren im Kopf herum.
Das Gespenst ist ziemlich alt und hat einen etwas technischen Namen: G9. Die Diskussion um das neunjährige Gymnasium ist zurück – und zwar mit Macht. Seit die Macherinnen der Initiative „G9 jetzt“ einen Volksantrag zur Wiedereinführung des neunjährigen Wegs zum Abitur als Regelfall (mitsamt Option auf parallele G8-Schnellzüge) beim Landtag angemeldet und sich damit auf den Weg zum Volksbegehren begeben haben, ist das Thema wieder in aller Munde. Schließlich sind in einer Gesellschaft, in der inzwischen jedes zweite Kind aufs Gymnasium geht, viele Menschen irgendwie betroffen oder zumindest mitfühlend befasst.
Die debattenverliebten Medien nehmen die Vorlage dankbar auf und berichten über die nun angelaufene Unterschriftensammlung, die verschlungenen Pfade der direkten Demokratie und das Für und Wider der Bildungsforscher, Psychologen und Ökonomen. Die politischen Parteien, Lehrergewerkschaften und Interessenverbände positionieren sich. Auch der Ministerpräsident sah sich genötigt, schleunigst Stellung zu beziehen – schließlich spaltet die Frage seine Koalition.
Dabei scheint mir, der die Debatte als nicht direkt betroffener Beobachter – zu alt für eigene G8-Erfahrungen, mit Kindern, die zu jung für jegliche Schularten sind – verfolgt, dass eigentlich alle Argumente längst ausgetauscht sind.
Als ich mich neulich im Archiv bediente, um zwanzig Jahre alte Zeitungsartikel, Positionspapiere und Landtagsdebatten aus der Zeit der Umstellung auf G8 nachzulesen, fühlte ich mich in ein fortdauerndes Déjà-vu versetzt. Das hatte ich doch alles schon ein-, zwei-, dreimal gehört – im Jahr 2022.
Mir scheint: Die Frage nach G8 oder G9 lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein, gut oder schlecht, richtig oder falsch zu beantworten. Es gibt Schüler, denen G8 in ihrem adoleszent angespanntem Allgemeinzustand die Mittelstufe in eine der Jugend unwürdige Stresshölle verwandelt. Und es gibt Jugendliche, die, ohne intellektuelle Überflieger zu sein, in G8 ganz gut durchkommen. Es soll sogar Schüler geben, die auch in G9-Zügen phasenweise von Überforderungsgefühlen überrollt werden.
Auch die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen und Meta-Studien zum Thema, die ich kenne, legen nahe: Eindeutig ist hier gar nichts. In dieser Debatte, die uns, wie ich vermute, noch einige Jahre begleiten und dann im Landtagswahlkampf 2025/26 ihren Höhepunkt erleben wird, geht es mehr um Gefühle, Assoziationen, auch um Nostalgie.
Meine Kolleginnen Christine Hofmann und Anja Weiß haben deshalb dankenswerterweise das getan, was Journalisten tun sollten. Sie haben mit Leuten geredet, die unmittelbar betroffen sind: mit Schülern, Eltern, Lehrern von G8- und G9-Zügen. Die Ergebnisse sollten Sie lesen – allein schon, um vorbereitet zu sein, falls Sie demnächst das Gespenst anspricht, ob sie nicht vielleicht mit Ihrer Unterschrift einen Volksantrag unterstützen möchten.

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