Auch wenn Justizminister Guido Wolf zu einer „Feierstunde“ einlädt, Grund zum Feiern bietet das 60-jährige Bestehen der Zentralen Stelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen in Ludwigsburg nicht wirklich. Der Leiter Jens Rommel (46) spricht denn auch lieber von einer „Jubiläumsveranstaltung“ am kommenden Montag im Barockschloss. „Das ist eine zweischneidige Angelegenheit“, sagt der Jurist. Einerseits sei es „bedrückend, dass wir heute noch ermitteln müssen“. Andererseits stelle sich Deutschland „trotz aller Schwierigkeiten der Aufarbeitung und erinnert an die Verbrechen und die Opfer“.
Der Start vor 60 Jahren geriet erstaunlich flott und doch holprig. Die Justizminister der damals elf Bundesländer haben sich am 3. Oktober 1958 auf diese „Zentrale Stelle“ geeinigt, am 6. November war die Verwaltungsvereinbarung fertig, am 1. Dezember begann Erwin Schüle mit einem Mitarbeiter. Leere Räume fanden sich in Ludwigsburg, in einem ehemaligen Frauengefängnis.

Drohungen bei Beerdigung

Doch in der Barockstadt waren „Nazijäger“ als „Nestbeschmutzer“ gar nicht willkommen. Der Oberbürgermeister schimpfte über einen „Schandfleck in der Stadt“. Vermutlich Neonazis bereiteten einen Brandanschlag vor. Als 1966 ganz in der Nähe der SS-General Josef Dietrich beerdigt wurde, drohten einstige Gefolgsleute den Juristen: „Wir kriegen euch noch.“
Dass mit Schüle ausgerechnet ein früheres NSDAP-Mitglied mit der heiklen Aufgabe betraut wurde, kann heute als Makel gelten. Doch in jenen Jahren war die Justiz durchsetzt mit Leuten, die schon im Nazi-Regime bestimmten, was Recht ist.
Die „Zentrale Stelle“ wurde nur mit wenigen Befugnissen ausgestattet. Die Experten besitzen keine Anklagekompetenz wie Staatsanwälte, sie dürfen nur herausfinden, wer möglicherweise Verbrechen begangen hat. Die Unterlagen müssen bis heute an örtlich zuständige Staatsanwaltschaften weitergereicht und dort von neuem bewertet werden. Zeugenvernehmungen oder Hausdurchsuchungen stehen den „Ludwigsburgern“ nicht zu. „Dass sich zwei Behörden mit demselben Vorgang beschäftigen, ist nicht das effektivste System“, sagt Jens Rommel, der die Leitung im Oktober 2015 übernommen hat.
Warum diese fragwürdige Konstruktion für die Zusammenarbeit der Länder gewählt wurde, ist unklar. Sollte  diese Zentrale nur ein Feigenblatt sein, um juristische Aufklärung vorzuführen, ohne wirklich an Ergebnissen interessiert zu sein? Oder wurde eine schnelle Lösung angestrebt mit Hilfe der einfachen Vereinbarung, die eine Änderung des Grundgesetzes überflüssig machte? Rommel vermutet, dass es „eine Mischung aus beidem“ gewesen sein könnte, „aber mit begrenztem Aufklärungswillen“.
Die Institution mit dem langen Namen ist heute etabliert und unumstritten. Die Spezialisten trotzten allen Widerständen von Politik, Kollegen und „alten Kameraden“. Sie schwammen häufig gegen den Strom. Die Justizminister haben zuletzt 2015 die Fortsetzung der Existenz als Ermittlungsbehörde beschlossen, ein Ende sei „nicht absehbar“. Die Arbeit geht nicht aus, weil Mord nicht verjährt.  Seit der Bundesgerichtshof 2016 auch die Strafverfolgung jener Personen bestätigt hat, die „mit ihrem Dienst die Mordmaschinerie am Laufen gehalten haben“, wie sich Rommel ausdrückt, werden die Personallisten von Konzentrationslagern durchforstet. „Es gibt im Moment so viel zu tun wie seit langem nicht mehr“, sagt der Chef. Die geltende Rechtsprechung ermögliche, „auf Personen zurückzugreifen, die man bisher nicht im Blick hatte“. Zuvor musste jedem Einzelnen seine individuelle Beteiligung am Massenmord nachgewiesen werden. Deshalb entgingen allein 6000 Wächter des KZ Auschwitz einer Bestrafung.

„Eine einmalige Einrichtung“

Die „Zentrale Stelle“ ist nach Überzeugung von Jens Rommel „eine ganz einmalige Einrichtung auch im internationalen Vergleich“. Eine Besonderheit ist die weitere Verwendung der Dokumente. Darum kümmert sich im selben Gebäude in Ludwigsburg das Bundesarchiv. „Die Aktendeckel werden hier nicht einfach geschlossen“, sagt Rommel. Damit bleibe die Schorndorfer Straße 58 eine Adresse für Informationen und Forschungen.
Der Behördenleiter – in Ellwangen geboren, in Ravensburg aufgewachsen – weiß nicht, wie lange er an der Spitze der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen steht. Die Abordnung nach Ludwigsburg gilt „bis auf Weiteres“. Seine Arbeit schätzt er ein als „mühsam, wenig erfolgreich, aber sehr bereichernd“.

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Größte Arbeitsbelastung von 1967 bis 1971

Seit 1. Dezember 1958 hat die „Zentrale Stelle“ 7650 Vorermittlungsverfahren eingeleitet, 120 211 Beschuldigte gerieten ins Visier der „Nazijäger“, verurteilt wurden 6656. Derzeit sind fünf Personen angeklagt. In Münster steht aktuell ein 95-Jähriger vor Gericht, der Wachmann im KZ Stutthof bei Danzig gewesen ist.
In Ludwigsburg sind heute noch 21 Mitarbeiter in der „Zentralen Stelle“ beschäftigt, darunter acht Ermittler und zwei Dolmetscher (Polnisch, Russisch). Zur Zeit der größten Arbeitsbelastung (1967 – 1971) waren dort 49 Staatsanwälte und Richter ausgelastet. hgf