Künzelsau/Schwäbisch Hall Christoph Ransmayr: Er wiederholt sich nie

Mit großen Gesten spricht Autor Christoph Ransmayr über seinen neuen Roman in der Kunsthalle Würth.
Mit großen Gesten spricht Autor Christoph Ransmayr über seinen neuen Roman in der Kunsthalle Würth. © Foto: Würth/Ufuk Arlsan
Künzelsau/Schwäbisch Hall / Maya Peters 01.06.2018
Dem österreichischen Autor Christoph Ransmayr wird der 11. Würth-Preis für Europäische Literatur verliehen. Redner würdigen ihn beim Festakt in Gaisbach, am Folgetag liest er aus seinem jüngsten Buch.

Wahr im Sinne von wahrhaftig sind die Werke von Christoph Ransmayr. Ein Kern Historie und echtes Erleben sind dabei, aber im Wortsinne verdichtet. Seine Sprache ist packend und entlarvend, lieblich und verstörend zugleich und lebt durch Bilder, die mehr erzählen als die schnöde Wirklichkeit.

„Er enthebt die Realität der Schwerkraft des Realismus“, begründet Literaturkritikerin und Jurymitglied Sigrid Löffler deshalb die Preisverleihung an den „Europäer aus Oberösterreich“ in ihrer Rede. Der mit 25.000 Euro dotierte Würth-Preis für Europäische Literatur wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben. Letzter Preisträger war Peter Handke. Etwa 900 Menschen sind am Montagabend ins Carmen-Würth-Forum in Gaisbach gekommen, über Leinwände wird die durchkomponierte Preisverleihung mit Musik des Blechbläserquintetts der Würth-Philharmoniker zusätzlich gezeigt.

Eine letzte Welt

„Jeder von Ransmayrs Romanen ist eine letzte Welt“, betont Löffler, angereichert mit Reise- und Geschichtserfahrungen, er wiederhole sich nie. Nur wenige Romane habe der 64-Jährige bisher geschrieben, diese wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Mit Löffler würdigen sechs Redner, darunter Professor Harald Unkelbach (Mitglied der Geschäftsleitung und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Würth), Theresia Bauer (Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg), Günther Oettinger (EU-Kommissar für Haushalt und Personal), Claus Peymann (Regisseur) sowie Professor Reinhold Würth Christoph Ransmayr.

Aus ihnen sticht Regisseur Peymann mit seiner szenischen Performance als Laudator besonders hervor. Mit „Erinnern Sie sich?“ erzählt er Anekdoten von Wandertouren und Treffen mit dem Weltenbummler Ransmayr. Durch ihn erfährt man einiges über Ransmayr und seine Freunde, über dessen Kofferraum, der immer für jede Eventualität einer Reise oder Wanderung gefüllt sei und über dessen gesammelte Erzählungen. Mit „Glückwunsch“ wirft Peymann zum Abschluss Konfetti auf den Autor.

Dessen abschließende und großartige Dankesrede ist eine eigens zu diesem Anlass geschriebene, noch unveröffentlichte Geschichte über die brutalen Ursprünge des europäischen Reichtums. Aufgehängt an einem kleinen ostafrikanischen Mädchen, welches im gelben Kleid Wasser trägt. Vorbei an den Wasserleitungen für die Plantagen reicher Europäer, Ransmayr selbst auf dem Weg zu den letzten Berggorillas, gespickt mit Gedanken über ein Europa, das Massenmördern wie den belgischen König Leopold II noch immer nicht von ihren Denkmälern gestürzt hat.

Ausbeutung und Sklaverei

„Ist die jüngere Geschichte Afrikas nicht auch immer eine Geschichte Europas gewesen?“, fragt er in die raunende Runde. „Ausbeutung, Sklaverei und Völkermord sind die Quellgebiete europäischen Reichtums“, konstatiert er und spricht sich für menschengerechtere Löhne und Preise weltweit aus. Damit entthront Ransmayr auch das „Europa“, wie es bei den Vorrednern im Festakt dargestellt wird – von EU-Haushaltskommissar Oettinger („liberale Weltanschauung, Tradition und Kultur bilden das Fundament Europas“) oder der Ministerin Bauer („den Kulturraum Europa statt nur Geldflüsse betrachten“) und liest den Zuhörern die Leviten. Dabei geizt er auch nicht mit harten Worten.

„Wer die Weißen nicht fürchtet, der kennt sie nicht“, erklärt er den Unwillen des kleinen Mädchens, geholfen zu bekommen. Es läuft mit seiner schweren Last Schritt für Schritt die staubige Landstraße weiter. Doch die Schilderung der Gorillabegegnung versöhnt: „Er sah uns an, so lange, so tief in unsere Seelen oder was auch immer die Europäer in ihrer Brust tragen, dass wir ganz die Seinen waren.“ Dann endet Ransmayr mit einem tiefen, grunzenden Tierlaut, der bedeutet: „Es ist gut, es ist alles gut.“

Am Folgetag liest Christoph Ransmayr aus seinem neuesten Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ im ebenfalls ausverkauften Adolf-Würth-Saal der Kunsthalle in Hall. Es wird eine „musikalisch-literarische Premiere“, so Kunsthallenleiterin Silvia Weber bei der Begrüßung. Denn der österreichische Jazzmusiker Christian Muthspiel, Freund und Wegbegleiter des Autors, begleitet die Erzählkunst in den Pausen virtuos-genial. Er habe durch einen verpassten Flug in Peking einen Freund besucht, der ihm einen Museumspavillion voller Uhren in der Verbotenen Stadt zeigte, erzählt Ransmayr vom Entstehen des Romans.

Um die Erlebnisse, die Aufgaben und das China im 18. Jahrhundert spannt sich der Roman über die Zeit. Jedes der 17 Kapitel ist zusätzlich mit einem Begriff aus dem Mandarin versehen. So heißt „Der Unbesiegbare“ zugleich „Der Mann, der so einsam ist, dass er keinen Gegner mehr findet“ und ist eine Metapher für den Kaiser, auch genannt „Herr der Ewigkeit“. Die Parallelität der Schilderungen des Schaffottplatzes, der Ankunft des europäischen Schiffs und des sich im Fieberwahn wälzenden Kaisers ist unglaublich dicht. So dass man förmlich das Gebrüll hört und den Fluss und das Blut riecht. Tosender Applaus belohnt die packende Lesung.

Mit vielen Preisen ausgezeichnet

Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen veröffentlichte er einige Erzählungen. Sein neuestes Buch ist „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Er erhielt viele literarische Auszeichnungen. Unter anderem die nach Franz Kafka, Heinrich Böll, Heinrich von Kleist und Bert Brecht benannten Literaturpreise oder den Premio Mondello. may

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