Hauptversammlung Aufsichtsrat in der Schusslinie

Unmittelbar vor Beginn der gestrigen Hauptversammlung im Gaisbacher Carmen-Würth-Forum. Der renommierte Wirtschaftsanwalt Martin Schockenhoff sitzt auf dem Podium neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Heiko Stallbörger, dem Vorstandschef Mathias Hallmann und Finanzvorstand Volker Walprecht (vorn von links).
Unmittelbar vor Beginn der gestrigen Hauptversammlung im Gaisbacher Carmen-Würth-Forum. Der renommierte Wirtschaftsanwalt Martin Schockenhoff sitzt auf dem Podium neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Heiko Stallbörger, dem Vorstandschef Mathias Hallmann und Finanzvorstand Volker Walprecht (vorn von links). © Foto: ht
Künzelsau/Waldenburg / Jürgen Stegmaier 31.08.2018

Aus Gewinnen wurden Verluste. Die Umsätze sind eingebrochen, Dividenden werden zumindest für 2017 nicht gezahlt. Die Schwierigkeiten der zurückliegenden Jahre lasteten Aktionärsvertreter gestern dem ehemaligen Vorstand sowie dem Aufsichtsrat der R. Stahl AG an.

Harte Kritik äußerte Clemens Lotz an den ehemaligen Stahl-Vorständen Martin Schomaker und Bernd Marx. Unter ihrer Leitung habe es hohle Versprechen, schlechte Ergebnisse und mangelhafte Leistungen gegeben. „Es ist mir völlig rätselhaft, warum dafür eine Abfindung von 350 000 Euro bezahlt wird“, rief der Analyst ins Publikum in Anspielung auf den goldenen Handschlag für den ehemaligen Vorstandschef Schomaker.

Kein Verständnis

Lotz vertrat bei der gestrigen Hauptversammlung der R. Stahl AG die Investmentgesellschaft TGV. 32 Fragen wollte er von Vorstand und Aufsichtsrat beantwortet haben. Er sprach von Fehltritten, ungenügend wahrgenommener Überwachungspflicht, von unüberlegten Ausschüttungen. Kein Verständnis habe er, dass seitherige Aufsichtsratsmitglieder wieder zur Wahl stehen. Er könne nicht zustimmen. Auch fehle ihm das Verständnis dafür, dass die Abstimmung über die Entlastung der Ex-Vorstände Schomaker und Marx  verschoben werden soll. Clemens Lotz arbeitet für die Gesellschaft TGV, diese hält knapp 5 Prozent der Stahl-Anteile.

Ungeachtet dieser Kritik wurde der Aufsichtsrat entlastet, wenn auch mit wenig überzeugenden Ergebnissen von rund 75 Prozent. Dagegen ging die Vertagung der Entlastung der Ex-Vorstände glatt über die Bühne.

Wenn es einen Gewinner bei der gestrigen Hauptversammlung gab, dann war das der neue Vorstandschef Mathias Hallmann mit Finanzvorstand Volker Walprecht an der Seite. Hallmann wird ganz offensichtlich zugetraut, den Explosionsschutzexperten zu alter Stärke zurückzuführen.

Führende Technologie

„Wir sind die Nummer 1 in Europa und die Nummer 2 weltweit“, machte der promovierte Ingenieur Hallmann deutlich. Stahl sei nach wie vor der weltweite Technologieführer, der alle Anwendungsbereiche des Explosionsschutzes abdecke.

Bei den Stahl-Unternehmen werde keineswegs alles beim Alten bleiben. „Wir werden unsere Strategie bis in den letzten Winkel unseres Unternehmens kommunizieren“, kündigte Mathias Hallmann an. „Wenn ich was nicht leiden kann, dann sind es Sprüche wie: Das haben wir schon immer so gemacht.“ Stahl solle so effizient werden, dass die AG bei jeder Marktlage Geld verdient. Dies könne gelingen, wenn sich Stahl auf das konzentriert, was Kunden verlangen und bezahlen.

Das Unternehmen habe zu viele Varianten ähnlicher Artikel angeboten. 7000 davon seien inzwischen vom Markt genommen worden.

Druck wird abgeleitet

Hallmann sei überzeugt davon, dass Stahl die größte Innovation der zurückliegenden 25 Jahre in der Pipeline hat: ein Schutzgehäuse, das einen möglichen Explosionsdruck durch eine Gitterstruktur kontrolliert nach außen ableitet. Bisher bestand die Strategie darin, dass dickwandige Gehäuse den Explosionsdruck vollständig im Gehäuseinneren halten. Die neue Technik spare 20 Prozent an Platz und 50 Prozent an Gewicht.

„Wer sich von seiner Stahl-Aktie trennen will, sollte es nicht jetzt tun“, empfahl der Vorstandschef. Gestern notierte der Stahl-Anteilsschein nahezu so tief wie zuletzt im November 2012, kurz nach dem Börsengang.

Schwache Bilanz mit Silberstreif

Minuszeichen stehen im Geschäftsbericht 2017 vor wesentlichen Kennzahlen der R. Stahl AG: Der Umsatz ging um 6,3 Prozent auf 268,5 Millionen Euro zurück. Der Explosionsschutzexperte aus Waldenburg macht einen Verlust von 10,7 Millionen Euro nach einem Gewinn von 8,8 Millionen Euro im Vorjahr. Die Eigenkapitalquote beträgt nur noch 27,7 Prozent nach 34 Prozent im Jahr 2016 – das entspricht zum Jahresende 69,1 Millionen Euro. Davor waren es 94,8 Millionen Euro.

Diese schlechte Bilanz erklärt der Konzern damit, dass das Geschäft mit Explosionsschutztechnik in hohem Maße abhängig ist vom Preis von Öl und Gas. Die Öl und Gas fördernden und verarbeitenden Unternehmen standen und stehen stark unter Preisdruck, sie senkten ihre Kosten in den zurückliegenden Jahren erheblich – unter anderem dadurch, dass sie sich mit Investitionen zurückhielten.

Einen Lichtblick scheint es zu geben. Vorstandsvorsitzender Mathias Hallmann machte gestern bei der Hauptversammlung deutlich, dass aktuell erstmals seit elf Quartalen wieder ein Umsatzzuwachs zu erwarten sei, außerdem würde der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen deutlich zweistellig wachsen.

Zur R. Stahl AG gehörten zum Ende des Jahres 2017 38 Unternehmen, 9 in Deutschland, 29 im Ausland. Aufgelöst wurde inzwischen die R. Stahl Nissl GmbH in Wien. Stahl hat Unternehmen unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Brasilien, China, England, Indien, Japan, Korea, Russland, Norwegen und den USA.

Mehr als die Hälfte der Stahl-Aktien wird vom Umfeld der Gründerfamilien Stahl und Zaiser gehalten. Jeweils rund 10 Prozent der Anteilsscheine gehören der RAG-Stiftung sowie der Baden-Württembergischen Versorgungsanstalt für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte. Von den 6 440 000 Aktien sind 22,37 Prozent in Streubesitz. just

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Stück betrug im Jahr 2017 der durchschnittliche tägliche Umsatz an Aktien der R. Stahl AG an den Börsen.

Prominenz auf dem Podium

Der Aufsichtsrat hatte offenbar damit gerechnet, dass die Aktionäre schwere Geschütze auffahren würden. Sie hatten sich den Wirtschaftsjuristen Martin Schockenhoff mit aufs Podium geholt. Schockenhoff hatte einst den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus beim umstrittenen Kauf der ENBW-Aktien beraten. Martin Schockenhoff sollte für Stahl wohl sicherstellen, dass die Antworten von Aufsichtsrat und Vorstand auf die Fragen der Aktionäre beziehungsweise deren Vertreter rechtssicher sind. just

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