Ulm Nach Hagel und Starkregen: Das große Aufräumen in Ulm

Ulm/Neu-Ulm / Ulrike Schleicher 31.08.2018
Am Tag nach dem Hagelschauer wurde überall gefegt und entsorgt. Hoffnung gibt es für die Einsinger: Laut EBU soll im Herbst ein Konzept für den Hochwasserschutz vorgestellt werden.

Die weißen Körner waren am gestrigen Morgen fast überall weggetaut. Nur unter Blätterhaufen fanden die Bewohner der Weststadt, Söflingens und des Kuhbergs noch Reste des eiskalten Niederschlags, der am Mittwoch gegen 17 Uhr plötzlich auf Teile der Region niedergeprasselt war. In der Folge waren gestern Straßen und Wege sowie Rasenflächen von grün-braunen Teppichen bedeckt: vom Hagel zerschlagene Blätter, die der Wind überall verteilt hatte.

Das große Aufräumen begann. Am unteren Kuhberg und in der Weststadt sah man überall Leute mit Besen und Schaufel vor großen Haufen aus Blättern. Mitunter blieben sie stehen und betrachteten, immer noch ungläubig, ihre verwüsteten Gärten.

Auch in der Innenstadt, etwa im Fischerviertel, fegten und schrubbten die Anwohner am frühen Vormittag vor ihren Häusern. Wie praktisch, dass an dem Tag die Müllabfuhr gegen 9 Uhr kam, und zwar von Bio- und Restmüll. Weswegen einige Anwohner noch schnell die Biotonnen befüllten: mit zusammengefegten Blättern von Gehwegen, mit heruntergefallen Zwetschgen und Zweigen aus kleinen Gärten, mit verhagelten Blumen von ihren Balkonen.

Entsorgung in die Biotonne

Sind noch Schlamm und Schotter dabei, gehört dieses Gemisch jedoch in die Restmülltonne, sagte Lutz Schönbrodt, Abteilungsleiter Grüngut bei den Entsorgungsbetrieben Ulm (EBU). Wer keine Tonne hat, könne dieses Gemenge auf den Recyclinghof bringen – für 10 Euro bis zu einer Menge von 200 Kilo. Genauso viel kostet es, wenn man dort größere Mengen des Blätter-Obst-Gemisches entsorgt.

„Zum Heulen“, sagte eine Anwohnerin angesichts ihrer kaputten Balkonblumen. Ganz oben wohne sie, kein Dach schützt ihren Balkon – die Blumen sind nach dem Hagelschauer nur noch trostlose Stängel. Ihre Nachbarin schleppte währenddessen einen großen Blumentopf zur Biotonne – mit einem meterhohen Stil, der bis vorgestern Abend eine mannshohe Sonnenblumen gewesen sein soll. Der traurige Rest der Blume wanderte in die Biotonne.

Vor dem Hotel „Schiefes Haus“, stets geschmückt mit rot blühenden Geranien, lagen schwere Blumenkästen auf der Straße. Eine Anwohnerin sagt, sie habe sich noch nicht getraut, ihren üppig bepflanzten Balkon zu inspizieren. Um das Bild des Jammers nicht zu sehen, habe sie am Vorabend kurzerhand die Vorhänge zugezogen.

Die Schäden hielten sich trotz des heftigen Sturms in Grenzen, teilte die Polizei gestern mit. Außer mit umgestürzten Bäumen seien die Einsatzkräfte und Mitarbeiter der EBU hauptsächlich mit herabgefallenen Ästen, umgefallenen Verkehrszeichen und Ampeln sowie mit überfluteten Straßen und Wohnungen beschäftigt gewesen.

In Häusern seien vereinzelt auch Schäden entstanden. Etwa in einer Wohnung in der König­straße, die unter Wasser stand. Die Bewohner waren nicht zu Hause, und die Feuerwehr musste den Hagel aus der Wohnung schaffen, beziehungsweise in der Badewanne entsorgen.

Bei Einsingen musste wie berichtet die B 311 gesperrt werden. Kurz nach 19 Uhr war eine Hochspannungsleitung geknickt. Die Bundesstraße war aber gegen 20 Uhr wieder befahrbar, allerdings kehrten Maschinen noch Äste, Blätter und Schlamm von der Fahrbahn.

Südlich von Erbach war gegen 17.30 Uhr ein IRE gegen einen umgestürzten Baum geprallt. Verletzt wurde niemand. Nach etwa zwei Stunden hatten Mitarbeiter der Bahn die Strecke geräumt.

Blockiert war zeitweise auch der Blaubeurer-Tor-Ring, weil Autofahrer ihre Fahrzeuge wegen des Hagels unter der Brücke abgestellt hatten und den Verkehr behinderten. Die Unterführung der Neuen Straße war bis kurz vor 22 Uhr noch stadtauswärts unpassierbar. Dort stand das Wasser zum Teil kniehoch.

80 Einsatzorte der Feuerwehr

Die Ulmer Feuerwehr war mit acht Abteilungen und 125 Mann an 80 Einsatzorten – „das waren 650 Einsatzstunden“, sagte der stellvertretende Feuerwehrkommandant Reiner Schlumberger anerkennend. Zu 70 Prozent musste die Feuerwehr Keller und Tiefgaragen auspumpen, zu 20 Prozent Bäume und Äste von der Straße räumen. Der Rest waren Dachziegelschäden. Die Einsatzschwerpunkte lagen in Einsingen, in der Weststadt und am Kuhberg.

Dort waren die EBU in der Nacht nach dem Sturm und gestern erneut mit vier Kanalfahrzeugen im Einsatz, um aus den Auffangkörben der Gullis Hagelkörner und Blätter zu entfernen. Außerdem waren am späten Mittwochabend drei Kehrmaschinen unterwegs. Und die 22 Straßenkehrer, die jetzt in der Urlaubszeit noch im Dienst sind, waren unermüdlich auf den Beinen.

Dass am Kuhberg wieder einmal Keller überflutet wurden, kann sich Alfons Zoller, der stellvertretende EBU-Betriebsleiter, nur so erklären: Dort habe es mehr als 40 Liter pro Quadratmeter geregnet. Das schaffe keine Kanalisation. Erst recht nicht, wenn Hagel die Gullis verstopft.

In Einsingen waren zu den Sturmschäden noch Überflutungen dazugekommen. Wie schon vor zwei Jahren schoss schlammiges Oberflächenwasser vom Hochsträß ins Tal. Da bisher bis auf das Ausmähen des Rötelbaches noch nichts zum Hochwasserschutz unternommen wurde, konnte Zoller gestern Hoffnung machen: „Im Herbst wird im Fachbereichsausschuss zunächst nur für Einsingen ein Konzept vorgestellt, ein Mittelding zwischen Hochwasserschutz und Regenrückhaltebecken.“

In Neu-Ulm war am Mittwochabend die Überflutung der Unterführung im Starkfeld das größte Überschwemmungsproblem. In der Schrebergartenanlage Koppenwörth wurde um 18.20 Uhr eine 15 Meter hohe Fichte entwurzelt. Diese riss im Fall ein Stromkabel mit und beschädigte beim Aufprall eine Gartenhütte und eine Hecke, teilte die Polizei mit. Schaden: 8000 Euro. Überdies stürzte an der Staatsstraße 2023 ein Baum auf die Fahrbahn und beschädigte die Front eines dort fahrenden Lkw. Der Fahrer kam mit dem Schrecken davon.

Ursache des Unwetters

Wie kommen solche lokalen Unwetter zustande? „Sie haben ihren Auslöser über dem Bergland der Schwäbischen Alb“, sagte Sarah Jäger, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst in Stuttgart. Die Luft wird angehoben und in zwölf Kilometern Höhe entstand am Mittwochnachmittag „eine minus 60 Grad Celsius kalte und mächtige Wolke mit Eiskörnern“.

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Hagelschäden: Telefone laufen heiß

Schäden Die Telefone im Hagelschadenzentrum Ulm sind gestern heiß gelaufen. „Auch schon am Abend davor ging es los“, sagt Daniela Bagaccin, Prokuristin der Firma, die deutschlandweit agiert. Der Hagel habe zahlreiche Autos  – vor allem im Westen der Stadt beschädigt. Nicht nur die Eigentümer, auch Versicherungen riefen an, um für ihre Kunden und ihre Gutachter Besichtigungstermine im Zentrum auszumachen. „Wir stellen ihnen unsere Infrastruktur zur Verfügung“, sagt sie. Ein großer Versicherer in Ulm habe von rund 600 gemeldeten Schäden gesprochen.

Teilkasko In den Hallen des Zentrums habe man ein spezielles Licht, in dem man jede Delle erkenne. „Manchmal denken Leute, ihr Auto sei unbehelligt und erschrecken dann.“ Wie stark die Schäden sind, könne man momentan nicht überblicken. Im Schnitt gehe es bei 1000 Euro los. In Bietigheim, wo das Zentrum neulich nach einem Unwetter arbeitete, habe es Schäden bis zu 8000 Euro gegeben. „Wir stellen den Originalzustand des Autos wieder her“, sagt Daniela Baggacin. Die Versicherungen bezahlten die Reparatur, wenn man Teilkasko hat, ohne dass die Prämie steige. Abgearbeitet würden die Schäden meist recht rasch: „Wir haben eine Menge Fachleute.“

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