Sulzbach-Laufen Am 21. April 1945: Hinrichtung und Bomberabsturz erschüttern Sulzbach

Sulzbach-Laufen / KLAUS MICHAEL OSSWALD 22.04.2015
Die Erschießung des Soldaten Alfred Scheffler und der Absturz des amerikanischen Bombers "Struggle Buggy" am Dienstag vor 70 Jahren bei Sulzbach haben im Limpurger Land für Aufregung gesorgt.

Leutnant Alfred Scheffler ist tot. Seine Henker, die ihn im Morgengrauen des 21. April 1945 in Hohenberg "wegen Feigheit vor dem Feind" erschossen und verscharrt haben, sind auf der Flucht vor den anrückenden US-Truppe in Richtung Abtsgmünd weitergezogen. Gerade noch rechtzeitig, denn Sulzbach wird am 22. April besetzt.

Just an diesem Sonntag wagt sich der Pilot des in der Brünst abgestürzten amerikanischen Bombers aus der Deckung. Er hatte sich, nachdem seine Maschine vom Typ Boeing B-17 angeblich manövrierunfähig geworden war, mit dem Fallschirm gerettet und einige Kilometer von der Absturzstelle entfernt im Wald versteckt. Eine Frau - vermutlich in Sulzbach - habe ihn mit Kaffee und einem Vesper versorgt, gibt er später vage zu Protokoll.

Über das Schicksal seiner sieben Kameraden wird Jack B. Kirk vorerst nichts erfahren. Er gibt die Hoffnung aber nicht auf: Augenzeugen wollen zum Zeitpunkt des Absturzes nämlich mehrere Fallschirme am Himmel gesehen haben. Sollten Lloyd, John, Oliver, Harold, Robert, Charles und Alma seinem "Bail-out"-Befehl - der Aufforderung, mit dem Fallschirm das Flugzeug zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen - tatsächlich gefolgt sein?

Kirk hat bislang nur die Gewissheit: Das Flugzeug ist zerstört. Das erklärt er den in Sulzbach einrückenden Landsleuten. Bei der Suche nach dem Wrack und den übrigen Besatzungsmitgliedern behilflich zu sein, wird ihm verwehrt. Kirk wird über Paris zurück zur Basis ins englische Bury St. Edmunds gebracht, von wo aus seine Maschine am 21. April gestartet war. Die noch am selben Abend für alle acht Soldaten der "Struggle Buggy" angefertigte Vermisstenmeldung, der "Missing Air Crew Report", wird in seinem Fall handschriftlich von "vermisst" - "Missing in Action" - auf "Returned to Duty" korrigiert, also zurückgekehrt zum Dienst.

Zurück nach Sulzbach: Alle sieben vermeintlich vermissten Besatzungsmitglieder seien bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, heißt es im Ort. Der "Vorgang" wird bei den US-Behörden schnell aktenkundig, gerät jedoch in den Wirren der letzten Kriegstage bald in Vergessenheit. Die Opfer des Absturzes werden zunächst in einem Massengrab an der Absturzstelle beerdigt, später exhumiert und auf Soldatenfriedhöfen in den USA und in Belgien bestattet.

Beim nahegelegenen Hohenberg findet Alfred Scheffler seine letzte Ruhe, viele Jahre lang gepflegt von Rosine Votteler, der Wirtin vom "Grünen Baum". Sie wird sich 15 Jahre später an eine mysteriöse Begegnung erinnern: Sie beobachtet im Ort einen Mann, der ihrer Überzeugung zufolge dem Exekutionskommando angehört haben könnte. Die Ermittlungen der Kriminalaußenstelle Backnang führen zur Feldgendarmerie-Einheit 235. Einzelheiten werden nicht bekannt.

Der Wirtin soll sich Scheffler kurz vor seinem Tod noch anvertraut haben: Er könne mangels Munition "nicht mehr weitermachen". Deshalb sei ihm "Befehlsverweigerung" vorgeworfen worden. Er sei aber kein Feigling.

Kleiner Fehler im Protokoll blockiert die Recherche

1995 wird durch RUNDSCHAU-Recherchen der Name des Offiziers ermittelt, der 50 Jahre zuvor, am 20. April 1945, den Erschießungsbefehl unterschrieben hat: Generalmajor Konrad Barde, der nach der Tötung Schefflers nur noch zwei Tage lang die 198. Infanteriedivision kommandieren sollte. Am 4. Mai 1945 bringt er sich, nun auf der Flucht, in Traunstein um. Ein posthum eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen ihn wird am 30. Mai 1961 eingestellt.

Mehr als 60 Jahre sollte es bis zur Klärung des Schicksals der Bomberbesatzung dauern: Dass Lloyd G. Olson, Co-Pilot John G. Beck, Oliver B. Hawthorn, Harold B. Thompson jr., Robert L. Kipp, Charles L. Stribl und Alma H. Glick an jenem 21. April 1945 starben, galt zwar schon längere Zeit vorher als sicher. Und die Militärbürokratie hat ihren Status von "Missing in Action" auf "Killed in Action" gesetzt. Dennoch: Lange Zeit war davon ausgegangen worden, dass die "Struggle Buggy" der 332. Bomberschwadron mit der Seriennummer 42-97342 auf später sowjetisch besetztem Gebiet abgestürzt sei und deshalb Recherchen vor Ort nicht möglich sein würden: Im Verlust-Report war die Absturzstelle "near Halle" ausgewiesen - bei Halle (an der Saale). Gemeint war jedoch, wie 2005 der Flugzeugarchäologe Roland Watzl durch umfangreiche Forschungen und Funde direkt an der Absturzstelle zweifelsfrei ermitteln konnte: "Sulzbach bei (Schwäbisch) Hall" (die RUNDSCHAU hat seinerzeit ausführlich berichtet).

Ironie des Schicksals: Am 5. April 2005, kurz vor Beginn der Recherchen in die "richtige Richtung", starb Pilot Jack B. Kirk, der einzige Überlebende des Unglücks. Ob Angehörige des Erschießungskommandos von Hohenberg noch leben, ist nicht bekannt.

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